„Wir lassen uns nicht instrumentalisieren“

Vor dem Jahrestreffen der deutschen Investigativ-Journalisten wird das Netzwerk Recherche selbst zum Thema. Grund ist die Einladung des höchst umstrittenen AWD-Gründers Carsten Maschmeyer. Denn der kommt nur unter der Bedingung, dass er nicht mit "Panorama"-Autor Lütgert auf dem Podium sitzt. Der NDR-Mann droht nun mit Austritt aus dem Netzwerk und wirft seinen Kollegen vor, sich von Maschmeyer instrumentalisieren zu lassen. Dem widerspricht NR-Chefplaner Kuno Haberbusch im MEEDIA-Interview.

Anzeige

Herr Haberbusch, Sie hatten die Idee, Herrn Maschmeyer zur Jahreskonferenz von Netzwerk Recherche einzuladen. Wie verlief die Anfrage?
 
Wie seit nunmehr 10 Jahren habe ich mir auch dieses Jahr zusammen mit einigen Kollegen Gedanken über ein attraktives Programm für diese Jahrestagung von netzwerk recherche gemacht. Ideen für mehr als 120 Veranstaltungen müssen ja entwickelt, Schwerpunkte gesetzt werden.
Bereits Mitte März, als die Situation zwischen Maschmeyer und Panorama eskalierte, fand ich es reizvoll und attraktiv,ein Streitgespräch zwischen Maschmeyer und Lütgert zu versuchen. Und deshalb bat ich Markus Grill, Mitglied des Netzwerk Recherche-Vorstands und Spiegel-Redakteur, sich über seine Kontakte an Herrn Maschmeyer zu wenden. Er hatte selbst  für eine Spiegel-Geschichte über Maschmeyers Methoden recherchiert. Markus Grill scheint mir in der Sache höchst kompetent.
 
Wie war die Reaktion von Herrn Maschmeyer?
 
Ende März kam ein langer, freundlicher Brief von Maschmeyer. Darin stand, warum er sich außer Stande sieht, eine Diskussion mit Herrn Lütgert zu führen. Weil er sich persönlich verfolgt fühle und er angesichts der vielen juristischen Auseinandersetzungen eine Teilnahme an der Jahrestagung absagt. Da hätten wir dann sagen können: Okay, wir können träumen, manches ist nicht machbar, vergessen wir das Ganze. Aber auf der anderen Seite, da wir hier ja auch beim NDR sind und ich es auch hautnah mitbekommen, wie Maschmeyer die "Panorama"-Kollegen "verfolgt", erscheint mir das Thema so wichtig, dass es auf so einer Jahreskonferenz auf jeden Fall stattfinden sollte. Zumal ja Maschmeyer nicht nur bei "Panorama" Gegenstand der Berichterstattung war, sondern auch bei vielen anderen Zeitungen und Zeitschriften, wie beispielsweise beim Spiegel. Maschmeyer argumentierte in dem Brief explizit, warum er nicht mit Lütgert sprechen kann und will. Also dachte ich, warum bieten wir ihm dann nicht ein Gespräch mit Markus Grill an. Daraufhin hat Markus Grill ihm ein Gespräch vorgeschlagen mit der Maßgabe, dass selbstverständlich – wie bei unseren Jahrestagungen üblich – das Publikum einbezogen wird durch Beiträge und Fragen oder sonstiges.
 
Was passierte dann?
 
Und dann hat Maschmeyer zu unserer Verblüffung ja gesagt – einschließlich unserer Bedingung, dass alle Anwesenden mitdiskutieren können. Das war die Situation von vor drei Wochen.
 
Gab es Bedingungen seitens Maschmeyer?
 
Herr Maschmeyer hat uns zu keinem Zeitpunkt Bedingungen gestellt nach dem Motto: "Ich möchte nicht von Lütgert interviewt werden sondern von jemand anderem." Es war unser Wunsch, weil wir das Thema so wichtig finden. Wenn Maschmeyer gesagt hätte, er lässt sich nur von seinem PR-Mann Béla Anda interviewen, dann hätte ich sofort verstanden, wenn uns jemand gesagt hätte, wir hätten uns was diktieren lassen. Das Thema war uns aber wichtig. Markus Grill ist der kongeniale Gesprächspartner und Christoph Lütgert und seine Truppe können und sollen mitdiskutieren – das schien uns als Veranstaltungsangebot sehr reizvoll.  
 
Konnten Sie die Argumentation von Herrn Maschmeyer nachvollziehen?
 
Ach nein, das muss ich jetzt noch nicht mal sagen. Ich bekomme das ja hautnah mit, wie die Redaktion von "Panorama" bedrängt wird. Ich war ja früher selbst "Panorama"-Chef. Von daher gibt es da auch eine Verbundenheit und Loyalität. Aber gerade weil ich es wichtig finde, dass man mit Herrn Maschmeyer darüber redet, wie er mit manchen Journalisten umgeht, war es mir wichtiger, dass er da ist und kritisch befragt wird – unter Beteiligung von "Panorama" – als dass ich auf die Veranstaltung nur deshalb verzichte, weil Herr Maschmeyer sich nicht von Herrn Lütgert befragen lassen will. Das war eine Abwägungssache. Natürlich kann man sagen: Wen juckts, wenn Maschmeyer nicht auftritt. Aber ich sage: Das Thema ist wichtig, verdammt nochmal! Wir haben auch andere Leute bei dieser Jahrestagung, beispielsweise tritt Herr Schertz auf. Darüber regen sich auch viele auf, weil sie nicht wissen, was der Anwalt bei einer Konferenz zu suchen hat. Aber so eine Tagung lebt doch auch von Kontroverse, bei der man auch dem Gegenüber sagen kann, was man von ihm hält. Da ist doch das Forum dazu da. Und wenn Maschmeyer kommt, kann doch jeder sagen, wie er sich von ihm ungerecht behandelt und verfolgt fühlt. Das ist ein journalistisches Thema.
 
Ist der Termin mit Herrn Maschmeyer gesetzt? Er ist ja noch nicht im offiziellen Programm vorgesehen.
 
Der Termin steht. Maschmeyer wird am 1. Juli um 16.15 Uhr auftreten. Der Arbeitstitel der Veranstaltung lautet "Medienopfer oder Finanzbetrüger? Ein Streitgespräch zwischen Markus Grill und Carsten Maschmeyer". Und die Bedingungen sind klar: Alle dürfen mitreden. Wenn Sie sich das Programm ansehen, sehen Sie auch, dass wir bevor der Termin mit Maschmeyer offiziell genannt wurde, schon eine Veranstaltung mit Lütgert vorgesehen haben, in der er über seine AWD-Recherche erzählt. Außerdem sollte er noch zwei Veranstaltungen moderieren.
 
Und nun?
 
Lütgert hat nun alles gecancelt. Wir hatten ihm und der Panorama-Crew vor zehn Tagen schriftlich vorgeschlagen, dass wir im Anschluss an den Maschmeyer-Auftritt nochmals eine Stunde machen, in der wir mit ihm und seinen Kollegen  über diesen Auftritt und ihre Recherchen sprechen. Also direkt danach im selben Raum, Markus Grill mit Christoph Lütgert. Obwohl er sich ja auch in die Veranstaltung mit Maschmeyer einbringen kann.
Auf diesen Vorschlag gibt es seitdem aber keine Reaktion. Stattdessen wird die ganze Sache jetzt leider wieder öffentlich ausgetragen. Und mal was anderes: Ich weiß nicht, ob es für die Journalisten, die die Veranstaltung besuchen, nur was bringt, wenn sich "Panorama" mit Maschmeyer streitet. Da geht es um viele juristische Punkte. Wichtiger ist doch, wie verhält sich Maschmeyer erstens gegenüber Journalisten, wenn es um sein Finanzimperium geht und zweitens speziell gegenüber Panorama. Ist es zum Beispiel wirklich klug, den Rechtsanwalt Strate und andere mit dem Fall zu beauftragen? Das sind auch Fragen, die über den "Panorama"-Fall hinausgehen. Warum muss sich Markus Grill, der im Spiegel auf acht Seiten über AWD schrieb, nun verteidigen, weil er auch ein Gesprächspartner von Maschmeyer ist? Es wird jetzt so getan, dass er das nur macht, weil er Vorstandsmitglied von Netzwerk Recherche ist nach dem Motto Funktionär. Das ist Quatsch. Der hat doch schon oft unter Beweis gestellt, dass er ein Top-Journalist ist.  
 
Was sagen Sie zu der Reaktion von Herrn Lütgert?
 
Es ist mir unbegreiflich, wie Christoph Lütgert und seine Kollegen auf die Idee kommen, wir würden uns von Maschmeyer instrumentalisieren oder Bedingungen aufzwingen. Das ist doch Quatsch, wir sitzen doch in einem Boot. Man kann doch mal offen drüber reden über die Methoden von Herrn Maschmeyer. Und dass er sich stellt, ist doch auch nicht verkehrt. Vielleicht mag das auch ein PR-Gag von ihm sein. Aber für uns ist doch wichtig, was wir daraus machen. Und mit wir meine ich die kritischen Journalisten dieser Republik. Zu uns kommen über 700 Journalisten an diesem Wochenende.
 
Hat sich Herr Lütgert direkt an sie gewandt?
 
Ich kenne Christoph schon seit zwanzig Jahren. Wir haben viele Filme gemeinsam gemacht. Und was ich an ihm schätze, ist, dass er jemand ist, der sich noch wirklich aufregen kann. Mir ist jeder lieb, auch im eigenen System hier, der sich noch empören kann. Von daher ist mir dieser Wesenzug von ihm nicht fremd. Als ich dann mitgeteilt habe, dass wir diese Veranstaltung planen, gab es eine heftige Reaktion seinerseits, in der er seinen sofortigen Austritt aus Netzwerk Recherche verkündet hat und sagte, dass es inakzeptabel sei, uns von Maschmeyer Bedingungen diktieren zu lassen. Ich habe ihm dann erklärt, dass es unser Wunsch war und Maschmeyer unsere Bedingungen akzeptiert habe, nämlich das alle mitdiskutieren können. Und Markus Grill ist doch ein ehrenwerter Kollege, gerade in Sachen AWD. Dem kann und konnte er nicht wirklich widersprechen. Und nun habe ich für das, was nach draußen gedrungen ist, wenig Verständnis.
 
Was erwarten Sie von der Veranstaltung mit Herrn Maschmeyer?
 
Ich hoffe, dass die Journalisten kritisch genug sind und alles vom Leder lassen, was ihnen auf dem Herzen liegt. Aber ich habe auch in der Vergangenheit schon die Erfahrung gemacht, dass, wenn umstrittene Figuren da waren, die Journalisten auf einmal zahm waren. Das liegt ja an uns und an unserem vermeintlich kritischen Potenzial, was wir draus machen. An uns wird es nicht scheitern. Die Bedingungen, die wir aufgestellt haben, sind klar: Es ist niemand ausgeschlossen, weder von der Anwesenheit noch von den Fragen noch von den Beiträgen. Als Journalist kann ich dann doch nur sagen: Wann erlebe ich den Maschmeyer mal so, dass wir ihn grillen können?  Das ist doch eine attraktive Veranstaltung. Genauso würde ich mir wünschen, dass die Leute auf die Anwesenheit von Christian Schertz reagieren. Ich hatte wahrscheinlich mehr juristische Auseinandersetzungen mit ihm als die, die jetzt mosern. Aber wenn solche Leute da sind, dann liegt es doch an uns, dass wir ihnen mal unsere Sicht darlegen, das zu kritisieren, was wir für bescheuert halten. Journalismus lebt doch auch von der Kontroverse und nicht nur mit der Gesellschaft derer, die sich alle gegenseitig auf die Schulter klopfen und sagen, wie toll wir sind.
 
Wäre Herr Maschmeyer sonst auch ein Kandidat für die verschlossene Auster gewesen?
 
Nein. Das ist deshalb schwierig, weil Maschmeyer ja mit anderen Journalisten spricht, dabei lasse ich mal das bigotte Interview mit Bild außen vor. Das ist peinlich und Gefälligkeitsjournalismus. Aber er hat sich ja mit Kollegen von Spiegel, SZ und Zeit stundenlang getroffen zu Gesprächen, auch mit Herrn Grill. Und daher ist das Verhalten, das er Panorama gegenüber an den Tag legt, so schlimm es ist – aber es ist nicht typisch. Wenn er sich gegenüber allen Journalisten so verhalten hätte, dann wäre er eine verschlossene Auster. Aber man muss das differenziert betrachten. Das entschuldigt aber nichts an dem, wie er sich gegenüber "Panorama" verhält. Das ist nicht hinnehmbar. Das muss man ihm mal von Angesicht zu Angesicht sagen.
 
Wenn Herr Lütgert jetzt bei seiner Aussage bleibt, dass er aus dem Verein austreten will und auch bei der Veranstaltung nicht auftreten will, nehmen Sie das einfach so hin?
Was soll ich machen? Ich kann ihn ja nicht zwingen. Ich hatte mir nur gewünscht, das "Panorama" sich mal zu unserem "Zusatzangebot" verhalten hätte, unmittelbar nach Maschmeyers Auftritt das ganze in einem weiteren Gespräch zwischen Grill und Lütgert zu analysieren und zu vertiefen. Unabhängig davon stand ja schon lange fest, dass er einen weiteren einstündigen Auftritt haben sollte, wo er über die Recherchen berichten sollte.
 
Steht denn Ihr Angebot noch?
 
Naja, noch stehts. Aber wissen Sie, wir haben auch ein Panel zum Thema Kachelmann, das lautet "Kachelmann – Das Mediengericht hat getagt". Es sprechen Sabine Rückert von der Zeit, Tanit Koch von Bild und Rudolf Gerhardt vom Institut für Publizistik der Uni Mainz. Da weigern sich auch einige Leute, miteinander zu sprechen. Burda verweigert sich beispielsweise konsequent jeder Diskussion, über das was sie machen. Die Bild wiederum hat gemerkt, dass sie sich ab und zu vielleicht dem Dialog stellen sollte, und deshalb schicken sie zu der Diskussion tatsächlich eine Vertreterin. Ich kann doch nicht von jedem Politiker Transparenz fordern, wenn in unserer Medienbranche einige Akteure Intransparenz über das, was wir tun, zum Prinzip erklären.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige