Warum Claus Strunz einen Plan C braucht

Medienblogger Stefan Niggemeier ist aus dem Taumel des Eurovision Song Contest zurückgekehrt in die Niederungen des Mediengeschäfts. Diese Woche rechnete er mit stern.de ab, aber das lässt den Chefredakteur der Gruner-Site kalt. Abendblatt-Chef Claus Strunz braucht einen Plan C, und der Twitter-Account Tiny Tales wird zu einem richtigen Buch gemacht. Zu einem kleinen, natürlich. Und sonst: Die Debatte um den aberkannten Nannen-Preis ging auch noch weiter, und zwar in Zeit und Stern.

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Medienblogger Stefan Niggemeier ist zurück vom Eurovision Song Contest – körperlich und geistig. In dieser Woche hat er in seinem Blog ein bemerkenswertes Stück zu stern.de veröffentlicht. Er hat an einem Tag die Artikel gezählt, die das Online-Angebot von Gruner + Jahrs Flaggschiff-Zeitschrift veröffentlicht hat. Das Ergebnis scheint niederschmetternd für stern.de. Von 367 Artikeln verblieben ganze acht eigene Texte, wenn man automatisch in den Ticker eingelaufene Agentur-Meldungen, eingekaufte Reuters-Videos, PR-Stücke für eigene Angebote, Bilder-Galerien und Übernahmen aus anderen Medien herausrechnet. MEEDIA hat Chefredakteur Frank Thomsen zum "Attrappen"-Vorwurf des Berliner Medienjournalisten befragt, aber der reagiert erstaunlich gelassen.

Werfen wir nun einen Blick auf das andere Ende der journalistischen Wertschöpfungskette: das Print-Produkt. In der Zeit schrieb Kisch-Preisträger Stefan Willeke über den Nannen-Zoff. Im gedruckten Stern widmete Chefredakteur Andreas Petzold diese Woche sein Editorial dem Eklat beim Henri-Nannen-Preis. “Das Reinheitsgebot der Reportage sei da nicht eingehalten worden”, schreibt er. Vielleicht wäre es eine gute Idee, auch einmal über eine Art “Reinheitsgebot” für Online-Medien zu diskutieren. Oder, etwas weniger hochtrabend formuliert: über Standards, denn die scheinen hier und da anpassungswürdig. Google-Knechte in den Online-Redaktionen namhafter Print-Produkte berichten glaubhaft von Honorar-Tagessätzen, die zwischen 100 und 150 Euro liegen. Für Vollzeitjobs von qualifizierten, ausgebildeten Journalisten, wohlgemerkt. Es gilt die alte Wirtshausregel: Man bekommt das, wofür man bezahlt.

Eben noch, ließ er sich für das Clap-Magazin in einem Kirmes-Setting ablichten, jetzt isser weg beim Hamburger Abendblatt. Dabei meinte er im Clap-Porträt doch noch, er habe gar keinen Plan B. Sein Plan C sieht nun folgendermaßen aus: Strunz soll bei Springer eine neue TV- und Video-Einheit als Geschäftsführer leiten. Wie schon bei seinem Wechsel von der großen Bild am Sonntag zum vergleichsweise beschaulichen Abendblatt, wird vom Verlag Axel Springer wieder auf allen Kanälen betont, wie wichtig und toll sein neuer Job doch sei. Vorstandschef Mathias Döpfner fielen dazu die Worte ein: “Durch eine konzernübergreifende Koordination wollen wir unsere bisherigen Erfahrungen und Erfolge noch effektiver vorantreiben.” Das ist hohe Formulierungskunst. Ein Satz, wie man ihn gerne spricht, wenn man nichts von Substanz sagen kann oder will und der eigentlich immer passt.

Eine kleine aber echte Erfolgsgeschichte ist dagegen die vom Twitter-Account Tiny Tales. Florian Heimberg erzählt dort kleine Geschichten in 140 Zeichen, die meistens mit einer überraschenden Pointe aufwarten. Das als Micro-Fiction bezeichnete Angebot erhielt im vergangenen Jahr schon den Grimme Online Award in der Kategorie Spezial. Jetzt schaffen es die Tiny Tales vom Web in die reale Welt. Am 7. Oktober erscheint ein Buch mit allen bisherigen Mini-Geschichten und über 100 neuen. Das Vorwort hat Ober-Blogger Sascha Lobo verfasst. Sinniger Titel des ausgedruckten Twitter-Feeds: “Auf die Länge kommt es an.

Schönes Wochenende!

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