Herr Keese und die Blogger: eine Web-Soap

Das Thema Leistungsschutzrecht treibt bisweilen seltsame Blüten. Die Forderung von Verlagen, für das Zeigen von Textausschnitten bei Suchmaschinen Geld zu bekommen, war Anlass für ein Interview, das der Blogger Daniel Schultz und Zeit-Online-Mitarbeiter Kai Biermann mit Christoph Keese führen wollten. Der Chef-Lobbyist ist Springers Sprachrohr in Sachen Leistungsschutz. Aus dem Interview wurde eine bizarre Fortsetzungsgeschichte mit offenem Ende.

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Am 23. Juli 2010 war es. Da wollten sich der Blogger Daniel Schultz und Zeit-Online-Mitarbeiter Kai Biermann bei Christoph Keese, Head of Public Affairs bei Axel Springer, treffen, um ihn zum Leistungsschutzrecht zu befragen. Leider erschien Herr Biermann nicht zum Termin und Herr Schultz hatte keine Handynummer von ihm (so jedenfalls die Schilderungen im Blog Presseschauer von Daniel Schultz). Nicht nur dass: Biermann wollte auch das Aufnahmegerät mitbringen.

Da Herr Schultz nun weder Aufnahmegerät, noch Stift, noch Papier zur Hand hatte, stand er vor einem Problem. Er versuchte es, in bester Web2.0-Maier zu lösen: “Hektisch begann ich noch eine App zu suchen, die Tonaufnahmen ermöglichen sollte. Doch war die, die ich auf die Schnelle fand, nicht in der Lage aufzuzeichnen, während ich ein PDF mit Fragen geöffnet hatte.” Die klassische Doppel-App-Zwickmühle moderner Smartphone-Afficionados.

Herr Keese schlug vor, auf die Ressourcen des mächtigen Springer-Verlages zurückzugreifen. Der Verlag hatte ein Aufnahmegerät zur Hand und man könne das Interview auch direkt transkribieren lassen, schlug Keese vor. Anschließend wurde das Gespräch geführt. Aber, oh weh, Herr Keese rückte die Abschrift nicht heraus.

Monatelang versuchte der Blogger die ersehnte Abschrift zu erhalten – vergeblich. Herr Keese war einfach zu beschäftigt. Beide tauschten eine Reihe von Mails aus, mit denen Herr Schultz sein Blog füllte. Zitat aus einer Mail von Herrn Keese: “Ich habe viel zu tun und bin einfach noch nicht dazu gekommen, den Text zu bearbeiten.” Der Blogger Schultz konterte: “Im Übrigen war es ihr Angebot, den Text in ihrem Hause transkribieren zu lassen und ein Vertrauensbeweis meinerseits nicht umgehend auf eine Kopie des Tonband zu insistieren. Dies raubt mir gar die Möglichkeit im Nachhinein das gesprochene Wort mit dem redigierten Text zu vergleichen.”

Es ging noch ein Weilchen in diesem Stil hin und her. Herr Keese bekam offenbar immer mehr Lust auf den Dialog mit dem Blogger und setzte irgendwann selbst ein Blog im Netz auf, das nicht nur ziemlich genauso aussah wie das von Daniel Schultz, sondern auch fast genauso heißt: Presseschauder (das Blog von Herrn Schultz heißt Presseschauer). Und nun veröffentlichte Herr Keese das Transkript des Interviews kurzerhand auf seinem Blog. Wollte er Herrn Schultz etwa ärgern? Nein, beteuert Herr Keese. Es ging eher um eine Lektion in Sachen Leistungsschutz und geistiges Eigentum. Keese zu MEEDIA: “Es ist eigentlich kein eigener Blog, sondern war nur gedacht für die Veröffentlichung dieses einen Streitgesprächs, das Daniel Schultz vom ‘Presseschauer’ so am Herzen lag. Weil ich mich von ihm zu Unrecht der Nachrichtenunterdrückung geziehen fand, wollte ich den Text nicht auf seinem Blog veröffentlicht sehen. Es ging in dem Streitgespräch ja um geistiges Eigentum und Kopien. Also habe ich flugs sein Blog-Design kopiert und einen Namen gewählt, der mit seinem sehr leicht zu verwechseln ist. Schauer und Schauder.” Eine weitere Spitze gegen Herrn Schultz kann sich Herr Keese dann aber auch nicht verkneifen. Im Gegensatz zum Blogger nenne er, Keese, den Autoren des verwendeten WordPress-Themes beim Namen (ein gewisser Niaz PK aus Bangalore, der sich bislang aus der Diskussion noch raushält) und Keese kündigte sogar an, dem Mann ein Honorar zu schicken. Leistungsschutz at work.

Mr. Presseschauer, Daniel Schultz, hat unterdessen seine Fehde mit Herrn Keese auf das Debatten-Portal The European ausgeweitet und dort ein Stück zur Interview-Affäre veröffentlicht. Herr Keese blieb den Stil der Debatte treu und veröffentlichte umgehend eine Replik auf den Text im Debatten-Portal The European, worauf Herr Schultz wieder eine “offene Mail” schrieb, worauf Herr Keese wieder eine “offene Mail” schrieb.

Was uns langsam zur Frage bringt: Herr Keese, haben Sie etwa zuviel Zeit? Von wegen. Der Head of Public Affairs rechnet uns vor, dass er Dank seines Presseschauder-Blogs und den offenen Mails an Herrn Schultz sogar Zeit spart. Wie das geht, erklärt er am besten selbst: “Viel mehr Zeit kostet es, die vielen Ungenauigkeiten und Unterstellungen, die über das Leistungsschutzrecht und Paid Content im Umlauf sind, in Einzelgesprächen richtig zu stellen. Mein erster Eindruck: Es spart Zeit, darüber zu bloggen. In den ersten beiden Tagen haben 1.200 Leute meine Antwort auf Daniel Schultz’ offenen Brief gelesen. Nicht schlecht. Es hätte 1.200 Stunden gekostet, mit allen einzeln zu sprechen.” Und er kündigt an: “Übrigens habe ich mir vorgenommen, auch noch auf andere Blogger zu antworten. Es steht da noch so viel Halb- und Unwahres im Netz, dass es einfach nicht unwidersprochen bleiben darf.” Christoph Keese hat also noch viel vor. Die Web-Soap “Die Blogger und der Lobbyist” geht in die nächste Staffel.

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