„Nähe darf nicht vorgetäuscht werden“

Die Debatte um die Aberkennung des Nannen-Preises geht weiter. Zeit und stern widmen dem Thema in ihren heute erschienen Ausgaben breiten Raum. Im Vordergrund steht das Bemühen, die Auseinandersetzung zu versachlichen und über die eigentlich relevante Frage nachzudenken: Was darf die Reportage? Zugleich stellen die Jury-Mitglieder Andreas Petzold und Giovanni di Lorenzo klar, dass es aus ihrer Sicht bei allem Respekt für den Autor zum Entzug des Kisch-Preises keine Alternative gibt.

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Beide Chefredakteure äußern sich im stern. Im Editorial schreibt Andreas Petzold über nichts Anderes als den Nannen-Streitfall, der die Branche vergangene Woche in Aufruhr versetzte. Der stern-Chef kommt zum Schluss, dass Spiegel-Redakteur René Pfister – dem er zugleich bescheinigt, ein "herausragendes schreiberisches Talent und alles andere als unlauter" zu sein – das "Reinheitsgebot der Reportage nicht eingehalten und den falschen Eindruck erweckt" zu haben, er sei Augenzeuge des Beschriebenen gewesen. Petzold, der ebenfalls für die Aberkennung stimmte, begründet dies so: "Hätte die Jury gewusst, dass Seehofer dem Autoren die hübsche Merkel-fährt-im-Kreis-Anekdote erzählt hat, wäre dieser Text von vornherein nicht als beste Reportage 2010 infrage gekommen."

Petzold ist überzeugt, dass sich die Debatte "im Kern" um die "Glaubwürdigkeit unserer journalistischen Arbeit" dreht, und er glaubt, dass die Anforderungen an Redakteure besonders hoch seien, "weil wir Journalisten uns fortwährend rausnehmen, Politiker und Wirtschaftsführer zu kritisieren, wenn diese unredlich arbeiten." Deshalb müssten die Maßstäbe der Arbeit "immer wieder justiert" werden.

Mit Lob für den verhinderten Kisch-Preisträger Pfister spart auch Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo nicht, der sich im Rahmen eines stern-Interviews äußert. Er nennt den 37-Jährigen einen "brillanten Autor", der er sehr schätze und gern in seiner Redaktion haben würde. Wie Petzold ist di Lorenzo offenkundig bemüht, in der Debatte nicht das Verhalten eines Einzelnen anzuprangern, sondern sich um die grundsätzliche Standortbestimmung zu bemühen. In der Sache stellt der Zeit-Chef unmissverständlich fest: "Es gehört zu unserer Glaubwürdigkeit zu sagen: Hier gibt es Fehlentwicklungen."

Für di Lorenzo ist die von Pfister geschilderte, aber nicht selbst erlebte Passage von der Modelleisenbahn Seehofers "die entscheidende Szene" des Porträts: Diese ziehe sich "als Metapher durch die ganze Geschichte bis hin zur Überschrift" und sie "entfaltet das vermeintliche psychologische Grundmuster zum Verständnis der Figur Horst Seehofer". Zugleich seien die umstrittenen Absätze im Einstieg der Geschichte auch die, "aufgrund derer er den Preis bekommen hat". Denn fest stehe: "Die Nähe macht den Unterschied zwischen einer guten und einer sehr guten Reportage, aber Nähe darf nicht vorgetäuscht werden."

Ebenso deutlich wie Petzold sagt der Zeit-Chefredakteur auch: "Hätte die Jury gewusst, dass gerade diese zentrale Szene rekonstruiert war, eine Szene, die alle so begeistert hat, wäre dieser Preis nie an Pfister gegangen. Eine andere Reportage hätte ihn bekommen, der Autor dieses Textes ist um den Lohn seiner Mühe gebracht worden." Erstmals begründet di Lorenzo auch, warum die Jury vor ihrer Entscheidung Pfister nicht mehr anhörte. Der habe sich ja in Medien bereits geäußert und jeden Fehler von sich gewiesen: "Da ist der Eindruck entstanden, da sei von Pfister keine Einsicht zu erwarten." Entscheidend sei aber, dass die Debatte schnell von Pfister und dem Spiegel wegkomme, "hin zu einer Debatte, die redaktionsintern bei jedem Blatt geführt werden muss: Was darf eine Reportage, und was sollte sie tunlichst unterlassen?"

Genau dieses Thema nimmt sich die Zeit in ihrer aktuellen Ausgabe vor. In einem Essay beschäftigt sich Dossier-Ressortleiter Stefan Willeke, selbst Kisch-Preisträger, mit der erhitzten Diskussion der vergangenen Woche, die wie von einer "Kolonie von Kleingärtnern" geführt worden sei. Willeke versucht, dem Reporter-Wesen auf den Grund zu gehen: "Ein Reporter ist ein Handwerker. Er beobachtet Leben und füllt seinen Text mit Leben. Er sammelt Material und verarbeitet es. Ganz sicher ist er kein Künstler, der sich über Realitäten hinwegsetzen darf. Er sollte im Artikel deutlich machen, woher sein Wissen stammt." Und bezogen auf den strittigen Fall: "Es ist nicht in Ordnung, so zu tun, als sei man aktuell in Seehofers Keller, wenn man es nicht ist."

Willeke stellt eine interessante Frage: "Warum muss ein Reporter überhaupt etwas rekonstruieren, das er nicht selber erlebt hat? Genügt ihm das Erlebte nicht mehr?" Darüber wird, wie vom Zeit-Chefredakteur gefordert, nun intensiv zu reden sein. Willekes Antwort auf die Frage, was der Reportage erlaubt ist: "Sie darf alles, solange sie ihr Handwerk ernst nimmt."

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