Kachelmann: Schwarzer contra Friedrichsen

Die Plädoyers der Staatsanwälte im Vergewaltigungs-Prozess gegen den ehemaligen ARD-Wettermoderator Jörg Kachelmann riefen wieder zwei prominente Prozess-Beobachterinnen auf den Plan: Spiegel-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen und Bild-Kommentatorin Alice Schwarzer. Friedrichsen sagte im ZDF, der Staatsanwalt habe das Gegenteil von den Gutachten behauptet. Alice Schwarzer fand die Ausführungen der Ankläger “sehr überzeugend und fundiert.”

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Schwarzer schrieb zu dem geforderten Strafmaß von vier Jahren und drei Monaten Haft in Bild: “Mir scheint das in diesem in der Tat sehr komplizierten Fall mit seinen hohen emotionalen Verstrickungen aller Beteiligten ein angemessener Kompromiss.” Ihrer Meinung nach hatte der Oberstaatsanwalt Oskar Gattner sogar “die Ehre der Frauen” gerettet, indem er schilderte, “mit welchen menschenverachtenden Manipulationen Kachelmann es geschafft haben soll, mehreren Frauen auf einmal glaubhaft zu versichern, dass sie die jeweils Einzige seien und er sie demnächst heiraten wolle.”

Den guten Eindruck Frau Schwarzers von den Plädoyers der Staatsanwälte, vor allem Lars-Torben Oltrogges, teilt Frau Friedrichsen nicht. Gisela Friedrichsen äußerte sich am Abend nach den Plädoyers in der Talksendung “Markus Lanz” im ZDF. Sie sagte: “Nach meiner Beobachtung reichen die Beweise, die die Staatsanwaltschaft großmundig präsentiert hat, nicht aus. Da war so viel Spekulation und Unterstellung dabei, dass ich keine Basis für eine Verurteilung sehe.” Man habe den Eindruck gewonnen, dass das, was die Sachverständigen gesagt haben, von der Staatsanwaltschaft “einfach umgedreht” worden sei.

Als großes Problem bei der Beobachtung dieses Prozesses beschrieb Friedrichsen den häufigen Ausschluss der Öffentlichkeit. Große Teile der Verhandlung ließen sich so gar nicht rekonstruieren, auch von dem mutmaßlichen Opfer habe man keinen Eindruck gewinnen können. Das Fazit der Spiegel-Gerichtsreporterin: Der Fall hätte gar nicht vor ein Gericht gehört. “Das hätten die beiden untereinander regeln müssen”, sagte sie.

Andere Medien hielten sich mit Kommentaren zurück, die meisten verwiesen jedoch auch auf die Diskrepanz zwischen den Schlussfolgerungen der Staatsanwälte und den Aussagen der Gutachter. Spiegel Online schrieb: “die Schilderungen von Bedrohung, Gewalt, Zwang, Einsatz des Messers. Oltrogge ignorierte all diese Aussagen und Expertenmeinungen in seinem Plädoyer und betonte, dass ebenfalls auszuschließen sei, dass sich die 38-Jährige die Hämatome an den Oberschenkeln selbst zugefügt oder die Spurenlage in der Wohnung präpariert bzw. manipuliert habe. Das Fazit mehrerer Sachverständiger, dass auch die Hautkratzer und Hämatome mit hoher Wahrscheinlichkeit selbst beigebracht wurden, interessierte ihn offenbar nicht.”

Die FAZ notierte (Paid Content): "Selbst die Ergebnisse der rechtsmedizinischen Gutachten und der Spurenermittler, die im Lauf der Hauptverhandlung eher als entlastend für Kachelmann interpretiert worden sind, sprechen nach Ansicht der Staatsanwaltschaft in ihrer Gesamtheit für die Version der Nebenklägerin.”

Die Welt hob erneut auf die Äußerlichkeiten des Staatsanwalts Oltrogge ab und machte seine hohe Stimme sowie seine langen Haare zum Thema (“Der Ankläger, der mit seiner schulterlangen Lockenmähne in mittelalterlichen Ritterspielen eine gute Figur machen dürfte…”).

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