„Ein Lehrstück deutscher Justizgeschichte“

In der Presse scheint man sich einig: Der Prozess um Jörg Kachelmann verlief ungünstig. Für die Medien, das Gericht, die Staatsanwaltschaft und Kachelmann selbst. Selten übte die Branche so viel Selbstkritik. Nach 44 Verhandlungstagen zieht die Presse Bilanz. Mit einem ernüchternden Ergebnis. Viele Zeitungen werfen Staatsanwaltschaft und Richtern Einseitigkeit vor. Gleichzeitig ist man darum bemüht hervorzuheben, dass Kachelmann nur einen Freispruch zweiter Klasse erlebt hat.

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Neue Osnabrücker Zeitung: “Blamiert haben sich im Fall Kachelmann die Mannheimer Staatsanwaltschaft und ein großer Teil der deutschen Medien. Die Ankläger legten sich voreilig fest und ermittelten einseitig. Damit verletzten sie schlicht ihren gesetzlichen Auftrag. Denn die Strafprozessordnung verpflichtet die Behörde, Belastendes wie Entlastendes zu sammeln. Viele Medien wiederum ließen im Laufe des Verfahrens jede Rücksicht auf das Privatleben der Beteiligten fahren. In dieser Hinsicht wird der Kachelmann-Prozess als abschreckendes Beispiel in die Justizgeschichte eingehen, aus dem Juristen wie Journalisten lernen sollten.”

Rhein-Neckar-Zeitung: "Das war kein Freispruch, das war ein Bekenntnis, dass 44 Verhandlungstage und 30 Zeugen keinen Deut zur Wahrheitsfindung beigetragen haben. Das Mannheimer Landgericht jedenfalls entlässt einen Angeklagten nicht als unschuldig, sondern als unüberführbar."
       
Die Süddeutsche Zeitung meint: "Die fünf Richter von Mannheim konnten sich in 44 Verhandlungstagen ein genaueres Bild von den Geschehnissen machen als irgendjemand sonst in der Republik. Womöglich gehen sie nun mit der drückenden Gewissenslast nach Hause, einen Menschen freigesprochen zu haben, den sie in ihrem Innersten vielleicht für einen Vergewaltiger halten."

Neue Westfälische: "Jörg Kachelmann ist ein freier Mann. Juristisch korrekt, aber letztlich unbefriedigend ist diese Entscheidung des Landgerichts Mannheim. Nicht von ungefähr nennen Juristen Entscheidungen, in denen nicht über Schuld oder Unschuld befunden werden konnte, einen Freispruch zweiter Klasse. Ein Tribut an die Rechtsstaatlichkeit, nicht mehr und nicht weniger. Der spektakuläre, fast neun Monate und 44 Verhandlungstage lange Prozess hat einiges verändert in der Republik. Bei weitem nicht zum Guten. Wir erlebten eine Staatsanwaltschaft, die sich mit dem Vorwurf konfrontiert sah, sie sei eine unsägliche Kumpanei mit den Medien eingegangen."

Oldenburgische Volkszeitung: Der Fall Kachelmann hat aber vor allem eines gezeigt: Uneindeutigkeit. Auch ein Gericht kann an der Wahrheitsfindung scheitern. Dieses spektakuläre Verfahren blieb am Ende genau da stehen, wo es am Anfang losgerollt war und einen medialen Tsunami ausgelöst hatte: Bei der Uneindeutigkeit."

Stuttgarter Nachrichten: “Wer einem Verteidiger wie Johann Schwenn jede Menge eitle Eskapaden durchgehen lässt, das Verfahren dann aber an anderen Tagen wieder nichtöffentlich führt, darf sich nicht wundern, wenn aus einem Indizienprozess ein Showprozess wird. Insofern ist der Fall Kachelmann ein neues Lehrstück deutscher Justizgeschichte – freilich kein gutes.“
                
Die Welt meint: "Es schien, als hätte die Kammer Kachelmann lieber verurteilt. Sie war sich jedoch bewusst, dass das rechtlich keinen Bestand haben würde. Es kann also keine Rede davon sein, dass das Urteil Männern einen Freifahrtschein zur Gewalttätigkeit gegeben hätte. So unbefriedigend es sein mag, Gerichte werden beim Bemühen, die Wahrheit zu finden, immer wieder an ihre Grenzen stoßen."

Die Märkische Allgemeine zum Urteil: "Schuldig gesprochen werden darf nur, wer eindeutig überführt werden kann, auch wenn der Verdacht bleibt – das ist richtig und gut. Erschütternd bleibt der Umgang der Beobachter mit dem Fall, vieler Journalisten, aber auch der vieler Laien."

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