Kino-Doku: das Print-Fossil und der Blogger

Am 1. Juli startet in den USA landesweit der Dokumentarfilm “Page One: Inside The New York Times”. Regisseur Andrew Rossi erzählt in dem Film, wie die Zeitung mit dem Medien-Umbruch kämpft. Themen wie Paywall, Wikileaks, iPad und Twitter erobern die große Kinoleinwand. Einer der Protagonisten des Films ist der Times-Medienredakteur David Carr, als eine Art Fossil der Print-Welt. Ihm gegenüber steht der Blogger und Social-Media-Fan Brian Stelter.

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Im Film “Page One: Inside The New York Times” sagt Carr an einer Stelle: “I still can’t get over the feeling that Brian Stelter was a robot assembled in the basement of The New York Times to come and destroy me.” Übersetzt: “Ich werde das Gefühl nicht los, dass Brian Stelter ein Roboter ist, der im Keller der New York Times zusammengebaut wurde, um mich zu vernichten.” An den beiden in jeder Beziehung gegensätzlichen Männern Carr und Stelter erzählt der Film exemplarisch das Aufeinanderprallen der alten und der neuen Medienwelt innerhalb einer Redaktion.

Stelter begann seine Karriere als Blogger und wurde in relativ kurzer Zeit zum Medienredakteur der Times. Carr ist das, was man auch im Journalismus als ein Original bezeichnet. Er hat über seine Kokain- und Alkoholsucht einen Bestseller geschrieben, hat in Provinz-Zeitungen gearbeitet und ist ein Verfechter der des traditionellen, Fakten-basierten Journalismus, für den nicht zuletzt eine Institution wie die New York Times steht. Carr ist einer, der auch mal wochenlang für eine Geschichte recherchiert und dann eine weitere Woche braucht, um sie zu schreiben. Stelter ist einer, der sich darüber aufregt, wenn in der Konferenz durchgekaut wird, was auf Twitter seit den frühen Morgenstunden schon wieder ein alter Hut ist.

In einem Interview zum Film ergänzt Carr seine Roboter-Aussage über seinen Kollegen, den Ex-Blogger Brian Stelter: “Das Roboter-hafte an ihm ist, dass er seinen kleinen Finger bewegt und sofort Content dabei herauskommt. Während er chattet, tweetet und bloggt er gleichzeitig. Und am nächsten Tag ist er auf Seite eins mit einem synthetischen Stück über TV-Analysen oder New media, was er auch noch beackert. Wenn Brian nicht so ein netter Typ wäre, hätte ich ihm vermutlich schon was ins sein Essen gemischt oder ihn still und leise mit einem Kissen erstickt.”

Carrs ätzende Kommentare sagen viel über das Fremdeln der alten Hasen mit den neuen Stars der Social-Media-Szene aus. Regisseur Andrew Rossei sagte in einem Interview zum Film, dass die Times exemplarisch für jede beliebige große, bedeutende Zeitung steht. Der Film hätte auch mit der Washington Post oder der LA Times gemacht werden können. Trotzdem ist die New York Times weltweit sicher eine der großen Bastionen des alten Print-Journalismus, der in der neuen Medienwelt seinen Platz sucht.

Eine Szene des Films zeigt einen Ausschnitt des Festivals und Digital-Konferenz South by Southwest in Austin, Texas. Eine Gruppe von Leuten wird gefragt, wer froh wäre, wenn die New York Times verschwinden würde, und tatsächlich heben einige ihre Hand. Carr kommentierte die Szene in dem Interview zum Film: “Ich denke, es ist interessant, dass sich die Putzerfische wünschen, dass der Wal stirbt. Warum tun sie das? Das erscheint mir kurzsichtig.”
Ob und wann der Film in Deutschland zu sehen sein wird, ist leider noch unklar. Hier gibt es zumindest mal den Trailer.

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