Anzeige

Kachelmann: Warum die Medien versagten

"Am Schluss blieben einige ratlose, nachdenkliche Personen im Saal, aber nicht die Beteiligten." So fasste Spiegel-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen die Lage vor Ort nach dem Freispruch für Kachelmann zusammen. Ein Fazit, das die Stimmung auf den Punkt bringt. Das Urteil des Landgerichts Mannheim war nicht wirklich überraschend und erst recht nicht mutig, sondern die zwangsläufige Konsequenz aus dem Prozessverlauf. Zugleich bleibt die zentrale Frage des Falls offen - und die Rolle der Medien umstritten.

Anzeige
Anzeige

Selbst Alice Schwarzer hatte, wie sie nach der Urteilsverkündung in einem TV-Kurzinterview sagte, nicht erwartet, dass die Kammer den Angeklagten schuldig sprechen würde. Mehr noch: Eine Verurteilung, wie sie die Staatsanwaltschaft gefordert hat, hätte dem Ruf des gesamten Rechtssystems schweren Schaden zufügen können. Denn unabhängig davon, dass große Teile des Verfahrens unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfanden, zeigte nicht zuletzt das Schluss-Plädoyer der Ankläger, dass der Prozess in 44 Verhandlungstagen keinen klaren Beweis für die Schuld des Moderators erbracht hat.

Die zähe Beweisaufnahme, das Stochern im Nebel, der die Wahrheit dauerhaft verhüllte, erschwerte die Aufgabe für die Medien immens. Im Versuch, schneller und pointierter zu berichten als die Konkurrenz, machten sich etliche Berichterstatter angreifbar. Denn jede Gewichtung und Einordnung barg die Gefahr, Interessen der Verfahrensbeteiligten zu bedienen oder sich zum Werkzeug von Anklage oder Verteidigung zu machen. Die elementarste Aufgabe, das Doppelleben des netten Herrn Kachelmann zu enthüllen, war lange vor Prozessbeginn erledigt. Danach wusste man als Journalist in der Sache im Grunde nur, dass man nichts weiß – eine unvorteilhafte Ausgangslage, die zu handwerklichen und ethischen Unsauberkeiten geradezu verführt.

Das Gericht hat in dubio pro reo entschieden, wie es das Strafgesetz verlangt. Wer Kachelmann trotz allem für schuldig hält (und das sind nach wie vor nicht wenige), wird das bitter finden. Aber Richter dürfen Urteile nicht auf Spekulationen gründen, jede Abweichung von dieser Prämisse, die aus guten Gründen im Strafrecht verankert ist, würde der Justizwillkür die Bahn ebnen. Und es war ja schnell klar, dass Gutachten und Indizien im Fall Kachelmann nicht geeignet waren, in der Tatfrage eine eindeutige Antwort zu untermauern. So hing alles an den Aussagen der beiden Menschen, deren letzte gemeinsame Nacht der Ursprung für das ganze Verfahren war. Und aus Sicht der Anklage: Alles kam auf die Frau an, die Kachelmann bei der Polizei und vor Gericht der schweren Vergewaltigung beschuldigte.

Die Belastungszeugin erwies sich als das eigentliche Prozessproblem. Die 38-Jährige wurde (in Aussagedetails) der Lüge überführt, es zeigte sich, dass sie hohe Energie aufgewendet hatte, um "Beweismittel" für die Untreue des Angeklagten zu manipulieren; sie inszenierte ihre Auftritte vor Gericht (etwa als sie auf dem Weg zum Gericht ihr Gesicht mit dem Buch "Der Soziopath von nebenan" verdeckte), kurzum: Das mutmaßliche Opfer war der weiche Punkt im Anklagekonstrukt, an dem eine Verurteilung nach den strengen Regeln des Rechts eigentlich scheitern musste. Es ist ein offenes Geheimnis, dass viele Prozessprofis davon ausgehen, dass das Kachelmann-Verfahren vor anderen Landgerichten aufgrund der Widersprüche in der Aussage der einzigen Zeugin gar nicht eröffnet worden wäre.

Dass am Ende doch mehr als neun Monate lang das Intimleben der Beteiligten quasi öffentlich seziert wurde, war erst durch die Entscheidung des Gerichts möglich geworden, das den Angeklagten jetzt freigesprochen hat. Schon deshalb gibt es wenig Grund, den Richtern einen guten Job zu bescheinigen, auch wenn sie im Ergebnis die Entscheidung getroffen haben, zu dem jedes faire Verfahren wohl auch gekommen wäre. In der Sache blieb das Gericht im Verfahren blass. Fast teilnahmslos sah man den Attacken zu, die im Saal von Anklage oder Verteidigung geritten wurden. Schelte gab es stattdessen für Medien und Zeuginnen, die es gewagt hatten, für Exklusivverträge Geld zu nehmen. Insgesamt drängte sich der Eindruck auf, dass die Berufsrichter mit einem Verfahren dieses Kalibers so heillos überfordert waren wie Schönwettersegler bei einer Orkanfahrt; auch sie dürften froh sein, dass nun zumindest der öffentliche Teil des Prozesses vorbei ist.

Anzeige

Eins dürfte klar sein: Hätte das Gericht einen Schuldspruch verhängt, wäre der Kammer dieser in der Revision um die Ohren geflogen. Das Verhalten besonders des Vorsitzenden Richters Michael Seidling zeugt dabei von einem augenfälligen Opportunismus: Er hatte vor dem Prozess eine Entlassung Kachelmanns aus der Untersuchungshaft mit dem Hinweis abgelehnt, dass dessen Aussage unglaubwürdig sei, die seiner Ex-Partnerin hingegen nicht. Diese Auffassung hat der Prozess nicht erhärtet, im Gegenteil. Aber Seidling versucht, der Belastungszeugin ein Verfahren wegen falscher Anschuldigung zu ersparen, indem er in der Urteilsbegründung ausdrücklich festhält, dass die Aussagen zutreffen können. Mit Blick auf die unmittelbar Beteiligten, die in diesem Verfahren sämtlich einen hohen Preis bezahlt haben, könnte man dies so stehen lassen: Der Angeklagte bleibt frei, der Zeugin eine mögliche Verurteilung wegen Falschaussage erspart.

Diese Darstellung schmeichelt aber auch der Staatsanwaltschaft, die in diesem Fall von Anfang an unverantwortlich gehandelt hat. Schon die Pressemitteilung nach der Verhaftung am 22. März 2010 verriet, mit welcher Eitelkeit man sich in Mannheim brüstete, einen Promi an der Angel zu haben. Gegen "einen 51-jährigen Journalisten und Moderator", hieß es damals, werde ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Vergewaltigung geführt. Bei dieser Steilvorlage zur Recherche dauerte es nur Minuten, bis der Name Kachelmanns via Bild.de bundesweit in den Medien war und die Bundespolizei den Namen bestätigte. Die Ankläger hatten diesen Effekt mehr als billigend in Kauf genommen und Kachelmann trotz seiner Unschuldsbeteuerungen zum Freiwild des Boulevards gemacht. Nun haben sie den Freispruch, und man muss kein Hellseher sein, um vorherzusagen, dass die Mannheimer Anklagebehörde am Ende auf eine Revision verzichten wird. Und man kann nur hoffen, dass die Vorgänge bei der Anklageerhebung, bei der Staatsanwälte per Gesetz auch Entlastendes zu ermitteln haben, einer unabhängigen Prüfung unterzogen werden.

Ebenso liefert der Fall Kachelmann gute Gründe, dass die Medien ihr Verhalten und ihre Rolle kritisch hinterfragen und aufarbeiten. Kampagnenjournalismus, die Verletzung des Neutralitätsgebots, die Vermengung von gesellschaftlichen Prozessen mit einem Gerichtsverfahren, in dem es um die Schuld eines Einzelnen ging, der Umgang mit Zeugen und die Sorgfaltspflicht beim Umgang mit Gutachten und Falldokumenten: In vielen Bereichen haben gerade die Leitmedien beim "Fall des Jahrzehnts" keine Sternstunden gehabt.

So sehr das Urteil unterm Strich vertretbar erscheint, so sehr sträubt man sich, den Prozess als ein faires Verfahren zu werten. Die Schlussfolgerungen hinsichtlich des Umgangs der Justiz mit solchen Fällen, der Rolle von Staatsanwälten, Verteidigern und Medien werden in den nächsten Tagen Thema der Talkshows sein. Das Gericht, so scheint es, wollte verurteilen, konnte am Ende aber die Faktenlage nicht ignorieren. Die Verteidigung versuchte es zunächst auf dem Weg der Diplomatie, nach dem Anwaltswechsel zur Mitte des Verfahrens dann auf dem Feld der offenen Konfrontation. Eine der spannenden, wenngleich nur spekulativ beantwortbaren Fragen ist die, wie der Prozess ohne den Verteidiger-Wechsel ausgegangen wäre.

Jörg Kachelmann ist noch mal davongekommen, werden die einen sagen. Und andere: Was zählt der Freispruch und eine Haftenschädigung von lächerlichen 3.300 Euro gegen den Totalverlust der Fernsehkarriere plus das wohl lebenslange Stigma? Eine befriedigende Antwort auf diese Frage gibt es nach dem Urteil im Vergewaltigungsprozess nicht. Das ist real sowie zugleich die schlechte wie die gute Nachricht – und wohl auch der Grund, warum die Medien als Erklärer und Vereinfacher in diesem Fall keinen wirklich guten Job machen konnten.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*