Kachelmanns boulevardeskes Zeit-Interview

Es hat nicht lange gedauert, bis sich der vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochene Ex-ARD-Wettermoderator Jörg Kachelmann zu Wort meldet. Die Zeit macht ihr Dossier mit einem großen, exklusiven Kachelmann-Interview auf. Die Fragesteller sind die Kisch-Preisträger Sabine Rückert und Stefan Willeke. Sabine Rückert hatte sich bereits im Prozess publizistisch massiv für Kachelmann eingesetzt. Das stellenweise boulevardesk anmutende Interview erhält so einen seltsamen Beigeschmack.

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Nach dem Stück in dem Zeit-Dossier unter der Überschrift “Mich erpresst niemand mehr” hätten sich vermutlich alle deutschen Medien die Finger geleckt. Mit all den Fragen nach Gefühlslagen und Stimmungen hätte das Gespräch freilich ohne Probleme auch in einem Boulevardmedium stehen können. Jörg Kachelmann spricht exklusiv in der Zeit über den Prozess, die Medien, seine Ex-Geliebten usw. Ein Scoop, der sich gewaschen hat. Kachelmann ließ sich von den Zeit-Reportern sogar auf einer Wiese fotografieren, “an einem Ort, an dem ihn die Reporter der Boulevardmedien nicht finden sollen”, wie die Bildunterschrift verrät. Sehr viel anders als in der Zeit hätte die Boulevardmedien Kachelmann wahrscheinlich aber auch nicht präsentiert.

Kachelmann zeigt sich vom Prozess schwer gezeichnet. Er wolle keinen Fuß mehr in ein Lufthansa-Flugzeug setzen und nie mehr in Frankfurt landen. Das ganze Bundesland Baden-Württemberg, wo der Prozess stattfand, werde von ihm nunmehr großräumig gemieden. Er wolle in seinem ganzen Leben keinem baden-württembergischen Polizisten mehr begegnen, so Kachelmann.

Kachelmann erzählt sogar, dass er an einem Buch schreibt, das den Namen “Mannheim” tragen soll, als “Sinnbild des Elends”, wie er in der Zeit sagt. Vor Gericht habe er geschwiegen, weil sein Verteidiger Johann Schwenn ihm das geraten habe, sagt Kachelmann. Allerdings hatte er auch schon geschwiegen, bevor Schwenn als Verteidiger eingestiegen war. Auf den Einwurf der Zeit, Schwenn habe vor Gericht “viel Krach geschlagen”, sagt er: “Nein, so war das nicht. Er war leise. Er war ganz normal.” Schwenn habe nicht gebrüllt oder auf den Richtertisch gehauen, wie die Bild berichtet hat. Es ist nicht nur diese Stelle des Interviews, die den Eindruck erweckt, Kachelmann habe seit dem Prozess womöglich eine etwas verschobene Wahrnehmung der Realität. Zwar hat Schwenn tatsächlich nicht gebrüllt, aber seine Art und Weise im Gericht vorzugehen kann jeder, der anwesend war nur als offene Provokation empfunden haben.

Die Zeit fragt Kachelmann auch nach seiner aktuellen Ehe – er hat während des Verfahrens geheiratet. Kachelmanns Replik: “Solche Fragen sind der Tradition und Qualität der Zeit nicht angemessen.” Das wirkt ein bisschen einstudiert – kaum zu glauben, dass die Zeit-Reporter eine andere Antwort erwartet hätten. Man meint fast, ein stilles Einverständnis zwischen Fragestellern und Antwortgeber zwischen den Zeilen zu bemerken.

Kachelmann schildert auch eine abenteuerliche, geradezu filmreife  Flucht vor den Paparazzi nach der Urteilsverkündung. Erst gab es eine Verfolgungsjagd im Auto seiner Anwältin Andrea Combé, dann flüchtete er in ein fremdes Büro. Von dort konnte er dann nur liegend auf dem Rücksitz eines privaten Pkw entkommen, versteckt unter einer Gummimatte. Seinen Frieden hat Kachelmann aber offenkundig nicht gefunden. Er kündigt an: “Alles, was deutschen, schweizerischen und amerikanischen Anwälten einfällt, möchte ich in die Schlacht werfen.” Er will seinen Ruf wieder hergestellt wissen. Ansonsten sorgt er sich sehr um seine Kinder: Im Laufe des Prozesses seien sogar Fotos und Zeichnungen seiner Kinder an Bunte geschickt worden, erzählt Kachelmann. An dieser Stelle des Interviews muss er innehalten und weinen.

Auf Teile der Medien ist Kachelmann weiterhin nicht gut zu sprechen: “Es gibt Bild-Journalisten, die glauben, dass sie Gott sind. Deswegen rufen die mich immer noch an, auch heute noch. Nie mehr Springer. Nie mehr Burda.” Er ist sich sicher, dass Boulevardmedien “in allen wichtigen Organisationen” Spitzel haben. An Verfolgungswahn leide er aber nicht, versichert Kachelmann später im Text.

Es ist ein emotionales, langes Gespräch, das die Zeit da abdruckt. Auch Sabine Rückert hat das Interview geführt, die den Prozess für die Zeit begleitet hatte. Rückert hatte bereits im Laufe des Verfahrens zwei lange Zeit-Dossiers veröffentlicht, in denen sie deutlich die Position Kachelmanns vertrat. Sie schrieb sogar eine E-Mail an Kachelmanns früheren Verteidiger Reinhard Birkenstock. In der Mail übte Rückert scharfe Kritik an Birkenstocks Verteidigung und bot ihre Kooperation an, allerdings unter Bedingungen: “Wir können nur zusammen kommen, wenn Ihre Verteidigung in dem angedeuteten Sinne professionalisiert wird, dazu sollten Sie sich überlegen, einen Kollegen einzubinden, der Verfahren dieser Art auch gewachsen ist. Wenn Sie mein Buch gelesen haben, wissen Sie, wen ich in einem solchen Fall wählen würde."

Gemeint war Johann Schwenn, mit dem zusammen Rückert bereits das Buch “Unrecht im Namen des Gesetzes” geschrieben hatte. Rückert erläuterte in ihrer Mail an den früheren Kachelmann-Anwalt auch, wie ein solches “Zusammenkommen” im Sinne der Zeit aussehen würde:

"Engagieren würde ich mich auch dann nur, wenn ich den Eindruck habe, dass die Verteidigung richtig liegt. Dies vorausgeschickt interessiert Sie vielleicht, wie die Zusammenarbeit zwischen Verteidigung und ZEIT in der ersten der beiden (im Buch beschriebenen) Wiederaufnahme ausgesehen hat: Am Tage des Erscheinens der ZEIT lag den Richtern des Landgerichts Osnabrück der dreihundert Seiten starke Wiederaufnahme-Antrag Ihres Kollegen Schwenn vor. Das hat dafür gesorgt, dass sich die Richter des Landgerichts Osnabrück und die Nebenklage gehütet haben, presserechtliche Schritte zu ergreifen. Denken Sie darüber nach."

Birkenstock hat nachgedacht und war auf das Angebot Rückerts nicht eingegangen. Der Anwalt Johann Schwenn wurde kurze Zeit später von einem früheren Mandanten bei Kachelmann ins Spiel gebracht, worüber Sabine Rückert wiederum exklusiv berichten konnte. Kachelmann feuerte Birkenstock als Anwalt und nahm Schwenn. Nun kann man die Ergebnisse des “Zusammenkommens” in der Zeit nachlesen. Sabine Rückert hat sich in der Tat sehr engagiert. Für den zur Kooperation unwilligen Anwalt Birkenstock gibt es dafür nochmal reichlich Haue von Kachelmann, Johann Schwenn kommt dagegen erneut blendend weg. Kachelmann: “Mein jetziger Anwalt wollte nicht sofort mehrere Hunderttausend Euro auf dem Tisch liegen sehen. Bei dem Anwalt, den ich zuerst engagiert hatte, war das anders. Ich habe Reinhard Birkenstock sehr sehr viel Geld geben müssen. Wenn ich von Anfang an Johann Schwenn als Verteidiger gehabt hätte, würde es mir heute materiell viel besser gehen.” Das wirkt nun fast schon wie die Aussage eines Werbe-Testimonials. Statt für Actimel wirbt Kachelmann nun halt für Johann Schwenn.

Zusammen mit den Aussagen, die Schwenn u.a. in der ZDF-Talkshow “Markus Lanz” getätigt hat, erscheint Birkenstock nunmehr als unfähig und geldgierig. Schwenn dagegen wird als brillanter, mutiger und auch selbstloser Verteidiger präsentiert. Es ist wahrscheinlich schwer zu beziffern, welchen Werbewert solche Aussagen in der Zeit haben. Ganz unbeträchtlich dürfte das aber nicht nicht sein. Auch die Zeit nutzt den Fall Kachelmann für Abo-Werbung. In ihrer wöchentlichen E-Mail-Umfrage, mit der Probeabos geholt werden sollen, wird unter dem Foto von Chefredakteur Giovanni di Lorenzo treuherzig gefragt: "Wurde Jörg Kachelmann zu schnell vorverurteilt?" Die Antwort dürfte für Leser der Zeit nicht allzu überraschend ausfallen.

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