65 Jahre AMS: Heute juckt der Eco-Bleifuß

Mit 65 Jahren gehen andere in Rente, der Motorpresse-Klassiker Auto, Motor und Sport dreht weiter seine Runden und legt zur Feier eine Extraspur Gummi: Zum Jubiläum hat die Mannschaft um Chefredakteur Bernd Ostmann das Blatt "optisch wie inhaltlich weiterentwickelt". Das Ergebnis des Tuningprogramms liegt seit heute am Kiosk - eine 250 Seiten starke PS-Packung, die auch sanftes Interesse für nachhaltige Mobilitätsthemen zeigt. MEEDIA hat das aktuelle Heft geblättert.

Anzeige

Mit neuen Schriften und Stilelementen fährt die runderneuerte AMS vor. "Wir blicken zurück, aber wir schauen vor allem nach vorn", lautet die Rebrush-Devise von Chefredakteur Ostmann. Der Gesamteindruck soll übersichtlicher und lesefreundlicher sein, ohne dass die Redaktion dabei auf die üppigen Service-Extras verzichtet. Großzügig wirken vor allem die Anzeigen, der Rest ist knüppelvoll mit Service-Kästen, Daten und Fakten. Mit diesem Konzept ist Auto, Motor und Sport jahrzehntelang bestens gefahren, und dabei soll es auch in Zukunft bleiben.
Dass der Anzeigenmarkt der großen internationalen Hersteller das autofreundliche Magazin mindestens ebenso liebt wie seine Stammleser, machen bereits die Jubiläumsmotive deutlich: Eine ganze Reihe von Konzernen haben die Einladung des Verlags genutzt, der AMS zu gratulieren. "Wir haben lange überlegt, was wir der Auto, Motor und Sport zum 65sten schenken", textet etwa Toyota, "und uns dann für einen Ausblick auf die Antriebsart der Zukunft entschieden." Die Werbung für die umweltfreundliche, aber wenig sportliche "Vollhybrid-Familie" des Unternehmens dürfte ein Geschenk sein, dass bei dem einen oder anderen Heißsporn in der Redaktion eher verhalten aufgenommen wird. Immerhin warb die Stuttgarter Zeitschrift Ewigkeiten mit dem heute grotesk anmutenden Kampfruf "Benzin im Blut", ein Slogan, der übrigens offiziell niemals abgeschafft wurde.
Der Spagat, neben dem Zeitfahren mit sündhaft teuren Boliden auf der Nordschleife auch die CO2-Debatte zu bedienen, kann eben nur begrenzt funktionieren. Im Zweifel hat sich das Magazin hier wohl stets fürs Gasgeben entschieden, auch wenn heute sicher öfter der Eco-Bleifuß juckt – wie beispielsweise beim Ausritt mit dem Protoscar Lampo3, dem "stärksten Elektroauto der Welt", das seine Insassen in 4,5 Sekunden auf Tempo 100 katapultiert. Zufrieden bilanziert der AMS-Tester: "Statt skeptisch auf die E-Sparbrötchen zu schauen, dürfen sich Car Guys auf die Nachkommen des Lampo 3 freuen."
Solche Leute, von denen es auch in der Leserklientel weiterhin viele geben dürfte, werden sich vom Geburtstagsgruß aus Wolfsburg mit Golf GTI-Optik weit mehr angesprochen gefühlt haben: "35 Jahre Brettern gratulieren 65 Jahre Blättern." Das klingt so, wie die Redakteure selbst gern texten: Die Wortspiele und -variationen gehören zu den prägenden Stilelementen der AMS-Ära. Beispiele dafür liefern auch die Headlines der aktuellen Ausgabe: Von einer "Sprit-Tour" ist die Rede, wenn der Vergleich Diesel gegen Benziner ansteht, "Strom aufwärts" ist der Report über ein Audi-Hybridmodell betitelt, "Pass muss sein" heißt es über eine Alpen-Rallye-Gaudi.
So war die Welt der AMS, und so soll sie sein, wie auch die redaktionelle Zeitreise durch die vergangenen 65 Jahre des Magazins zeigt. Merkwürdig distanziert und leblos wirkt dagegen der Ausflug in die Entwicklung der Mobilität. "Was fahren wir in Zukunft?" fragt die Redaktion und beantwortet dies nicht mit einem neuen Modell, sondern mit einer von reichlich Grafiken durchsetzten Faktensammlung. Das wirkt im Vergleich zum Rest des Heftes eher trist. Auch die Dokumentation einer Weltreise dreier Mercedes B-Klassen mit Brennstoffzelle, die mit knapp 40 Fotos der Fahrzeuge dokumentiert wird, will nicht recht zünden.
Auf diesem Feld scheint das grundsätzliche strategische Dilemma des Magazins zu liegen, das schon beim letzten Relaunch vor gut einem Jahr Thema war. Wie weit soll man sich der wachsenden Zielgruppe derer öffnen, für die Nachhaltigkeit und Freizeitwert beim Autofahren das zentrale Anliegen ist und nicht der Spaß am Reifenquietschen unter Volllast? Denn ein solcher Shift könnte jene Stammleser vergraulen, die bei Testberichten instinktiv zunächst nach Höchsttempo, Beschleunigung und Drehmoment fahnden. Wo ist der AMS-Lesermarkt der Zukunft?
Während die verkaufte Auflage der Auto Motor und Sport bis etwa 2007 sehr stabil aussah, geht es seitdem deutlich nach unten. Für 2007 meldete die IVW im Jahresdurchschnitt noch 495.683 verkaufte Exemplare, 2010 lag diese Zahl nur noch bei 402.562. Zwar baute der Verlag in diesem Zeitraum auch Bordexemplare ab, doch gingen auch mehr als 35.000 Abonnenten und mehr als 30.000 Kiosk-Käufer abhanden. Die harte Auflage aus Abos und Einzelverkauf lag 2010 bei 308.301, 2007 noch bei 374.558 – ein Minus von mehr als 17% in nur drei Jahren. Der schärfste Konkurrent im Motor-Segment, Springers Auto Bild, verlor in den drei Jahren nur rund 9%.

Im Anzeigenmarkt sieht es für das Magazin dagegen derzeit nicht so schlecht aus. Nach einer kräftigen Delle im Jahr 2009 (-18,3% gegenüber dem Vorjahr) ging es 2010 mit einem Plus von 15,1% wieder deutlich nach oben. Im aktuellen Jahr 2011 beträgt das Brutto-Werbeumsatz-Plus laut Nielsen weitere 12,1%. Mit 24,11 Mio. Euro belegt Auto Motor und Sport in der aktuellen Anzeigenstatistik der Monate Januar bis Mai den 14. Platz aller Publikumszeitschriften. Auch hier liegt die Auto Bild allerdings vorn: mit 25,31 Mio. Euro auf Rang 11.
Die laut Chefredakteur Ostmann "deutlichste optische Veränderung seit vielen Jahren" wird von einer Kampagne der Hamburger Agentur Legas Delaney begleitet, die in Magazinen und überegionalen Zeitungen wie auf Plakaten geschaltet wird.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige