Das Versagen der Kachelmann-Ankläger

Die Plädoyers der Staatsanwaltschaft im Fall Kachelmann könnten das Vertrauen in die deutsche Justiz nachhaltig erschüttern. Konsequent ignorierten die Ankläger entlastende Punkte im Vergewaltigungsprozess gegen den ehemaligen ARD-Wettermann Jörg Kachelmann. Die Plädoyers bewegten sich auf dem Stand vom Beginn der Ermittlungen. Bei der Aufgabe, ein umfassendes Bild der möglichen Tat zu zeichnen, haben die Staatsanwälte spektakulär versagt.

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Niemand weiß, was in jener verhängnisvollen Nacht geschah, als Jörg Kachelmann angeblich seine damalige Freundin in Schwetzingen vergewaltigt haben soll, außer den beiden Beteiligten. Vor Gericht kann es aber nur darum gehen, was an Beweisen und Aussagen auf den Tisch kommt. Schlüssige Beweise, an denen nichts zu deuteln wäre, gibt es im Prinzip keine, nur Indizien. Auf der angeblichen Tatwaffe, dem Küchenmesser, das Kachelmann seiner Freundin an den Hals gedrückt haben soll, wurden keine belastenden Spuren gefunden. Der rechtsmedizinische Gutachter Markus Rothschild führte im Laufe der Verhandlung nachvollziehbar aus, dass viele Merkmale der Verletzungen des mutmaßlichen Opfers für Selbstverletzungen sprächen. Ein psychologisches Gutachten weckte zudem Zweifel an der Stringenz der Aussage der Frau.

Die Staatsanwaltschaft ging darüber hinweg. Die Verletzungen seien so stark, dass Selbstverletzungen auszuschließen wären, behauptete Staatsanwalt Oltrogge im Plädoyer laut Bild.de, obwohl Gutachten das Gegenteil besagten. Dreh- und Angelpunkt der Anklage ist die Aussage des mutmaßlichen Opfers. Dass die Frau die Staatsanwälte selbst in zentralen Punkten nachhaltig belogen hat, erschüttert für die Ankläger nicht ihre Glaubwürdigkeit. Man solle den Stab nicht über der Frau brechen, weil sie zur Vorgeschichte gelogen habe. Man könne daraus nicht den Schluss ziehen, dass ihre Aussagen zum Tathergang selbst nichts wert seien, so Oltrogge.

Der Gutachter Klaus Püschel hatte dagegen nachvollziehbar dargelegt, dass die Verletzungen des mutmaßlichen Opfers gar nicht auf die von der Frau beschriebenen Weise zustande kommen konnten. Stattdessen sprach Püschel von "eindeutigen Hinweisen auf Selbstverletzung". Für die Anklage kein Grund, von ihrem Kurs abzuweichen.

Statt Beweisen oder stichhaltigen Begründungen wurde nun in öffentlicher Verhandlung aus Teilen der nicht-öffentlichen Sitzungen zitiert, ein Bruch der vom Gericht verfügten Trennung in Prozessteile, die für die Öffentlichkeit bestimmt waren und solche, bei denen das Publikum und die Berichterstatter zum Schutz der Intimsphäre der Beteiligten außen vor zu bleiben hatten. Dabei hatte die Anklage selbst stets auf den Ausschluss der Öffentlichkeit gedrängt, um die Persönlichkeitsrechte des mutmaßlichen Opfers zu schützen. Das galt am Tag des Plädoyers offenbar nicht mehr. Lang und breit wurden intimste Details aus Chat-Protokollen und Vernehmungen ausgewalzt, bis Kachelmanns Verteidiger Johann Schwenn die Sache stoppte.

Die ausführlichen Zitate aus den Protokollen brachten zwar keine neuen Beweise für die Sichtweise der Anklage, dafür haufenweise knalliges Überschriftenmaterial für die Medien. Kaum ein Artikel über diesen Prozesstag wird ohne die Zitate Kachelmann sei “krank und verrückt wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde” oder “Halt die Klappe oder du bist tot” auskommen. Hier drängt sich der Verdacht auf, dass mangels Beweismaterial auf Stimmungsmache umgeschwenkt wurde. Die mediale Höchstrafe, so das offensichtliche Kalkül der Ankläger, sollte Kachelmann schon vor dem Urteilsspruch ereilen. Um dies sicherzustellen, setzte sich die Anklagebehörde über die vom Gericht festgelegten Konventionen des Umgangs mit Aussagedetails hinweg. Die Staatsanwaltschaft ist gesetzlich verpflichtet, neben belastenden auch entlastende Umstände zu ermitteln und bei Beurteilung eines Falls zu berücksichtigen. Die Mannheimer Ankläger haben Letzteres in einer Weise vernachlässigt, die dienstrechtlich bedenklich und überprüfenswert erscheint.
Egal wie das Urteil in diesem langen und bizarren Prozess lauten wird: Das Verhalten der Mannheimer Staatsanwälte taugt schon jetzt zum handfesten Skandal und beschädigt das Ansehen der Justiz.

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