Mister Selbstverliebt von der “Tagesschau”

Das “Tagesschau”-Blog sollte einen Blick hinter die Kulissen der ARD-Nachrichten geben. Wenn aber Chefredakteur Kai Gniffke zur Tastatur greift, sieht man einen, der mit sich selbst und seiner Sendung ganz und gar im Reinen ist. Je nach Großwetterlage begründet er, warum es wieder mal klug, richtig oder ehrenhaft war zu berichten oder auch nicht. Egal ob Kachelmann, EHEC oder die Schwangerschaft von Carla Bruni - die “Tagesschau” ist mit sich selbst fast besorgniserregend zufrieden.

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Das “Tagesschau”-Blog sollte einen Blick hinter die Kulissen der ARD-Nachrichten geben. Wenn aber Chefredakteur Kai Gniffke zur Tastatur greift, sieht man einen, der mit sich selbst und seiner Sendung ganz und gar im Reinen ist. Je nach Großwetterlage begründet er, warum es wieder mal klug, richtig oder ehrenhaft war zu berichten oder auch nicht. Egal ob Kachelmann, EHEC oder die Schwangerschaft von Carla Bruni – die “Tagesschau” ist mit sich selbst fast besorgniserregend zufrieden.

Von Selbstbeweihräucherung und Nestbeschmutzung” ist der jüngste Blog-Eintrag des “Tagesschau”-Chefredakteurs Kai Gniffke vom 6. Juni überschrieben, und darin schlägt er einmal mehr bemerkenswerte inhaltliche Kapriolen. “Gelegentlich wird uns ja Selbstbeweihräucherung vorgeworfen”, schreibt er. Die 20-Uhr-Ausgabe vom 6. Juni sei dagegen etwas für die “Freunde der ARD-Nestbeschmutzung” gewesen. Man habe über die Kachelmann-Revision und den Prozessauftakt zur Kika-Affäre berichtet, so Gniffke stolz und nutzt die vermeintliche “Nestbeschmutzung” gleich wieder zur Selbstbeweihräucherung. Die Berichterstattung über das eigene System sei “gewissermaßen der journalistische Lackmus-Test für die Glaubwürdigkeit einer Nachrichtensendung”. Selbstredend, dass die “Tagesschau” ihren selbst erfundenen Lackmus-Test nach Lesart ihres Chefs mit Bravour besteht. Er fand den Kurs der Sendung “ganz ehrenhaft”.

Aber man dürfe nicht nur das Schlechte sehen: “Masochismus ist schließlich kein Nachrichtenkriterium.” Und so leitet Herr Gniffke über zur Kritik, dass die “Tagesschau” mit ihrer Berichterstattung zur ARD-Themenwoche Mobilität etwas zuviel Eigenwerbung betrieben habe. Relativ viele Zuschauer hätten sich beschwert. “Zu Unrecht”, weiß Gniffke. Denn seiner Meinung nach ist die ARD-Themenwoche “eines der großen Medienereignisse des Jahres in der Bundesrepublik”. Das zumindest ist eine Aussage mit Neuigkeitswert.

Kurz zuvor rechtfertigte Gniffke an einem Tag, warum die “Tagesschau” so verdammt seriös ist und sich nicht von dem Medien-Hype um den EHEC-Erreger anstecken lässt und das Thema eben nicht zum Aufmacher macht: “Denn als Aufmacher würden wir den Zuschauern signalisieren, dass es wirklich dramatisch ist.” Tags darauf gibt das Robert Koch Institut eine Warnung heraus, die Gniffke zwar irgendwie doof findet, aber trotzdem landet EHEC nun auf der Nummer eins der “Tagesschau”-Themenliste. Gniffke: “Seither hat es keine weiteren bestätigten Todesfälle gegeben und auch die Fallzahlen sind nicht dramatisch gestiegen. Trotzdem war EHEC heute auf Platz 1 in der Tagesschau. Sind wir Umfaller?” Die Frage wird von ihm in vielen Worten explizit nicht beantwortet.

Der Fall Kachelmann wurde von der “Tagesschau” lange totgeschwiegen. Warum der prominente ARD-Wettermoderator nicht mehr in der ARD zu sehen war, erfuhr man überall sonst, nur nicht in den ARD-Nachrichten. Gniffke war um eine Begründung nicht verlegen: Nur der Verdacht und Ermittlungen rechtfertigen bei der superseriösen “Tagesschau” noch lange keine Meldung. Auch im Falle eines wegen Vergewaltigung angeklagten ProSieben-Moderators habe man schließlich erst über die Anklageerhebung berichtet, so Gniffke (die Original-Texte aus dem "Tagesschau"-Blog sind dort aus dem Archiv leider offenbar verschwunden). Und tatsächlich stieg die “Tagesschau” erst mit der Anklageerhebung in die Kachelmann-Berichterstattung ein. Dass der vermeintliche Grundsatz “Bericht erst bei Anklageerhebung” keiner ist, fiel im “Tagesschau”-Blog unter den Tisch. Immerhin wurde in der “Tagesschau” in den Fällen Bischof Mixa, Jörg Tauss, Klaus Zumwinkel und vielen anderen schon weit vor Anklageerhebung berichtet.

Die “Tagesschau” als unangreifbarer Hort der Seriosität existiert scheinbar vor allem im Kopf ihres Chefredakteurs. Sogar dass der Frankreich-Korrespondent von der Schwangerschaft der Präsidenten-Gattin Carla Bruni berichtet, lässt sich von Kai Gniffke mit der weltpolitischen Lage rechtfertigen. Der boulevardeske Einsprengsel war seiner Meinung nach “klug einbezogen”. “Klug”, “zufrieden”, “richtig”, “ehrenhaft”, das sind die Vokabeln, die fallen, wenn Gniffke über die Rolle der eigenen Sendung im “Tagesschau”-Blog räsoniert. Der Chef hat offenbar schon so viel Weihrauch um sich und seinen Nachrichten-Altar herum verteilt, dass er ihn selbst gar nicht mehr riecht.

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