„Wer zu wenig Eigenes hat, überlebt nicht“

Wie agenturunabhängig sollte ein Nachrichten-Portal sein? Noch immer diskutiert die Branche über die Niggemeier-Recherchen zu den kaum vorhandenen Autorenstücken auf stern.de. MEEDIA hat mit den Machern von Sueddeutsche.de, Stefan Plöchinger, und taz.de, Mathias Urbach, gesprochen. Beide sagen, dass es ohne Agenturmaterial nicht geht. Auch scheinen die Leser nichts gegen erweiterte Klickstrecken zu haben. Doch Urbauch sagt auch deutlich: "Wer zu wenig Eigenes hat, wird auf Dauer nicht überleben."

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Wie agenturunabhängig sollte ein Nachrichten-Portal sein? Noch immer diskutiert die Branche über die Niggemeier-Recherchen zu den kaum vorhandenen Autorenstücken auf stern.de. MEEDIA hat mit den Machern von Sueddeutsche.de, Stefan Plöchinger, und taz.de, Mathias Urbach, gesprochen. Beide sagen, dass es ohne Agenturmaterial nicht geht. Auch scheinen die Leser nichts gegen erweiterte Klickstrecken zu haben. Doch Urbauch sagt auch deutlich: "Wer zu wenig Eigenes hat, wird auf Dauer nicht überleben."

Leidet die News-Branche im Netz darunter, dass sich die meisten Nachrichtentexte austauschbar auf vielen Online-Plattformen wiederholen?
Stefan Plöchinger, Chefredakteur Sueddeutsche.de: Sowohl als auch. Agenturtexte waren immer eine Grundlage für aktuellen Journalismus, man kann darauf nicht verzichten – ebenso wenig auf eine eigene Haltung dazu und auf weitergehende Recherche. Natürlich werden Nachrichtenseiten immer zu einem gewissen Grad ähnlich sein, weil sie nun mal über dieselben Nachrichten berichten, die aus denselben Kanälen zu uns gelangen. Wichtig ist aber, die Themen des Tages zu identifizieren, zu gewichten und zu drehen, gut blattzumachen (es gibt auf Online-Seite keinen besseren Begriff dafür) und Schwerpunkte zu setzen. Letzteres haben wir auch bei unserem Facelift nach vorne gestellt. Natürlich ist all das bei den üblichen Redaktionsstärken im Onlinejournalismus nicht leicht. Aber wenn man sich als Redaktion fokussiert und wie in unserem Fall klug mit den Printkollegen kooperiert, kann es klappen, und es muss unser Anspruch sein.
Matthias Urbach, Leiter taz.de: Ohne die Agenturen kommt keine Nachrichtenseite im Netz aus. Der eigene Anteil aber sollte deutlich überwiegen, sonst verliert man sein Gesicht. Die User sind sehr mobil und merken schnell, wenn man nur das anbietet, was sie anderswo schon gelesen haben. Wir als taz.de sind sehr selektiv bei der Auswahl der Nachrichten, die wir tickern. Denn unter dem roten taz-Riegel bieten wir den taz-Blick auf die Welt an – und genau das schätzen unsere User an uns.

Wie ist bei Ihren Portalen das Verhältnis zwischen Autorenstücken und Agenturmeldungen?
Plöchinger:
Wir haben das nie ermittelt – zumal es keine einfache Rechnung ist. Wir haben, zugegebenermaßen auch aus SEO-Gründen, wie fast alle anderen Seiten, einen dpa-Newsticker. Aber wir würden dessen Inhalte nicht als Aufmacher auf der Homepage präsentieren. Dort soll nur landen, was wir als wichtig und richtig identifiziert haben, ob nun eigene Texte oder Agenturverschnitte.

Urbach: Das Verhältnis von Autorenstücken zu Agenturmeldungen ist auf taz.de – je nach Nachrichtenlage – etwa zwischen 8:1 und 5:1.

Eine der Vorwürfe an Stern.de lautet, dass Texte und Bildergalerien umdatiert werden. Macht Ihr Angebot das auch?
Plöchinger: Was alle Internetseiten machen: alte Fotostrecken mit frischen Bildern aufpeppen, die Texte glätten und neu präsentieren. Ich verteidige das nicht allzu gern, weil es zu Klickstreckenexzessen führt, und würde mittelfristig gerne weniger davon sehen. Aber erstens kann ein solches Vorgehen journalistisch durchaus angemessen sein – und zweitens interessieren diese Angebote die Leser. Sonst würde man von ihnen schnell Abstand nehmen.

Urbach: Nein.


Sollten sich die Nachrichtenportale im Web nicht künftig stärker unterscheiden?
Plöchinger:
Billige Kopien nutzen in erster Linie dem Original. Das heißt für uns: Wenn alle wie Spiegel Online sein wollen, hat nur Spiegel Online etwas davon. Bild.de macht konsequent etwas anders, das ich nicht zwingend gut finde. Ist damit aber neuer Marktführer geworden. Für uns heißt das: Wir müssen eigene Zugänge zu Themen finden, eigenes Agendasetting betreiben, selbstbewusst als journalistische Marke SZ auftreten – und zum Beispiel nicht einfach das Layout der Kollegen kopieren, sondern eigene Akzente setzen. Auch das haben wir mit unserem Homepage-Facelift hoffentlich geschafft.
Urbach: Das werden sie von ganz alleine tun: Wer zu wenig Eigenes hat, wird auf Dauer nicht überleben.

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