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“Mischung aus Wutbürger und Kohlhaas”

Das erste Interview von Jörg Kachelmann nach seinem Freispruch vom Vorwurf der Vergewaltigung in der Zeit schlug erwartungsgemäß hohe Wellen in der Presse. Die von Kachelmann scharf kritisierte Bild-Zeitung machte am Freitag mit dem Interview auf und titelte “Kachelmann rechnet brutal ab!” und lässt Briefeschreiber Franz-Josef Wagner auf ihn los. Andere Kommentare sind zurückhaltender, sehen Kachelmanns Darstellung aber auch oft kritisch.

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So schreibt auch die FAZ (nur in der Print-Ausgabe vom Freitag) unter der Überschrift “Abrechnung”: “Sollte ihm jemand zu Demut geraten haben, blieb dieser Tipp ungehört. Mit Blick auf das vergangene Jahr mag man das vielleicht verstehen, mit dem Bild des fröhlichen Wetteronkels von nebenan, das Kachelmann als Wolkenkumulierer der ARD von sich geprägt hat, vertragen sich die Tiraden, die er bei Twitter verbreitet, freilich auch nicht. Sie verdüstern eher das Bild.”

Bilds Briefeschreiber Franz-Josef Wagner rät Kachelmann gar zu einem zu werden, “den man vergisst.” Selten habe er ein "rüpelhafteres, böseres Interview gelesen", so Wagner weiter. "Ihr Herz ist voller Rache und Hass." Mit Äußerungen wie denen in der Zeit füttert Kachelmann tatsächlich die von ihm so gescholtenen Medien weiter. Stern.de notiert zu seinen Klage-Drohungen: “Das klingt nach einem Rachefeldzug. Einem, der vor allem den Medien nutzt, die er abgrundtief zu hassen scheint: den Boulevardmedien.”

Der Berliner Tagesspiegel schreibt nicht von einer Abrechnung oder einem Rachefeldzug, aber doch von einem “Rundumschlag”. Folgendermaßen fasst der Tagesspiegel das Kachelmann.Interview der Zeit zusammen: “In einem mehrseitigen Interview mit der Hamburger Wochenzeitung „Zeit“ rechnet Kachelmann mit der Justiz ab, spricht über sein Ehe- und Sexualleben, kompromittiert die Hauptzeugin und Nebenklägerin, lästert über seinen früheren Rechtsanwalt, weint vor den Reportern, als es um seine Kinder geht, kündigt ein Buch an, erwartet sehnlich einen Anruf der ARD, beklagt seine finanzielle Misere und bietet sein Grundstück in Kanada zum Kauf an; parallel beschimpft er via Twitter die Boulevardpresse. Er präsentiert sich an geheimem Ort, abgelichtet in offenem Holzfällerhemd vor Acker und Wald, den Wind an den Haaren zausend, als Mischung aus Kohlhaas und Wutbürger. In den neun Monaten muss sich etwas angestaut haben.” In der Novelle “Michael Kohlhaas” beschrieb Heinrich von Kleist den selbstzerstörerischen Rachefeldzug des Pferdehändlers Kohlhaas, dem Unrecht getan wurde.

Der Tagesspiegel hat auch Kachelmanns früheren Verteidiger Reinhard Birkenstock befragt, der von Kachelmann und seinem aktuellen Verteidiger Johann Schwenn stark kritisiert wurde. Birkenstock zum Tagesspiegel: „Schreiben Sie, ich halte mich an mein Berufsgeheimnis.“ Dann überlegt er es sich anders und gibt noch folgendes Zitat: „Oder schreiben Sie es nicht. Ach, schreiben Sie, was Sie wollen.“

sueddeutsche.de erzählt vor allem Kachelmanns Schilderung seiner filmreifen Flucht vor Paparazzi nach, vergisst aber auch nicht, die besondere Verbindung zwischen Zeit-Autorin Sabine Rückert und Kachelmanns Anwalt Johann Schwenn zu erwähnen: “So hat Kachelmann es der Zeit-Redakteurin Sabine Rückert erzählt, die ihn an einem geheimen Ort im Ausland als erste Journalistin nach dem Ende des spektakulären Prozesses interviewen durfte. Dieses Privileg verdankt sie vermutlich ihrem besonderen Kontakt zu Kachelmanns Verteidiger Johann Schwenn. Dem ursprünglichen Kachelmann-Verteidiger Reinhard Birkenstock hatte Rückert nahegelegt, Schwenn mit ins Boot zu nehmen. Birkenstock hatte das abgelehnt; mitten im Prozess hatte Kachelmann dann Birkenstock entlassen und Schwenn als Verteidiger engagiert.”

Die Welt bezeichnet Kachelmanns Interview als “bitteren Rückblick” und weist auf einen Widerspruch hin. Im laufenden Prozess hatte er erklärt, nicht mehr als Wettermoderator tätig sein zu wollen. Im Zeit-Interview sagte er nun, das müssten “der liebe Gott und die ARD” entscheiden.

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