„Um jede Sendung gab es Krach“

Es ist das älteste Politikmagazin im deutschen Fernsehen: "Panorama" feiert 50. Geburtstag. Wohl kein anderes ARD-Format hat für soviel Ärger gesorgt. "Um jede Sendung gab es Krach", sagt Anja Reschke, die das Magazin seit 2001 moderiert und zum Jubiläum ein Buch geschrieben hat. Im MEEDIA-Interview erklärt die 38-Jährige, warum der Fall Maschmeyer nicht das größte Ärgernis war, wie sich das Verhältnis zur Bild-Zeitung geändert hat und wieso "Panorama" heute nicht mehr das Sorgenkind des Intendanten ist.

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Frau Reschke, der Titel Ihres Buches lautet "Die Unbequemen – Wie ‚Panorama‘ die Republik verändert hat". Wenn Sie in drei Sätzen zusammenfassen: Wie hat die Sendung Deutschland verändert?
"Panorama" hat in wirklich harten, jahrelangen Auseinandersetzungen Politiker daran gewöhnt, dass kritischer Journalismus wichtig ist und dass sie diesen auch aushalten müssen. Die Sendung hat Bürgern gezeigt, dass man sich von den Mächtigen nicht alles gefallen lassen muss, dass Obrigkeitshörigkeit nicht förderlich ist für eine Demokratie. Und ich glaube, "Panorama" hat auch die Gesellschaft verändert, indem es Tabus angesprochen hat oder auch mal gebrochen hat.
Welche "Panorama"-Sendung hatte die größten Auswirkungen?
Das kann ich nicht auf eine Sendung beziehen. Es gab in jeder Zeit Sendungen, die schon große Auswirkungen hatten. Der Film über eine Abtreibung von Alice Schwarzer zum Beispiel. Der durfte nicht ausgestrahlt werden, aber genau damit hat er wirklich bundesweites Aufsehen erregt. Das hat sicher mit dazu beigetragen, dass die Fristenlösung des Paragrafen 218 eingeführt wurde. Oder die Enthüllungen von Stefan Aust zu Hans Filbinger, die zeigten, dass der entgegen seiner Behauptung doch Todesurteile unterschreiben hatte. Filbinger musste daraufhin zurücktreten. Auch unsere Recherchen zum Bundesnachrichtendienst in Bagdad, die nachwiesen, dass deutsche Agenten das US-Militär im Irakkrieg mit Informationen versorgt haben. Daraufhin gab es einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss. Oder die Geschichte zu den Kriegsopferrenten, in denen wir enthüllt haben, dass die Bundesrepublik seit Jahrzehnten auch an ehemalige NS-Kriegsverbrecher zahlte. Das hat weltweit für Empörung gesorgt, daraufhin wurde das Gesetz geändert. Da gibt es so viele Geschichten.
Ist die Sendung wegen ihrer kritischen Berichterstattung so etwas wie das Sorgenkind des Intendanten?
Als ich für das Buch recherchierte, habe ich manchmal doch gedacht: mensch, die Armen! Also sowohl die arme Redaktion als auch die arme Intendanz und das arme Justiziariat, denn am Anfang haben wir erst einwöchig und dann zweiwöchig gesendet. Ich weiß gar nicht, wie die Kollegen das geschafft haben, weil es ja um jede Sendung einen derartigen Krach gab. Es mussten Stellungnahmen geschrieben, Vorwürfe zurückgewiesen, juristische Auseinandersetzungen ausgefochten werden. Von daher war "Panorama" damals vermutlich schon so etwas wie das Sorgenkind eines Intendanten. Aber ich glaube, sie waren in gewisser Hinsicht auch stolz, dass ihr Programm doch so eine Aufmerksamkeit erzeugen kann. Ich denke, heute ist der Stolz geblieben, so ein Sorgenkind sind wir heute nicht mehr.
Das Auflehnen gegen Staat und Gesellschaft blieb auch redaktionsintern nicht ohne Folgen.
Ja, schon der Gründer und Leiter von "Panorama" (Gert von Paczensky, Anm. d. Red.) musste nach knapp zwei Jahren gehen, weil er in den Augen der Union unhaltbar war. Sein Nachfolger, Rüdiger Proske, musste ebenfalls gehen. Genauso umstritten waren in Unionskreisen Joachim Fest und Peter Merseburger. Es gab permanent Ärger um die Redaktion, und es wurden Leute ausgetauscht, das war üblich. Der NDR ist richtig in Schwierigkeiten geraten, als der Staatsvertrag gekündigt wurde – auch aufgrund der "Panorama"-Berichterstattung. Das war die schwerste Krise, die der NDR je zu bestehen hatte.
Dennoch gilt "Panorama" innerhalb des NDR als Aushängeschild.
Ich hoffe doch auch innerhalb der ARD! Für den NDR sind wir schon das politische Aushängeschild. Und für die ARD sind alle politischen Magazine meiner Meinung nach absolute Grundlage ihrer Daseinsberechtigung.
Rühmt man sich als kritischer Berichterstatter damit, wenn ein Interview verwehrt wird?
Nein. Es ist ärgerlich und schade, weil man ja etwas recherchiert hat. Man hat das Gefühl, einen Missstand aufgedeckt zu haben, und man findet, dass der behoben werden müsste. Dann ist es ja auch gut, wenn man mit dem Verantwortlichen auch mal sprechen und ihn damit konfrontieren kann. Von daher ist es eigentlich doof, wenn Politiker sich dem Interview verweigern.
Wie auch im Fall Maschmeyer.
Bei Maschmeyer war uns nun nicht klar, warum er ausgerechnet nicht mit uns redet, aber mit anderen schon. Er hätte sich doch einfach dem Gespräch stellen können. Das wäre in der Außenwirkung für ihn sicherlich besser gewesen, als das, was jetzt passiert ist.
Haben Sie noch Hoffnung, dass sich in der Angelegenheit etwas ändern wird?
Ich weiß nicht, es ist schwierig. Aber wir sind immer noch offen.
War der Maschmeyer-Streit der größte Ärger in der "Panorama"-Geschichte?
Es gab zwar ordentlich Ärger, aber die politischen Kräche, die wir auszuhalten hatten, waren wesentlich schwieriger. Aber interessant ist, dass "Panorama" wirklich fast auf den Tag genau 40 Jahre zuvor eine ganz ähnliche Geschichte erlebt hat. Da haben wir es mit dem damals reichsten Mann der Republik, Freiherrn August von Finck, aufgenommen. Und der hat massiv versucht, die Redaktion einzuschüchtern. Von Finck hatte sich damals in großangelegten, teuren Zeitungskampagnen gegen "Panorama" gewehrt und die Redaktion mit einem langjährigen Prozess überzogen. Man könnte sagen: In solchen Dingen haben wir wirklich Erfahrung.
Was hat "Panorama" dem Spiegel voraus und umgekehrt?
Naja, der Spiegel ist Print und "Panorama" ist Fernsehen. Und Fernsehen ist sicher ein schlichteres Medium als Print. Die dritte und vierte Differenzierung eines Themas kann ein "Panorama"-Beitrag nicht leisten. Dann wird es für den Zuschauer völlig unverständlich. Aber dafür ist Fernsehen ein emotionales Medium. Und das ist dann der Vorteil von "Panorama" gegenüber dem Spiegel. Es kann zum Beispiel sehr erhellend sein, wenn man bei einem Interview das Gesicht des Befragten auch sieht. Mimik ist ja oft mehr Antwort als das Gesagte.
Wie hebt sich "Panorama" von anderen Polit-Magazinen ab, beispielsweise von "Monitor"?
Grundsätzlich fischen wir heute ja alle im gleichen Thementeich. Aber vielleicht unterscheiden wir uns manchmal noch von der Anschauung her. "Monitor" ist vielleicht in den Themen noch globaler, "Monitor" will die Welt verbessern. "Panorama" reicht meistens schon Deutschland. (lacht). Was aber doch unterschiedlich ist in den Magazinen, ist die Herangehensweise an einen Beitrag. "Panorama" jagt die Verantwortlichen, sucht den Schuldigen, das ist unser Markenkern.
Sie schreiben in Ihrem Buch über das schwierige Verhältnis zwischen "Panorama" und Bild-Zeitung. "Panorama" hatte Springer indirekt vorgeworfen, an dem Bau der Mauer beteiligt zu sein, die Bild wiederum bezeichnete die "Panorama"-Redakteure als Kommunisten. Hat sich das Verhältnis mittlerweile gebessert? Hat sich das mittlerweile gelegt?
Ich sag mal so: Dieses gegenseitige kritische Beäugen, was in den Anfangsjahren absolut üblich war, als die Bild-Zeitung keine Sendung ausgelassen hat, um nicht gegen "Panorama" und das Fernsehen zu schießen, ist vorbei. Bild hat sich heute mehr den Privatsendern zugewandt. Allerdings ist Bild hin und wieder mal Thema bei "Panorama" und die Öffentlich-Rechtlichen und die politischen Magazine sind Thema bei Bild. Ich glaube, Seit an Seit stehen wir selten.
Öffnen Sie zum Jubiläum ihren Giftschrank? Werden die Zuschauer den verbotenen Beitrag von Alice Schwarzer zum Thema Abtreibung sehen?
Ehrlich gesagt ist das nicht geplant, aber vielleicht wäre das mal eine gute Idee. Der Beitrag selber ist aus heutiger Sicht gar nicht so aufregend. Es ist ja ganz lustig, dass Dinge, die damals als so wichtig und dramatisch empfunden wurden, heute gar niemanden mehr empören.
Was ist mit dem Film, den Stefan Aust 1982 über eine Verfassungsschutzaffäre drehte, der aber zum Sendetermin nicht mehr aufzufinden war und folglich nie ausgestrahlt wurde? Ist das Band mittlerweile aufgetaucht?
Sie werden lachen, wir haben tatsächlich erneut nach dem verschwundenen Film geforscht und alle Beteiligten gefragt. Aber die Geschichte lässt sich tatsächlich bis heute nicht aufklären. Es gab mal die Theorie, dass Stefan Aust das Band selber hat verschwinden lassen, um damit berühmt zu werden, aber ich glaube, das ist doch eine Verschwörungstheorie.
2010 war "Panorama" das meistgesehene Politmagazin in Deutschland. Die Quote ist seit 1995 recht stabil, dennoch gehen die Zuschauerzahlen etwas zurück. Sahen 2008 im Durchschnitt noch 3,49 Mio. (12,9%) Zuschauer zu, droht in diesem Jahr der Fall unter die 3-Mio.-Marke. Wie erklären Sie sich das?
Das Fernsehen hat insgesamt an Zuschauern verloren und das betrifft natürlich auch die politischen Magazine. Ich glaube nicht, dass es an der kritischen Berichterstattung liegt. Natürlich wird es immer schwieriger zu senden, weil das Fernsehen über die Jahre seine Bedeutung als intellektuelles, informatives Medium eingebüßt hat zugunsten eines unterhaltenden Mediums. Und in so einem Umfeld ist es schwieriger, sich durchzusetzen. Aber wir stellen schon fest, dass, wenn vor "Panorama" eine attraktive Unterhaltungssendung läuft, die ja eigentlich nichts mit der Sendung zu tun hat, die Leute auch dran bleiben. Also, ich glaube, die Zuschauer vertragen schon beides.
Was war das schönste Kompliment in 50 Jahren "Panorama"? Herr Lafontaine hat mal "Schweinejournalismus" dazu gesagt. 
Ich kann es jetzt nur auf die Zeit beziehen, in der ich bei "Panorama" bin. Ich muss gestehen, dass uns die Geschichte mit Ronald Schill mit gewisser Genugtuung erfüllt hat. Denn als wir 2002 enthüllt haben, dass der damalige Hamburger Innensenator wohl weißes Pulver zu sich nimmt, sind wir ja von der Presse, besonders von der Bild-Zeitung, dafür ordentlich verprügelt worden. Und Herr Schill hat uns als Dreckschleudern bezeichnet, die mit Stasi-Methoden vorgehen. Aber als dann sechs Jahre später dieses Video von Schill in Rio auftauchte – was ja relativ eindeutig ist, wenn man es sich anguckt –, hatten wir doch eine kleine innerliche Genugtuung.
Die "Panorama"-Jubiläumssendung läuft am heutigen Donnerstag ab 22.00 Uhr im Ersten. Ab 23.15 Uhr zeigt der NDR die Dokumentation "Unbequem und unbestechlich. 50 Jahre Panorama".
"Die Unbequemen. Wie Panorama die Republik verändert hat" von Anja Reschke erscheint im Redline Verlag und kostet 19,99 Euro.

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