„Keine Ruhmestat der deutschen Strafjustiz“

"Was man nach dem Freispruch hörte, war an Erbärmlichkeit nicht zu überbieten. Die Beschimpfungen der Richter gegen mich zeigten, dass sie meinen Klienten nur zu gerne verurteilt hätten." So kommentierte Jörg Kachelmanns Verteidiger Johann Schwenn die Urteilsbegründung des Mannheimer Gerichts. Spiegel-Reporterin Gisela Friedrichsen sagte: "Der Verdacht gegen Kachelmann bleibt bestehen." Alice Schwarzer wies darauf hin, dass das mutmaßliche Opfer die Wahrheit gesagt haben könnte.

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"Von diesem Gericht war kein besseres Urteil zu erwarten", sagte Schwenn. Und weiter: "Die Kammer war befangen und den Anforderungen an diesen Prozess nicht gewachsen. Die Urteilsverkündung ist eine Einladung zur Revision. Herr Kachelmann ist aufs schäbigste behandelt worden."
Das Mannheimer Gericht weist sämtliche Schwenn-Vorwürfe in seiner Urteilsbegründung zurück: "Der Kammer zu unterstellen, sie sei nicht bestrebt, die Wahrheit herauszufinden und sie stattdessen mit dem Vorwurf zu überziehen, sie verhandle, bis etwas Belastendes herauskomme, ist schlicht abwegig."
Gisela Friedrichsen vom Spiegel sagte: "Grund zur Freude gab es nach dem Urteil für niemanden. So eine heftige Kritik wie von den Richtern an Johann Schwenn habe ich noch nie gehört." Ihrer Meinung nach habe sich die Kammer vom Verteidiger verletzt gefühlt. Bei der Urteilsverkündung habe Schwenn gelacht, was sein Verhalten gegenüber dem Gericht widerspiegle. Das mutmaßliche Opfer Sabine W. Sei daraufhin in Tränen ausgebrochen. "Dennoch glaube ich, dass Recht gesprochen wurde", sagte Friedrichsen.
Der 1990 von Jörg Kachelmann gegründete Wetterdienst Meteomedia gibt bekannt: "Jörg Kachelmann wird ab sofort seine Kraft wieder ganz der Meteomedia Gruppe widmen können." Dazu gehören auch seine Kommentare zum Wettergeschehen in Medien wie Radio Basel, Radio Primavera und Twitter. "Zusätzliche öffentliche Auftritte sind in Zukunft nicht ausgeschlossen. Priorität hat in nächster Zeit aber die Umsetzung der vorbereiteten Projekte."
Alice Schwarzer, die für Bild den Prozess verfolgte, glaubt nach wie vor der Ex-Freundin. Aufgrund ihrer "Eindrücke und Kenntnisse" teile sie "inzwischen die Einschätzung der Staatsanwaltschaft: Ich glaube heute der Ex-Freundin", sagte sie zu stern.de. Sie verstehe, "wenn eine Frau heute, nach der Erfahrung mit dem Kachelmann-Prozess, eine Vergewaltigung nicht mehr anzeigt".
Der Berliner Medienanwalt, Christian Schertz, fordert nach den Erfahrungen im Kachelmann-Prozess den Umgang der Justiz mit den Medien auf den Prüfstand zu stellen. In der SWR-Talkshow "2+Leif" sagte Schertz am Montagabend: "Wir werden an diesem Fall den deutschen Rechtsstaat prüfen müssen. Wir werden prüfen müssen, ob wir in einer Gesellschaft leben wollen, wo der bloße Vorwurf eines Fehlverhaltens zu einer derartigen Vernichtung bereits vor dem Urteil führt. Davor warne ich nachhaltig."
Im SWR kritisierte der Medienanwalt sowohl die Anklage, als auch die Verteidigung. "Bei dem Prozess haben eigentlich alle versagt", so Schertz. Die Staatsanwaltschaft habe viel zu früh und eigeninitiativ eine Pressemeldung herausgegeben und "medial aufgerüstet". Das habe die Boulevardmedien ermuntert sich auch mit den Details, die mit dem eigentlichen Fall nichts zu tun hatten, zu beschäftigen. Aber auch wie die Verteidiger agiert hätten, "sei problematisch gewesen", fügte Schertz in "2+Leif" hinzu.

Auch die Zeit-Gerichtsreporterin Sabine Rückert äußert sich zum Urteil auf Zeit Online: "Zwar zeigt dieser Freispruch, dass in einem Rechtsstaat zuletzt doch Verstand und Vernunft den Sieg davon tragen über Verblendung und böse Absichten. Trotzdem ist er keine Ruhmestat der deutschen Strafjustiz. Denn Kachelmann hat seinen Freispruch weniger dem Aufklärungswillen der Mannheimer Staatsanwälte und Richter zu verdanken, als vielmehr seiner eigenen Fähigkeit, sich vehement zur Wehr zu setzen."

Und auch Hans Leyendecker von der Süddeutschen Zeitung äußerte sich im Vorfeld der Urteilssprechung im Interview mit dem Deutschlandfunk: "Es fehlt auch die Professionalität bei vielen. Die Gerichtsreportage ist ja so ein Schmuddelkind. Wenn Sie mal in die Breite schauen, einige Blätter leisten sich Gerichtsreporter, "Spiegel", "Süddeutsche", oder auch Sabine Rückert von der "Zeit" ist natürlich jemand, die sehr viel Ahnung hat. Aber der normale Gerichtsreporter macht das entweder selten, oder er ist im Beruf irgendwie außer Rand und Band, oder er ist Alkoholiker. Wenn Sie so Untersuchungen sich angucken, stellen Sie fest, man schickt entweder die ganz jungen hin, die ganz alten hin, die raus sind. Die Gerichtsreportage wird vernachlässigt." Auch zu Alice Schwarzers Rolle im Prozess äußert Leyendecker sich: "Wenn wir uns Alice Schwarzer ansehen, die für mich alles verloren hat, was man überhaupt, wenn sie journalistisches Renommee noch jemals hatte, die da agiert hat – die war ja nicht Berichterstatterin, sondern die hat sich selbst zum Mittelpunkt gemacht und sie hat eine These gehabt, an der hat sie immer festgehalten, die These nämlich, dass es eine Nebenklägerin gibt und dass die Nebenklägerin auch Opfer ist."

Dana Schülbe von der Rheinischen Post kommentiert
: "Doch wirklich Licht ins Dunkel konnte keiner bringen. Und so haben die Richter nach dem einzigen richtigen Mittel in ihrer Urteilsfindung gegriffen: im Zweifel für den Angeklagten. Denn Zweifel gab und gibt es bis zum Schluss. Die moralische Komponente spielt hierbei keine Rolle. Es ist nicht strafbar, mehrere Freundinnen zu haben."

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