“Eine News-Seite ist ein komplexes Gebilde”

Medienjournalist Stefan Niggemeier hat in seinem Blog Stern.de analysiert und gezählt, wie groß der Eigenanteil der dort veröffentlichten Inhalte ist. Ergebnis: von 367 Artikeln waren knapp 300 Ticker-Meldungen. Nur acht Artikel beruhten auf tatsächlicher Eigenleistung der Redaktion. MEEDIA sprach mit Stern.de-Chefredakteur Frank Thomsen über diese Kritik. Er sagt: “Das werde ich so nicht zählen.” Weitere Maßstäbe seien, so der G+J-Journalist, für die Bewertung von Online-Erfolg wichtig.

Anzeige

Was würden Sie Stefan Niggemeier an den Kopf werfen, wenn Sie ihn morgen auf der Straße träfen? Rein verbal natürlich…
Guten Morgen, Herr Niggemeier!
Den Eindruck, den er in dem Text "Anatomie einer Attrappe" von Stern.de wiedergibt, halten Sie für korrekt?
Nein, das tue ich nicht. Korrekt ist, dass wir versuchen, eine Seite für User zu machen, die möglichst interessant und aktuell ist. Das tun wir auf verschiedenste Weise. Eine Möglichkeit ist, dass man Autoren-Stücke hat. An manchen Tagen haben wir mehr Autoren-Stücke, an manchen weniger. Ich sehe nicht, dass die Seite zwingend besser ist, wenn wir an manchen Tagen mehr Autoren-Stücke haben. Autoren-Stücke sind fein, aber bei einer News-Seite geht es um viel mehr. Eine News-Seite ist ein komplexes Gebilde aus verschiedensten Dingen, die auch gewürdigt werden von Usern. Unsere Zahlen sind gut, wir sind bei der AGOF mittlerweile bei einer Reichweite von 5,8 Millionen, wir sind bei Visits stark vorangekommen
Aber die Auswertung eines einzelnen Stern.de-Tages in dem Blog-Beitrag ist doch sehr beeindruckend. Mag sein, dass es Tage mit mal mehr und mal weniger Autoren-Stücken gibt – aber ein derartiges Ungleichgewicht an Ticker-Meldungen und eigenen Beiträgen, wie es dort dokumentiert wurde, erscheint bemerkenswert. Im Interview mit MEEDIA vor einem Jahr sagten Sie, Sie wollen gerade keine Allerweltsnachrichten bringen. Nun hat Ihnen Stefan Niggemeier nachgewiesen, dass stern.de sehr viele Allerweltsnachrichten bringt.
Wenn man sich Tageszeitungen und andere Websites anguckt, stellt man fest, dass sie mit Agenturen arbeiten, das ist trivial. In der Online-Welt gibt es überall Newsticker und sie sind auch sinnvoll für die User. Ich bin übrigens auch nicht der Meinung, dass ein Agentur-Stück automatisch ein schlechtes Stück sein muss, diesen Ansatz sehe ich nicht. Für die User kommt es auch auf die Mischung, die Erfahrung und das Erlebnis auf der Seite an. Die Rückmeldungen, die wir von vielen Lesern bekommen ist: Wir finden Eure Seite gut, ihr seid anders als andere, weil ihr andere Schwerpunkte setzt und weil ihr optisch ansprechend seid.

Ein weiterer Kritikpunkt war, dass Videos, Bildergalerien und Artikel sehr oft wiederholt mit neuen Datierungen veröffentlicht werden, so dass Leser bisweilen nicht nachvollziehen können, von wann eine Meldung oder ein Video genau stammt. Ist das ein Opfer auf dem Altar der Google-Optimierung?
Das beruht auf einem Missverständnis. Es lohnt sich gar nicht, Fotostrecken so zu optimieren, wie das unterstellt wird. Fotostrecken bekommen jedesmal, wenn sie veröffentlicht werden, einen neuen Zeitstempel. Das hat aber für Google keinen Effekt. Das liegt daran, dass die Fotostrecke technisch dem Text folgt. Wenn das ein aktueller Text von heute ist, bekommt auch die Fotostrecke den Zeitstempel von heute. Darüber kann man diskutieren, das sind aber dann schon sehr tiefgehende Technik-Diskussionen und viel Klein-Klein. Das sagt alles nichts aus über den Zustand der News-Online-Branche. Die Branche ist geprägt von hoher Aufmerksamkeit bei Großereignissen wie Japan, von einer hohen Drehgeschwindigkeit bei Ereignissen wie zu Guttenberg. Das zeigt sich bei allen News-Websites durch wachsenden Traffic.

Aber hinter dem Klein-Klein steckt auch ein Groß-Groß. Es geht hier ja um eine inhaltliche Diskussion, nicht um wirtschaftliche Aspekte oder Reichweiten. Es geht in diesem Fall darum, zu klären, was guten Online-Journalismus ausmacht. Sie würden also nicht meinen, dass der Anteil an Agentur und Ticker-Meldungen bei Stern.de überproportional groß ist im Vergleich zu anderen Online-Medien?
Das glaube ich nicht, aber ich werde das auch so nicht zählen…

Warum eigentlich nicht?
Wozu? Es ist für die Qualität einer News-Site nicht der alleinige Gradmesser, wie viele eigene Stücke insgesamt darauf stehen.
Aber es geht doch um die Tagesproduktion einer Redaktion und nicht um das Archiv…
Online-Journalismus funktioniert so, dass man ein riesiges Bouquet von Ereignissen hat, das man ständig auswerten und aktuell einordnen muss. Auf unsere Berichterstattung reagieren die User ausgesprochen positiv. Das ist für mich der wichtigste Maßstab.
Wie messen Sie denn die User-Zufriedenheit?

Der Gradmesser ist einmal unsere Facebook-Seite, wo wir viel Resonanz bekommen. Dann über Mails und selbstverständlich auch an der Reichweite. Die wächst übrigens auch ohne Google. Das zeigt auch die Akzeptanz, denn die Leute kommen nicht wieder im Web, wenn es ihnen nicht gefällt.

Würden Sie sich wünschen, dass mehr Leute vom gedruckten Stern für Online schreiben?
Über die Hochzeit von Kate und William hat die London-Korrespondentin des Stern zahlreiche Stücke geschrieben, gestern hat das Berliner Büro geschrieben, die Auslandskorrespondenten schreiben regelmäßig. Es schreiben eine ganze Menge Print-Leute vom stern für Online.

Man hört aber auch Geschichten aus dem Umfeld der Redaktion, dass eine Geschichte, die für Print produziert wurde und es nicht ins Blatt schafft, lieber weggeworfen wird, statt dass man sie an Stern.de gibt.
Das sind alte Kamellen.

Sie sind also rundum zufrieden mit Stern.de?
Nein, wir sind nie rundum zufrieden. Womit wir gerade zufrieden sind ist, dass die harte Arbeit, die wir seit Jahren machen und der Umbau vom vergangenen Jahr, zu greifen beginnt. Wir werden immer sichtbarer im Netz und begreifen immer besser, wie man im Netz und fürs Netz Journalismus anbietet. Wir sind damit zufrieden, wie die Seite aussieht und trotzdem ändert sich ständig etwas. Stern.de wird und muss sich weiter entwickeln. Die Baustellen einer Online-Seite sind immer so groß, dass man nie vollends zufrieden sein kann, es bewegt sich viel.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige