“Der Spiegel ist kein Nachrichtenmagazin”

Kritik am Spiegel und seinem speziellen Erzähl-Stil ist seit dem Eklat um den zurückgeforderten Henri-Nannen-Preis eines Reporters des Magazins in Mode. Spiegel-Kritik ist aber kein neues Phänomen. Die bekannteste Abrechnung schrieb Hans-Magnus Enzensberger bereits 1957. Sein Essay “Die Sprache des Spiegel" ist ein Klassiker der Medienkritik. MEEDIA hat nachgeschaut, wie aktuell die über 50 Jahre alte Analyse Enzensbergers heute noch ist. Das Ergebnis erschreckt.

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Natürlich hat sich der Spiegel seit Enzensbergers Essay von 1957 verändert. Die Frage ist aber: Hat er sich im Kern verändert? Oder sind die Veränderungen mehr oder weniger kosmetischer Natur? Enzensberger schreibt:

“Hingegen ist die Spiegel-Sprache anonym, das Produkt eines Kollektivs. Sie maskiert den, der sie schreibt, ebenso wie das, was beschrieben wird. Es handelt sich um eine Sprache von schlichter Universalität: Sie hält sich für kompetent in jedem Falle. Vom Urchristentum bis zum Rock and Roll, von der Poesie bis zum Kartellgesetz, vom Rauschgiftkrawall bis zur minoischen Kunst wird alles über einen Leisten geschlagen.”

Enzensberger, inzwischen 81, bezieht sich in seinem 54 Jahre alten Essay auf die damals übliche Methode des Spiegel, keine Autorenzeilen unter Artikeln zu veröffentlichen. Ein Spiegel-Artikel war ein “Gesamtwerk” der Redaktion, die wie ein Mann hinter dem Text zu stehen hatte. Der Verzicht auf Autorenschaft war gleichzeitig ein selbstbewusstes Bekenntnis: Wer zum Spiegel gehörte, hatte es nicht nötig, mit seinem Namen unter einem bestimmten Text hausieren zu gehen. Das hat sich geändert – und auch wieder nicht.

Zwar sind die Spiegel-Texte seit geraumer Zeit mit Namen versehen, und es gibt, wie bei jedem großen Blatt, interne Gefechte, wer seinen Namen an welcher Stelle unter einen Artikel setzen darf. Stilistisch sind die Spiegel-Stücke aber nach wie vor wie aus einem Guss. Der typische Sound des Spiegel, wie ihn Enzensberger beschreibt, ist immer noch erkennbar. Ein wirklich individueller Stil einzelner Schreiber ist nach zig Durchläufen durch Text-Hierarchien in den allermeisten Fällen nicht mehr auszumachen. Zumal große Geschichten oft von einer ganzen Phalanx an Autoren gezeichnet werden.

Folgendermaßen beschreibt Enzensberger den Spiegel-Stil der 50er-Jahre: “Die Koketterie mit der eigenen Gewitztheit, die rasch applizierte Terminologie, die eingestreuten Modewörter, der Slang der Saison, die hurtige Appretur aus rhetorischen Beifügungen, dazu eine kleine Zahl syntaktischer Gags, die sich meist von angelsächsischen Mustern herschreiben: das sind einige der auffälligsten Besonderheiten der Spiegel-Sprache.” Und weiter: “Der verzweifelte Witz eines Alleinunterhalters ist ihm anzuhören, der um jeden Preis sein Publikum bei der Stange halten muss.”

Eine der zentralen Thesen Enzensbergers ist, dass der Spiegel gar kein Nachrichtenmagazin sei, sondern ein Story-Magazin: “Während die Nachricht im allgemeinen für Unterhaltungszwecke ungeeignet und kein Genuß-, sondern ein Orientierungsmittel ist, stellt die Story ganz andere Bedingungen: Sie muß Anfang und Ende haben, sie bedarf einer Handlung und vor allem eines Helden.” Und: “Die Story ist eine degenerierte epische Form; sie fingiert Handlung, Zusammenhang ästhetische Kontinuität. Dementsprechend muss sich ihr Verfasser als Erzähler aufführen, als allgegenwärtiger Dämon, dem nichts verborgen bleibt und der jederzeit, wie nur ein Cervantes ins Herz des Don Quijote, ins Herz seiner Helden blicken kann.”

Was Enzensberger da beschreibt, ist nichts anderes als das, was die Spiegel-Chefredaktion in ihrer Stellungnahme zur Nannen-Debatte als “szenische Rekonstruktion” bezeichnet hat. Dieser Teil Enzensbergers Analyse ist hoch aktuell. Auch das folgende Zitat passt exakt auf die aktuelle Debatte: “Deshalb ist sein (das des Spiegels, Anm. d. Red.) Verfahren im Grunde unredlich, seine Omnipräsenz angemaßt. Zwischen der simplen Richtigkeit der Nachricht, die er verschmäht, und der höheren Wahrheit der echten Erzählung, die ihm verschlossen bleibt, muss er sich durchmogeln. Er muss die Fakten interpretieren, anordnen, modeln, arrangieren: aber eben dies darf er nicht zugeben.”

Enzensberger kritisiert auch, dass der Spiegel keine eigene Haltung habe: “Das Blatt hat keine Position. Die Stellung, die es von Fall zu Fall zu beziehen scheint, richtet sich eher nach den Erfordernissen der Story, aus der sie zu erraten ist: als deren Pointe. Sie wird oft, wenige Wochen später, durch eine andere Geschichte dementiert, weil diese einen anderen ‘Aufhänger’ verlangt.”

Da fühlt man sich erinnert an das Thema Thilo Sarrazin, dessen Buch “Deutschland schafft sich ab” im Spiegel zunächst vorab gedruckt wurde. Kurz danach wurde Sarrazin als Provokateur zum Titelthema gemacht. Enzensberger schreibt: “Die Ideologie des Spiegel ist nichts weiter als eine skeptische Allwissenheit, die an allem zweifelt außer an sich selbst.” In der Tat fehlt dem Spiegel seit dem Tod Rudolf Augsteins das Format des Kommentars oder Leitartikels. Klar gekennzeichnete Meinung gibt es im Spiegel heute nicht mehr. Nur vermeintliche “Wahrheiten”, bzw. deren szenische Rekonstruktion sowie akribisch zusammengetragene Detail-Fakten.

Warum aber, ist der Spiegel immer noch so erfolgreich, wenn er doch angeblich so viele Mängel hat? Auch bei dieser Frage kommt Enzensberger zu einer bemerkenswerten und ernüchternden Schlussfolgerung: “Er ist das einzige Blatt, das auf Interessenverbände, Ministerialbürokratien und Funktionäre keinerlei Rücksicht nimmt; das einzige, das zu keiner Form jener freiwilligen Selbstzensur bereit ist, die in der westdeutschen Publizistik gang und gäbe ist; das einzige, das den Mächten nicht deshalb schon seine Reverenz erweist, weil sie an der Macht sind. Was dem Journalismus wahrhaft demokratischer Länder als Selbstverständlichkeit gilt: von den Freiheiten, die ihm verbrieft sind, jeden möglichen Gebrauch zu machen, das ist in Deutschland bis heute eine Ausnahmefall geblieben. Dieser Ausnahmefall ist Der Spiegel. Das hat ihn zu einer Institution gemacht.”

So ist Enzensbergers Schrift von 1957 nicht nur eine Kritik am Spiegel, sondern auch eine an der gesamten Medienlandschaft und deutschen Gesellschaft Ende der 50er Jahre. An dem Befund hat sich heute – über 50 Jahre später – im Kern nichts verändert.

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