„Etwas anderes als Facebook-Freunde“

Es gibt wohl kaum einen größeren Gegensatz als den zwischen dem Amt des Chefredakteurs einer Tageszeitung und dem Leben hinter Klostermauern. Dennoch fasziniert Joachim Frank, im Tagesgeschäft Blattmacher der Frankfurter Rundschau, die Abgeschiedenheit eines katholischen Ordens. Für das Buchprojekt "Barmherzige Schwestern" (erschienen im Ankerherz-Verlag) steuerte der 45-Jährige das Vorwort bei. Im MEEDIA-Interview erklärt Frank seine Beweggründe.

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Wie sind Sie dazu gekommen, für das Buch "Barmherzige Schwestern" ein Vorwort zu schreiben? Ein Buch über Nonnen zählt ja schon zu den eher außergewöhnlicheren Themen.
Und das hat mich daran auch gereizt. Der Verleger (Stefan Krücken, Anm. d.  Red.), den ich als früheren Kollegen kenne, hat mir von dem Projekt erzählt, und ich fand es spontan interessant, eben weil es so ungewöhnlich ist. Ordensleute sind in der Regel nicht so leicht dazu zu bewegen, von sich zu erzählen und sich selbst nach außen hin wichtig zu nehmen. Kathrin Haller aber fand die Biographien der Schwestern so interessant. Sie hatte die Idee, ihnen allen die gleichen Fragen zu stellen, diese zu bündeln und zu einem Buch zusammenzustellen.
Welche Biographie der Nonnen hat Sie besonders bewegt?
Mich hat angesprochen, auf welche Widerstände die Schwestern in der Familie und bei Freunden gestoßen sind, als sie ihren Wunsch äußerten, ins Kloster zu gehen. Darüber hinaus hat mich beeindruckt, wie mühevoll sie teilweise ihr Leben dann gestalten mussten und sich für den Orden abrackern mussten – buchstäblich bis aufs Blut. Das hatte schon was von Ausbeutung. Es war für mich also jetzt nicht eine einzelne Geschichte, die besonders stark ist, sondern es gibt in allen Geschichten interessante Facetten. Die Schwestern kennen auch ihre Einsamkeit und wissen um ihre Situation, in der sie als Gemeinschaft ihrem eigenen Aussterben zugucken. So gelassen, wie sie darauf reagieren, würde ich auch gern mit verschiedenen Problemsituationen umgehen können.
Was kann die Kirche tun, um das Nachwuchsproblem zu lösen?
Das ist sehr schwierig. Bei den Heitersheimern, die vor allem in pflegerischen und sozial-karitativen Berufen tätig waren, wird das Nachwuchsproblem nicht zu lösen sein, weil es die Nische für sie nicht mehr gibt. Niemand muss heute noch Ordensschwester werden, um in der Kindererziehung tätig zu sein. Anders ist das bei ganz strengen Orden: Die hatten noch nie so ein richtiges Nachwuchsproblem. Sie waren immer wenige, weil es ein sehr radikaler Weg ist. Der wird auch weiterhin seine Attraktivität behalten. Ich denke, dass man mehr Menschen für kirchliche Berufe ansprechen könnte, wenn man ihnen mehr Freiräume böte, wenn man zum Beispiel den Priestern erlauben würde, zu heiraten.
Sind Sie vor dem Buch schon mit Nonnen in Berührung gekommen? 
Ja, durch mein Studium. Ich habe während meines Theologiestudiums viele Ordensleute kennengelernt und mich auch öfter mal in Klöstern aufgehalten. Dort habe ich immer die Erfahrung gemacht, dass die Klischees und Vorurteile über Ordensleute wenig mit deren wirklichem Leben zu tun haben.
Zum Beispiel?
Zum Beispiel ist die Ordensobere in Heitersheim eine ausgesprochen lebenskluge, pragmatische, zupackende Frau, die so gar nichts von diesem Verhuschten hat, wie Nonnen oftmals dargestellt werden.
Wie gehen die Nonnen mit der Kritik an ihrer Kirche um?
Das ist unterschiedlich. Auf der einen Seite stehen sie mit ihrer Lebensentscheidung für ein Leben im Kloster und auch für Gott und Jesus Christus. Da gibt es eine existenzielle Grundloyalität mit der Kirche. Auf der anderen Seite – und auch das widerspricht dem Klischee – liefern sie sich nicht bedingungslos den Institutionen und ihren Formen aus. Gerade bei Ordensleuten herrscht eine wache, sehr aufmerksame Kritik an den wunden Punkten der Kirche vor, die nichts Gegnerisches oder Hasserfülltes hat. Ich habe mich in meinem Vorwort darüber gewundert, dass die Ordensfrauen ausgerechnet dann, wenn es in der Glaubenspraxis ans Eingemachte geht – nämlich für die Messe, für Predigt und Liturgie -, einen Priester "einfliegen" müssen, statt selbst aktiv sein zu dürfen. Da denke ich: Mensch, die können doch auch sonst alles und stehen ihre Frau, warum nicht auch im Gottesdienst? Als ich das aufgeschrieben habe, habe ich mich schon gefragt, was die Schwestern in Heitersheim wohl dazu sagen würden. Ich habe dann aus dem Kloster gehört, sie hätten es durchaus goutiert, wie ich das so auf den Punkt gebracht habe. Ich glaube, die Kirchenleitung, also die Männer in der Kirche, könnten aus den Orden viel mehr Fragen und kritische Anmerkungen über die Kirche vernehmen, wenn sie wirklich bereit wären, hinzuhören.
Sie selbst schreiben in Ihrem Vorwort, dass es gut tut, sich bei den Ordensschwestern im Kloster aufzuhalten.
Das hängt einmal mit dem Rhythmus zusammen. Das Leben ist dort so ganz anders getaktet als das, was wir aus unserem Alltag an Stress und Reizüberflutungen kennen. Der Tagesablauf ist  buchstäblich an die Tageszeiten gekoppelt: Sonnenaufgang, Mittag, Sonnenuntergang, Nacht. Durch die Gebetszeiten kommt man ganz schnell in einen ruhig-schwingenden Rhythmus und merkt plötzlich, wie viel Zeit so ein Tag hat, weil man ihn ganz in Ruhe gestaltet. Man kommt so raus aus der hektischen Betriebsamkeit und erfährt im Kontakt zu den Nonnen, dass es vielleicht auch noch etwas anderes im Leben gibt als den nächsten Großeinkauf oder die 27.000 Freunde bei Facebook.
Seit "Ich bin dann mal weg" von Hape Kerkeling boomen ja Bücher über Entschleunigung, die aber nicht immer was mit der Suche nach dem Glauben zu tun haben.
Man muss dafür nicht extra weit wegfahren, denn man findet auch in der christlich-abendländlichen Tradition viele Klugheitsregeln für das eigene Wohlbefinden und die Lebensgestaltung. Das muss nicht immer religiös motiviert sein, kann aber. Deshalb hat man im Moment diesen Lifestyle-Boom, der auch teilweise esoterisch überlagert ist, aber auf der anderen Seite auch solche Bücher, die der Frage nachgehen, was Religion für einen selbst bedeutet, wie bei Kerkeling.
Könnten Sie sich selbst vorstellen, eine Auszeit zu nehmen und ins Kloster zu gehen?
Für meine Reportage war ich am Wochenende im Kloster, wie auch schon im vergangenen Jahr einmal. Ich könnte mir schon vorstellen, eine längere Auszeit zu nehmen. Doch realistisch betrachtet wird es in der nächsten Zeit nicht umsetzbar sein. Aber einen Reiz hat das Ganze schon.
Was würden Sie tun?
Einfach eine Zeit lang mit im Kloster leben. Aber ich weiß nicht so genau, was meine Familie dazu sagen würde. Die könnte ich ja nicht mitnehmen. Eine solche Auszeit sollte man nur für sich machen.

"Barmherzige Schwestern, 25 Nonnen über Liebe, Leid und Leben" erscheint im Ankerherz-Verlag und kostet 29,95 Euro. Mit ihrem Buch "Orkanfahrt", in dem 25 Kapitäne ihre besten Geschichten erzählten, landeten die Hollenstedter bereits einen Verkaufserfolg.  

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