Bedingt abwehrbereit: Spiegel im Image-Tief

Man kann nicht sagen, dass das Problem mit der Wegnahme des Nannen-Preises begann. Aber es war der Moment, in dem Erzählschema und Arbeitsstil des deutschen Leitmediums schlechthin - bis dahin eher ein gelegentliches Insiderthema - Gegenstand einer öffentlich geführten Medienmoraldebatte wurde. Und in der zeigt der Spiegel, der so professionell austeilt, dass er selbst mit Kritik nicht umzugehen weiß. Das Troubleshooting beim Magazin ist ein Lehrstück: dafür, wie man alles falsch macht.

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Jüngstes Beispiel ist die Reaktion des Spiegel-Redakteurs Ullrich Fichtner auf den Rundumschlag des Medienjournalisten Stefan Niggemeier, der die aktuelle Titelgeschichte "Sex und Macht" in 20 Lektionen für die Branche auseinandernimmt. Aber der Reihe nach.
Von Anfang an war im Nannen-Streit die Erregungstemperatur an der Brandstwiete ein paar Grade zu hoch. Sicher war es verständlich und auch ein Zeichen von naheliegender Solidarität, dass die Verlagsgruppe den jungen Redakteur, der so jäh und unsanft vom Thron des Kisch-Preisträgers gestoßen worden war, nicht im Regen stehen lassen wollte. Doch im Eifer, den Kollegen René Pfister für etwas in Schutz zu nehmen, was der Mehrheit der Medienleute (und wohl auch sehr vielen Lesern) nicht schützenswert erscheint, verkannte man die eigentliche Gefahr für den Ruf des Magazins: nämlich die Diskussion über die Quellen, aus denen sich die so flott zu lesenden Spiegel-Stories bisweilen speisen.
Stattdessen fuhren die Blattmacher schweres Geschütz gegen die Jury des vom eigenen Mitgesellschafter Gruner + Jahr ausgerichteten Preises auf. Chefredakteur Georg Mascolo nannte die Aberkennung des Preises in einem Zeitungsinterview "falsch und dem Autor gegenüber verantwortungslos". Wenige Tage später legte die Chefredaktion in einer Erklärung auf Seite 3 des Magazins nach, über die der Tagesspiegel schrieb: "Die ‚Hausmitteilung‘ ist kein Friedensvertrag, sie spricht dem Henri-Nannen-Preis Relevanz und der Jury Kompetenz ab. (…) Aus der gesamten ‚Hausmitteilung‘ spricht viel verletzter Stolz, einerseits. Wie ein Wasserzeichen schimmert der Hochmut durch, der Spiegel, seine Chefredaktion und seine Redaktion, allein dieses Trio kongenial habe darüber zu entscheiden, wann ein Preis würdig sei und wann nicht. Der Nannen-Preis muss sich sehr anstrengen, wenn er sich des Spiegel wieder würdig erweisen will."
Zu diesem Zeitpunkt war man beim Spiegel offensichtlich bereits rettungslos im Grundirrtum verfangen, man könne diesen Konflikt lösen wie man es gewohnt ist: indem man austeilt. Aber die Verteidiger im eigenen Haus waren isoliert. Ein für dieselbe Ausgabe geplantes "Streitgespräch" über den Fall Pfister scheiterte ausgerechnet daran, dass sich kein Unterstützer der Position des Spiegels dazu bereit fand. Zugleich fragte man sich, ob wirklich alle Spiegel-Redakteure so bedingungslos hinter der Ächtung des Jury-Entscheids standen, wie es die Chefetage auf Nachfrage so unermüdlich betonte. In der Debatte war von Seiten des Spiegels in der Folge Schweigen angesagt: das Haus mauerte sich geradezu ein, man suchte und vermisste eine Kommunikationsstrategie, eine aktive Gestaltung der Diskussion, ein aufmerksames Zugehen auf die Kritiker in den Reihen der Qualitätsjournalisten, mit denen man nicht nur beim Nannen-Preis lange so vereint marschiert war.
Tatsächlich gibt es intern nicht wenige, die vor allem das Wirken des Berliner Büros unter dem inzwischen alleinigen Leiter Dirk Kurbjuweit kritisch sehen, vor allem was die Dominanz und Uniformität der Einstiege angeht: "Everything bigger than life" scheint das Motto zu sein, auf das offenbar vor allem die jungen Talente getrimmt werden. Frage: Was hat Priorität – die Faktentreue und der Realitätsbezug oder die "runde" Story, die keine Brüche gebrauchen kann?
Genau an diesem Punkt setzt das "Bashing" von Stefan Niggemeier an. Niggemeier ist ein Autor, der polarisiert, der einen bedingungslosen Qualitätsanspruch hat und vielleicht manchmal dazu neigt, ungerecht gegenüber denen zu sein, die sich nicht wie er aussuchen können, worüber man schreibt. Man muss ihm nicht in jeder Einschätzung folgen, aber man sollte seine Kritik ernst nehmen und sich damit auseinandersetzen. Wer dies tut, erkennt schnell, dass die Abrechnung mit dem aktuellen Spiegel-Titelthema keine Stilkritik ist, sondern der zum Teil detaillierte Nachweis redaktioneller Strickmuster, bei denen offenbar Archivbruchstücke und potenzielle Google-Funde wie frei Assoziiertes neben Fakten und selbst Recherchiertem zu einem Ganzen zusammengefügt werden.
Das ist, wie MEEDIA gestern beim Vergleich der Mutter aller Spiegel-Kritiken von Hans-Magnus Enzensberger aus den 50er Jahren mit den heutigen Verhältnissen dargestellt hat, nicht wirklich neu. Neu ist allerdings, dass es derzeit eine weitreichende Debatte darüber gibt, ob diese Praktiken dem journalistischen Anspruch heute noch gerecht werden oder nicht eher auf erschreckende Weise von gestern sind.
Unter dem Blogeintrag von Stefan Niggemeier finden sich nur einen Tag nach Veröffentlichung bereits 140 Kommentare, wovon einer besonders bemerkenswert ist. Unter Nr. 106 kommentiert einer der beiden Autoren des Spiegel-Artikels. Ullrich Fichtner schreibt an Niggemeier gewandt u.a.: "Hätten Sie Recht, und wären Sie konsequent, dann müssten Sie die Abschaffung des erzählenden Journalismus fordern, die Einstellung aller Magazine, das Ende der Wochenend-Beilagen, den Tod der Reportage. Vor der Kritik, wie Sie sie vortragen, hätte am Ende nur ein Telegramm Bestand. Oder eine dpa-Eil-Meldung." Das sind denkwürdige Sätze, die deutlich machen, dass beim Spiegel Forderungen nach der Korrektur von Arbeitsmechanismen quasi mit der Forderung nach Abschaffung des Journalismus gleichgesetzt werden. Das sind Statements in der Logik, wie man sie von Regenten kennt, denen die Herrschaft über ihr Reich zu entgleiten droht. Geht es, auch beim Spiegel, eine Nummer kleiner?
Und dass die – zugegebenermaßen: ätzende – Kritik des Medienjournalisten auch andere Wunden gerissen hat, zeigt das Postscriptum Fichtners: "Wenn Sie mal in New York sind, lade ich Sie gerne zu einem Trüffel-Hamburger ins ‚db Bistro Moderne‘ ein, wo ich erst kürzlich gegessen habe. Auch als kleines Dankeschön für unser Gespräch über die Bild-Zeitung, das leider so unergiebig war, dass wir es für die spätere Titelgeschichte nicht gebrauchen konnten." Auch so kann man’s machen: Man leitet, einmal in der Defensive, einfach weiter zum nächsten Schauplatz, auf dem man sich allerdings bereits reichlich Kritik eingehandelt hat, in diesem Fall zur von der Branche als reißerisch und enttäuschend empfundenen Titel-Geschichte über "Die Brandstifter" beim Boulevardblatt. Das ist wenig geschickt, denn die Frage, ob das Bildblog (dessen Gründer Niggemeier ist) mehr Aufklärungsarbeit in Sachen Bildzeitung geleistet hat oder der Spiegel mit seiner "Enthüllung" von über weite Strecken aus dem Archiv recycleten Skandalen, ist für jeden Branchenkenner rhetorisch. Ein unverständlicher Fehler des Vertreters eines Magazins, das sich in der Attacke so glänzend versteht und dann in der Defensive die Regeln nicht begreifen will: bedingt abwehrbereit, so hätte man das früher wohl betitelt.
In der Rückschau war der Fall Pfister zunächst ein punktuelles Thema, eine Diskussion über einen Redakteur und den Wert sowie die Vergabebedingungen eines sehr renommierten Preises. Von beidem redet heute kaum noch jemand, es geht um das Nachrichtenmagazin selbst. Und die Negativ-Debatte um den Spiegel wird weitergehen, dafür sorgt man an der Brandstwiete derzeit schon selbst. 

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