Kachelmann: Ex-Geliebte sieht „Hexenjagd“

Nach dem Prozess ist vor dem Interview: Eine Woche erst ist es her, dass Jörg Kachelmann seine Generalabrechnung mit Justiz, Medien und der Ex-Geliebten via dreiseitigem Zeit-Interview präsentierte. Nun folgt quasi die Gegendarstellung. Im Interview mit der Bunten erklärt die Belastungszeugin Claudia D.: "Ich bin keine rachsüchtige Lügnerin." Das Pikante dabei: Sowohl die Zeit wie die Bunte waren während des Verfahrens aufgrund einseitiger Berichterstattung in die Kritik geraten.

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Die 38-Jährige nennt das Gespräch zweier Autoren des Zeit-Dossiers mit Kachelmann ein "heuchlerisches Interview". Die Wochenzeitung hatte den Moderator unter anderem so zitiert: "Das, was die Nebenklägerin mit mir gemacht hat, als sie sich den Vorwurf der Vergewaltigung ausdachte, das ist keine Verarsche. Das ist kriminell." Erste Zitate des Interviews mit der Radiomoderatorin, das morgen in Bunte erscheint, wurden am Mittwoch vorab von Bild.de veröffentlicht. Das News-Portal schreibt, in dem Interview berichte die Nebenklägerin von "Selbstmordgedanken, der öffentlichen Bloßstellung, ihrem verlorenen Vertrauen in Männer, von ihren Ängsten und ihren Enttäuschungen".
Dass die Münchner Illustrierte Bunte das Medium sein würde, das sich die Nebenklägerin als Interviewpartner aussucht, ist wenig überraschend – auch wenn nicht klar ist, von wem hier die Initiative ausging. Bereits nach dem richterlichem Freispruch Kachelmanns vom Vorwurf der Vergewaltigung hatte Chefredakteurin Patricia Riekel im Editorial geschrieben: "Der Kachelmann-Prozess wird viele Frauen abschrecken, erzwungene Sexualität in einer Beziehung, wie immer sie geartet ist, anzuzeigen. Denn in einem Prozess wird ihr vielleicht nicht nur nicht geglaubt, sondern sie wird zur rachsüchtigen Täterin stigmatisiert. Man fragt sich nach diesem Prozess: Was mag für eine Frau schlimmer sein — eine Vergewaltigung oder der Spießrutenlauf danach?"
Zu all diesen Themen kann die Nebenklägerin nun ihr "Schweigen brechen" (selbstverständlich mit dem Zusatz: "Ich hatte nie vor, in die Öffentlichkeit zu gehen") und erklären: "Ich bin in den vergangenen 16 Monaten so oft gestorben, das kann sich keiner vorstellen." Am Nachmittag stellte auch die Bunte einen Vorabartikel zur morgigen Titelgeschichte online, in der Claudia D. von einer "Hexenjagd" in den vergangenen Monaten spricht: "Man hat versucht, mich mit gezielten Hetzkampagnen zugrunde zu richten und in den Selbstmord zu treiben." Zudem bereue sie heute ihre Strafanzeige bei der Polizei: "Ich würde jeder Frau abraten, ihren Peiniger anzuzeigen, wenn dieser reich ist und sich mit Geld freikaufen kann."
Die Bunte hatte bereits während des Verfahrens drei Ex-Geliebte Kachelmanns interviewt und für die Informationen Beträge zwischen 5000 und 50.000 Euro bezahlt. Auch wenn das "Einkaufen" von Zeugen für Exklusivberichterstattung im hochkompetitiven Magazinmarkt durchaus üblich ist, war die Bunte bei ihrer Berichterstattung durch die Einseitigkeit in Verruf geraten, mit der über den Fall berichtet wurde. Auch die Zeit hatte durch die Nähe ihrer Gerichtsreporterin Sabine Rückert zum Kachelmann-Verteidiger Johann Schwenn und eine umstrittene Mail an dessen Prozess-Vorgänger Reinhard Birkenstock Kritik geerntet. Anklage und Verteidigung waren in diesem Verfahren auch in der Medienlandschaft klar auszumachen. Nun, so könnte man meinen, werden diese Medien für ihre Rolle in der Berichterstattung von den Protagonisten mit Exlusivinterviews "belohnt".
In der Sache sind beide Interviews wohl kein Fortschritt. Schon das Gericht hatte letztlich bei der Wahrheitssuche kapituliert und beide, den Angeklagten wie die Nebenklägerin, mit der Mahnung entlassen, dass einer der beiden Menschen schwere Schuld auf sich geladen habe – entweder durch eine brutale Tat oder eine schwerwiegende Verleumdung. Bei allem, was er oder sie sagt, darf nicht ausgeblendet werden, dass die durch Kachelmann oder Claudia D. verbreitete "Wahrheit" auch eine Lüge sein könnte. Schon der Zeit, die Kachelmann im Interview rasch und geradezu widerstandslos die Steuerung und Gesprächshoheit überließ, gelang es nicht, den Lesern diesen Kontext wirklich transparent zu machen. Die Bunte, so steht zu befürchten, wird das gar nicht erst versuchen.

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