Ottfried Fischer: mit der Bild nach ganz unten

Im Prozess um Ottfried Fischer wurden die Plädoyers gesprochen. Das Urteil selbst wurde vertagt, weil der Amtsrichter aus der 1. Instanz nochmal als Zeuge gehört werden soll. Die Staatsanwaltschaft fordert acht Monate Haft auf Bewährung für den angeklagten Ex-Bild-Reporter, die Verteidigung Freispruch. Der frühere Bild-Mann soll den Schauspieler mit einem Sex-Video zu Interviews über seine Kontakte zu Prostituierten genötigt haben. Doch egal wie das Urteil lautet, in dem Prozess gibt es nur Verlierer.

Anzeige

Das liegt zu einem Gutteil daran, dass sich die streitenden Parteien in dem Skandal-Prozess als etwas darstellen, was sie ganz offenbar beide nicht sind: Undschuldslämmer. Beide Parteien – Fischer und Bild – haben auf ihre Weise Verantwortung für den unerfreulichen Fortgang der Affäre.

Da steht auf der einen Seite der TV-Schauspieler und Kabarettist Ottfried Fischer, bekannt vor allem für seine Fernseh-Rollen als “Der Bulle von Tölz” und “Pfarrer Braun”. Fischer stellt sich in Medien gerne als die von Bild verfolgte Unschuld vom Lande dar. Einer, der sich zwar einen moralischen Fehltritt geleistet habe, dafür aber von der Bild unter Druck gesetzt wurde zu kooperieren. Zuletzt wurde Fischer vom Spiegel als ein Kronzeuge gegen die miesen Methoden der Bild in der Titelgeschichte “Die Brandstifter” ausführlich befragt.

Aber Fischers kategorische Ablehnung der Bild ist eine relativ neue Zeiterscheinung. Im ersten Prozess vor dem Amtsgericht München, den Fischer als Nebenkläger gewann, sagte er selbst, dass die Bild “nicht so seine Zeitung” sei. Er habe nur mit dem Boulevardblatt gesprochen, wenn er wegen einer TV-Produktion vertraglich zur Pressearbeit verpflichtet gewesen sei. Das ist eine etwas verschrobene Sicht des Verhältnisses zwischen Fischer und der Bild.

So ließ er sich u.a. mit dem früheren Fußball-Manager Reiner Calmund zum “Duell der Super-Bäuche” bei Bild am Sonntag laden oder plauderte auch in Bild am Sonntag über seine Parkinson-Krankheit. Der gemütliche, dicke “Otti” war schon vor der Huren-Affäre ein Teil des Bild-Universums – durch eigenes Zutun. Bestenfalls seltsam zu nennen ist dann sein Verhalten im Umfeld der vor Gericht verhandelten Vorgänge. Dass er zuerst in einem Exklusiv-Interview über seine Erfahrungen mit den Prostituierten sprach, später noch mit seiner neuen Freundin bei “Beckmann” im TV auftrat, über die Sache plauderte und sich erst später zu einer Anzeige veranlasst sah, wirkt nicht wie rationales Verhalten.

Fischer wirkt eher wie einer, der schwer von seiner Krankheit gezeichnet ist, und mehrfach in die Fänge von Leuten geriet, die es alle auf ihre Art nicht gut mit ihm meinten. Seien es die Prostituierten, die zuerst versuchten seine Kreditkarte zu plündern und ihr Treffen mit ihm später auf Video aufzeichneten. Sei es der mutmaßliche Zuhälter Mike P., der das besagte Video dann an den angeklagten Ex-Bild-Mann verschacherte. Oder Fischers schnell angeheuerte PR-Beraterin Brigitte M., die nichts Besseres zu tun hatte, als die Exklusiv-Interviews mit der Bild-Zeitung einzutüten.

Von Bild-Seite wird behauptet, der Reporter habe bereits vor den Interviews der PR-Beraterin Fischers angeboten, das Video zu übergeben, sie habe es aber nicht gewollt. Als die Frau dann im Zeugenstand auch noch aussagte, von der Bild nicht genötigt worden zu sein, feuerte Fischer sie. Wahrscheinlich hätte er sie besser erst gar nicht erst eingestellt.

Aber die andere Seite in diesem Prozess ist auch nicht ganz so heilig, wie sie sich gerne darstellt. Angeklagt war der frühere Bild-Reporter Wolf-Ulrich S., dessen Prozesskosten immer noch von der Bild-Zeitung gedeckt werden. Bild und der Axel-Springer-Konzern den Prozess ihrerseits als einen schändlichen Angriff auf die Pressefreiheit. Der Konzern gibt ganz leutselig an, seinen Ex-Reporter aus “Fürsorgegesichtspunkten” weiter zu unterstützen und füttert Journalisten fleissig mit Hintergrundmaterial, das die Sichtweise des Verlages untermauert. Bild und Axel Springer als Samariter vom Dienst?
Doch natürlich wirft es kein strahlendes Licht auf die Arbeitsmethoden der Bild, wenn ein Mitarbeiter mal eben für 3.500 Euro ein offensichtlich illegales Sex-Video von einem dubiosen Mittelsmann kauft. Für die Bild war das ganze natürlich eine Riesengeschichte. Der “Bulle von Tölz” von Huren aufs Kreuz gelegt und das noch mit Video. Boulevardmedien funktionieren in einer Weise, dass sie an solch einer Geschichte nicht vorbeigehen können.

Dann wurde noch eifrig mit der PR-Beraterin des gefallenen Prominenten gedealt. Ein positiver Dreh in den Geschichten wurde verabredet, das Schmuddel-Video schwebte als Damokles-Schwert im Hintergrund. Kann schon sein, dass sich der offenbar verwirrte Fischer so sehr von der Existenz des Videos beeindrucken ließ, dass er den Interviews zustimmte. Ausgesprochen werden musste eine "Drohung" offenbar nicht. Zumal ja auch die Bild-Seite stets betonte, man habe das Video zu keinem Zeitpunkt veröffentlichen wollen. Aber auch dies wahrscheinlich nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern weil man sich damit wirklich strafbar gemacht und die öffentliche Meinung ruckzuck gegen sich gehabt hätte.

Der Ottfried-Fischer Prozess hat öffentlich zu Schau gestellt, dass dieses Schmuddel-Gen in der DNA eines Boulevard-Mediums sitzt. Das kann den Bild-Machern nicht gepasst haben. Immerhin müht man sich seit Jahren, Bild als sauberen Mainstream und Leitmedium zu etablieren. Dass hinter der Fassada bisweilen noch das Gesetz der Straße regiert, will man lieber nicht an die große Glocke hängen.

Neben der angeblichen Nötigung ging es in dem Prozess auch darum, ob der Bild-Journalist das offensichtlich illegale Video überhaupt an sich nehmen und anschauen durfte. Die Anwälte des Ex-Bild-Manns argumentierten, dass wenn dies unrechtmäßig sei, die gesamte Pressefreiheit in Gefahr wäre. Dann dürften Journalisten illegal erhaltenes Material niemals verwenden, auch wenn damit größte Skandale weltpolitischen Ausmaßes aufgedeckt würden. Das ist ein altbekanntes Argumentationsmuster der Bild. Sobald das Blatt beschuldigt wird, zu sehr in Prominenten-Unterhosen gewühlt zu haben, wird nach der Pressefreiheit gerufen und auf politisch brisante Skandale verwiesen, die man dann ja auch nicht mehr aufklären könne.

Die Pressefreiheit schützt eben nicht nur jene, die moralisch hochstehende Ziele verfolgen, sondern auch solche, die niedere Instinkte bedienen. Anders gesagt: Ob jemand den Watergate-Skandal aufdeckt oder Otti-Fischers Probleme mit Prostituierten ist rein Pressefreiheits-mäßig wurst. Das kann man anmaßend finden, rein juristisch ist das wohl sogar nachzuvollziehen.

In fast allen Berichten, in denen es um die Bild und ihre Methoden geht, wird der Ausspruch des Springer-Chefs Mathias Döpfner zitiert, der sinngemäß sagte, dass wer mit Bild im Aufzug nach oben fahre, von Bild auch auf dem Weg nach unten begleitet werde. Der Fall Fischer zeigte nun, wie schmerzvoll und rasend, diese Fahrt nach unten sein kann.
Das eigentlich erwartete Urteil in dem Prozess wurde vertagt. Die Richterin will den Amtsrichter aus der 1. Instanz nochmals als Zeuge anhören, obwohl die Plädoyers bereits gesprochen wurden. Als nächster Verhandlungstag ist nun der 23. Mai angesetzt.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige