Kachelmann – der Hausfrauen-Horror

Nach dem Freispruch für Jörg Kachelmann sind sich viele Beobachter einig: der Prozess hat allen geschadet. Kachelmanns Ex-Freundin dürfte der Prozess schwer zugesetzt haben. Bei Kachelmann selbst wurde das Privatleben entblößt und die Karriere zumindest schwer beschädigt. Aber wer sich als Prominenter für einen Lebensstil wie den von Jörg Kachelmann entscheidet, muss mit dem Risiko leben, entblößt zu werden. Seine Story bot Publikum und Medien Hausfrauen-Horror pur.

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Da ist auf der einen Seite der beliebte, sympathische Wetter-Moderator mit dem Fusselbart. Ein bisschen tollpatschig aber nett erklärte er die Schneeverhältnisse in Vancouver und das Ausflugswetter fürs Wochenende. Der lustige Blumenkohlenwolken-Onkel Kachelmann. Und dann gab es da den anderen, dunkleren Kachelmann. Einer, der eine Vorliebe für härtere Sex-Spiele hat, der sich mehrere Geliebte gleichzeitig hält und via Internet organisiert.

Diese andere Seite sei Kachelmanns Privatsache, argumentieren manche. Geht keinen was an, was der Mann in seiner Freizeit so treibt. Wenn sich aber die private Person derart eklatant von der öffentlichen Person unterscheidet wie bei Jörg Kachelmann, dann ist klar, dass sich Medien und Publikum dafür interessieren. Es ist eine klassische Geschichte für Leserinnen von Frauenzeitschriften und Hera-Lind-Romanen. Letztere hat sogar in einem Interview gesagt, dass sie sich zu ihrem Roman “Der Überraschungsmann” vom Fall Kachelmann inspirieren ließ. Es ist die Geschichte vom scheinbar netten Mr. Sonnenschein, der sich hinterher als fiese Type entpuppt. Da schaudert es die Hausfrau und der eigene Biedermann erscheint plötzlich wieder in vergleichsweise mildem Licht.

Es ist dieses Story-Potenzial, weswegen die Medien, Boulevard- und People-Presse vor allem, sich auf den Fall Kachelmann stürzten. Geschichten vom Doppelleben des Sadomaso-Casanovas und von getäuschten Geliebten verkaufen sich nun einmal gut – extrem gut. Das ist der banale Grund für den ganzen Medien-Hype. Und keine von langer Hand geplante Anti-Kachelmann-Verschwörung, wie die Verteidigung und Teile der beim Prozess anwesenden Kachelmann-Fans argwöhnten.

Jörg Kachelmann hätte klar sein müssen, dass er bei einem solchen Leben, wie er es gelebt hat, riskiert, dass sein schillerndes anderes Ich eines Tages entdeckt wird. Zu viele Geliebte, zu viele Versprechen, die nicht gehalten wurden, zu viel Potenzial für Eifersucht und Rachegelüste. Es ist sogar erstaunlich, wie lange das ganze Konstrukt mit SMS, Skype und einem halben Dutzend “Lausemädchen”, wie er all seine Freundinnen praktischerweise nannte, unentdeckt blieb.

Die Anzeige der Ex-Freundin und die Anklage der Staatsanwaltschaft haben einen Prozess in mehrerlei Hinsicht in Gang gesetzt, bei dem Opfer auf allen Seiten in der Tat unvermeidlichen waren. Wie wenig der Schutz der Privatsphäre gelang, zeigte nicht zuletzt die Verhandlung selbst. So oft die Öffentlichkeit auch ausgeschlossen wurde – Illustrierte ließen Ex-Geliebte aufmarschieren und am Ende waren es dann sogar die Staatsanwälte, die intime Details aus den nicht-öffentlichen Vernehmungen in ihren Plädoyers ausplauderten. So bitter die Erkenntnis auch ist – in einem solchen Fall wie diesem ist die entblößte Privatsphäre als Kollateralschaden wohl unvermeidlich. Für Jörg Kachelmann und seine Ex-Freundin wurde dieser Fall zum Schicksal. Für alle anderen war es einfach eine riesige Story.

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