US-Debatte: macht Twitter dumm?

In den USA ist eine neue Debatte darüber entbrannt, ob Social-Media-Dienste wie Twitter oder Facebook dumm machen. Losgetreten wurde sie von Bill Keller, dem Chefredakteur der New York Times. In einem Stück für das Magazin der Zeitung beschrieb er, wie Twitter unsere Aufmerksamkeitsspannen verkürzt und das Denken negativ beeinflusst. Erwartungsgemäß erhielt Keller für seine Thesen reichlich Gegenwind von Twitter-Fans, u.a. auch in seinem eigenen Medium.

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So schrieb der New-York-Times Autor Nick Bilton in seinem “Bits”-Blog auf der Website der Zeitung eine kritische Replik auf die Äußerungen seines Chefs. Seine Antwort ist, in Kürze wiedergegeben, dass es darauf ankommt, wem man bei Twitter folgt. Verfolgt man bei Twitter Nonsense-Accounts, sei es durchaus wahrscheinlich, dass der fortlaufende Konsum von Gaga-Tweets doof macht. Folge man stattdessen Nachrichten-Angeboten, Wissenschaftlern oder renommierten Autoren, so biete Twitter einen großen Mehrwert und Erkenntnisgewinn.

Allerdings gibt auch Bilton zu, dass es bisweilen zu Auswüchsen in der Social-Media-Nutzung kommen könne. “Wenn sie exzessiv genutzt werden, können diese Technologien, die uns so leicht in Kontakt mit weit entfernten Menschen bringen, dazu führen, dass wir den Kontakt zu Menschen verlieren, die sich direkt vor uns befinden.”

Keller prägte für den exzessiven Charakter von Social-Media zu Beginn seines Essays "The Twitter Trap" ein einprägsames Bild. Er und seine Frau hätten ihrer 13-jährigen Tochter erlaubt, dass sie sich bei Facebook anmelden könne. Ein paar Stunden später hatte sie schon 171 Facebook-Freunde eingesammelt. Keller: “Ich fühlte mich ein bisschen so, als hätte ich meinem Kind eine Pfeife mit Crystal Meth in die Hand gedrückt.” Crystal Meth ist eine synthetische Droge, die praktisch schon beim ersten Konsum stark abhängig macht.

Zwar preist auch Keller in seinem Stück die unbestreitbaren Vorteile, die Twitter und Soziale Netzwerke wie Facebook mit sich bringen können (“Ein Megaphon für Promotion, ein Netz an Information, ein hilfreiches Organisations-Werkzeug für alles Mögliche – von Treffen von Hunde-Liebhabern bis zu Revolutionen…”) – aber er lenkt den Blick verstärkt auf die vorhandenen Gefahren. Dabei greift Keller auch in die Vergangenheit zurück, erwähnt, dass die Erfindungen des Buchdrucks und des Taschenrechners auch maßgebliche Veränderungen der menschlichen Denkweisen nach sich gezogen hätten.

Kellers kritische Sicht auf Social Media wird im Web, wenig überraschend, überwiegend kritisch gesehen. GigaOM, Gawker.com, AdWeek.com, Business Insider und viele andere lassen kein gutes Haar an Kellers Stück. Auch für Keller selbst kommen diese Reaktionen wenig überraschend. Er hat den Sturm der Entrüstung in seiner Kolumne bereits korrekt vorausgeahnt: “Ich weiß, dass ich einen Rückschlag von passionierten Tweetern provoziere (…) und obwohl ich kein großer Tweeter bin und meinem Facebook-Profil nur wenig Aufmerksamkeit widme, mag ich es doch, wenn etwas, das ich schreibe in der Twittersphäre herumgereicht wird, selbst wenn ich weiß, wie jetzt zum Beispiel, dass das Urteil der Masse feindselig sein wird.”

Twitter-Kritik und gleichzeitig um Retweets betteln – das kommt verständlicherweise gar nicht gut an. Hätte sich Keller diesen Teil verkniffen, hätte seine Analyse womöglich stichhaltiger gewirkt.

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