Wiener „Tatort“: trotz Mordserie blutarm

"Ausgelöscht" lautet der Titel des Wiener "Tatorts", der an diesem Sonntag zum zweiten Mal dem Ermittlergespanns Harald Krassnitzer und Adele Neuhauser einen komplizierten Auftrag bringt. Ein Krimi übers Fressen und Gefressen werden, der leider trotz einiger Ballerszenen so konstruiert, müde und blutarm geraten ist, dass das Zuschauen streckenweise zur Qual wird. Nach dem ermutigenden Auftakt des ungleichen Duos Eisner / Fellner im März enttäuscht der zweite Anlauf auf ganzer Linie.

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Natürlich geht es nicht nur um schaurige Mordfälle, die den Zuschauer diesmal aus dem bösen Reich des international operierenden Organisierten Verbrechens serviert werden, sondern auch um das Privatleben von Chefinspektor Moritz Eisner und seiner neuen Assistentin Bibi Fellner, die in der ersten Folge das versoffene Intuitionsgenie so brillant rüberbrachte. Diesmal hat ihr das Drehbuch den Alkohol versagt, und nur die innige Zuwendung zur Laienspielversion eines Zuhälters zeugt von ihrem heimlichen Hang zu menschlichen Abgründen. Da Inkasso-Heinzi (Simon Schwarz) aber in etwa so authentisch wirkt wie sein offenbar im Provinz-Gebrauchthandel gecastetes Luden-Mobil, bleibt die Charakterzeichnung oberflächlich. Schade, Adele Neuhauser kann mehr.

Wenn man dann noch die überflüssigen Rollen abzieht – als da wären: Eisners Tochter Claudia, ihr miefig-spießiger Freund Leander Fröhlich, Eisners ewig schmachtende Kollegin oder sein auf amtsmüde machender Chef Ernst Rauter, der praktischer Weise (Ist das in Österreich so?) Durchsuchungsbefehle engros blanko ausstellen kann – dann bleibt eine recht dünne Personaldecke, die Räume und Szenen füllen soll. Das Ganze erweckt den Anschein, als sei der östererreichische "Tatort" mit einem Bruchteil der Mittel zusammengezimmert worden, die gewöhnlich für Krimis dieser Schießklasse aufgewendet werden.

Worum geht es überhaupt? Erst Knieschuss, dann Kopfschuss – was nach der Arbeitsdevise eines Boulevardblatt-Machers klingt, soll hier das eiserne Gesetz beschreiben, mit dem Verbrecherbanden Abweichler zum Geständnis und dann zum Schweigen bringen. Opfer werden den Ermittlern in einem Einkaufswagen auf einem Parkdeck geliefert – warum, spielt wie so vieles in diesem Krimi bei Licht betrachtet eigentlich keine Rolle. Das Geschäftsmodell der Gangster ist eine bulgarisch-österreichische Ko-Produktion, weshalb man die Geschäftsführer von windigen Diskotheken, Autohäusern oder Schmuck-Boutiquen gleich mit vertrautem Personal besetzen kann, den Bulgaren bleiben in der Mafia-Struktur die Rollen als Leichen oder … aber greifen wir nicht vor. Mit der Bandenrealität des 21. Jahrhunderts hat das nichts zu tun, es erinnert eher an die wilden 80er Jahre, als im Milieu Künstlernamen wie Inkasso-Heinzi oder "Der schöne Milan" mit viel Wohlwollen vielleicht noch denkbar gewesen wären.

Das alles würde man bereit sein zu vergeben, wenn Handlung und Fall dies durch Spannung wieder ausgleichen könnten. Doch so platt wie die Alternative, vor die Chefinspektor Eisner gleich zu Beginn von seiner Ärztin gestellt wird (Kein Alkohol! Keine Zigaretten! Zehn Kilo Abnehmen! Oder: Zentralfriedhof!), so erbarmungslos klischeehaft ist auch der Plot, der am Ende auf einen Aha-Effekt zusteuert, den der Zuschauer lange im Voraus ahnt und der so hergeholt ist, dass er überhaupt nur durch reihenweise logische Brüche überhaupt inszenierbar ist. Nein, mit diesem Fall hat man weder der Neuen noch Krassnitzer einen Gefallen getan, nur Bernhard Schir hat als gerissener Strippenzieher namens "Deutschmann" einen wirklich starken Auftritt.

Wohl ebenso oft, wie der nimmersatte Krassnitzer in den 90 Minuten seiner Zwangsdiät nach Naschbarem fahndet, ist der Zuschauer versucht, nach der Fernbedienung zu greifen – auf der Suche nach intelligenter Sonntagabend-Unterhaltung.

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