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Wg. Nannen: Zoff zwischen Bild und Spiegel

Auch eine Woche nach der Entscheidung der Nannen-Jury, den Kisch-Preis für die beste Reportage wieder einzuziehen, dauert die Debatte um die Angemessenheit dieser Maßnahme an. Die Spiegel-Chefredaktion schreibt sich in einer randvoll getexten Hausmitteilung die Wut von der Seele, die FAZ widmet in ihrer Sonntagsausgabe dem Konflikt die Rubrik "Nackte Tatsachen", und in der Bild rechnet Medienprofessor und Spiegel-Abonnent Norbert Bolz mit dem Nachrichtenmagazin ab.

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Bemerkenswert ist dabei vor allem ein Stellungskrieg, der sich zwischen dem Spiegel und Springers Boulevard-Blatt abzeichnet. Bei Bild erinnert man sich trotz seinerzeit demonstrativ zur Schau getragener Gelassenheit noch gut an die Spiegel-Titelgeschichte "Die Brandstifter" (Ausgabe 9/2011), in der die Hamburger – immer wieder gern genommen, aber ohne erkennbaren aktuellen Anlass oder neue Fakten – die Arbeitsmethoden bei Bild thematisierten. Das Heft wurde, gemessen an den aktuell eher mäßigen Zahlen des Magazins, zu einem Verkaufserfolg.

Nach dem Desaster beim Nannen-Preis, der Spiegel-Redakteur René Pfister nach drei Tagen wieder aberkannt wurde, veröffentlichte Bild mehrere Artikel, in denen das Nachrichtenmagazin in punkto Recherche nicht gerade blendend dastand. Das Eingeständnis des Spiegel-Schreibers und Kurzzeit-Kisch-Preisträgers, das im Artikeleinstieg beschriebene Ferienhaus-Tiefgeschoss samt Modelleisenbahn des CSU-Chefs nicht gesehen zu haben, konterte Bild mit dem Bekenntnis des eigenen Politredakteurs: "Ich war in Seehofers Eisenbahn-Keller." An anderer Stelle titeln die Springer-Redakteure "Schon 2004 im ZDF zu sehen: Hier zeigt Horst Seehofer seinen Eisenbahn-Keller" oder jazzen das Preis-Debakel zum "peinlichsten Medienskandal des Jahres" hoch.

Das alles könnte man noch als Nickligkeiten verbuchen. Doch am Wochenende legte Bild in Print und Online nach, und zwar in Form eines Gastbeitrags des Medienwissenschaftlers Norbert Bolz. Der Berliner Professor wird darin überdeutlich, und wer nur die Headlines liest, hat verstanden: "Medienwissenschaftler Prof. Bolz schreibt über die Krise des Hamburger Nachrichtenmagazins: ‚Der SPIEGEL ist kastriert.’" Schon im ersten Satz stellt Bolz die Existenz des "Sturmgeschützes der Demokratie" in Frage: "Wenn es den ‚Spiegel‘ nicht mehr gäbe, würde der deutschen Öffentlichkeit nichts fehlen. Das war früher anders." Branchenkenner ahnen: Das ist eine Kampfansage, nicht nur vom Gastautor, sondern von Europas größter Zeitung.

Man mag das beim Spiegel als beleidigte Reaktion eines beleidigten Wettbewerbers abtun, aber dass der Bolz-Beitrag bei Bild am frühen Montag bereits fast 900 Empfehlungen bei Facebook erhalten hatte, zeigt auch, dass hier offenbar ein Nerv getroffen wurde und die Debatte nun auch auf der Social Media-Plattform Nummer eins entflammen könnte. Es könnte sich auch als kurzsichtig erweisen, dass der Spiegel bei der Kommunikation vor allem auf das eigene Blatt gesetzt zu haben scheint.

Zwar wurde die unmittelbar nach Preisentzug veröffentlichte Stellungnahme des Verlags noch via Deutsche Presse-Agentur verbreitet. Danach war allerdings eher Widersprüchliches zur wohl entscheidenden Frage von der Brandstwiete zu vernehmen: Wie stellt sich das Blatt künftig zum Henri Nannen-Preis? Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron hatte zunächst angedeutet, sich aus der Jury zurückzuziehen, wenn es beim Mehrheitsvotum für die Aberkennung bleiben werde. Bislang hat die Jury jedoch nach MEEDIA-Informationen keine Erklärung in der Sache erreicht.

Chefredakteur Georg Mascolo, der das Printmagazin inzwischen allein verantwortet (von Blumencron ist jetzt für die digitalen Formate zuständig) äußerte sich am Mittwoch vergangener Woche in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung – allerdings im maßgeblichen Detail wenig glücklich, indem er zunächst argumentierte, die Spiegel-Dokumentation habe den Eisenbahn-Einstieg von Pfister "überprüft", um auf die Wie-Frage der SZ zu antworten: "Die Dokumentation hat mit René Pfister gesprochen. Er hat von seinen Gesprächen mit Seehofer und anderen Quellen berichtet." Dass hier der Autor im Grunde sich selbst bestätigt, merkt auch der unbefangenste Leser…

Einen branchenweit vernehmbaren publizistischen Aufschlag hatte man beim Spiegel dem eigenen Blatt vorbehalten. Doch das anvisierte "Streitgespräch" zweier Juroren des Nannen-Preises scheiterte – ausgerechnet daran, dass sich dazu kein Gegner der Aberkennung und somit niemand bereit fand, der die Position des Spiegel vertreten hätte. So blieb es bei der Zusage des Jurors und Zeit-Chefredakteurs Giovanni di Lorenzo, der für den Entzug der Kisch-Ehre votiert hatte. Und damit platzte die Spiegel-Debatte, übrig blieb eine kämpferische Hausmitteilung unter dem einzigen Betreff: "Nannen-Preis".

Dort gibt sich die Spiegel-Chefredaktion unversöhnlich, was schon der erste Satz verdeutlicht: "Der Henri-Nannen-Preis war der wichtigste deutsche Journalisten-Preis." War? Das klingt nicht danach, dass sich der Spiegel künftig darum reißen wird, mit der wohl renommiertesten Print-Trophäe ausgezeichnet zu werden. Aber ist dem Magazin, das bislang so blendend mit dem Nannen-Preis fuhr, mit einer selbstgewollten Ausgrenzung wirklich gedient? Und wie wahrscheinlich ist es, dass sich für die Auffassung des Spiegel, für die es schon beim Jury-Entscheid eine 4:7-Niederlage gab, auch in der Branche keine Mehrheit findet? Was hilft es, dem Preis einseitig die Legitimation abzusprechen, indem man fast trotzig wiederholt, die Entscheidung sei "maßlos und falsch" und einer Jury, in der man selbst mit einem Chefredakteur vertreten ist, vorzuwerfen, deren "Kriterien" seien "vage"?

Fakt ist: Die Unterstützer, die der Spiegel in seiner am heutigen Montag erschienenen Ausgabe zitiert, sind dieselben, deren Meinung wir schon in der vergangenen Woche in anderen Blättern gelesen haben. Der Spiegel hat keine neuen Experten und damit neue Aspekte in der Diskussion vorzuweisen; er steht mit seiner Stimme in dieser Woche allein, und das ist für ein Magazin seiner Größe und Bedeutung wenig, zu wenig.

Dafür findet sich ein Seitenhieb auf das Haus Springer. Heißt es in der Hausmitteilung mit unverhohlenem Sarkasmus "Die Bild-Zeitung, stets um journalistische Standards bemüht, enthüllte eine ‚Märklin-Affäre’", so findet sich auf der Medienseite ein Artikel über "Billige Nachwuchskräfte", in dem es um die "untertarifliche Bezahlung" von Volontären an der Axel-Springer-Akademie (Ausbildungsvergütung: 1200 Euro pro Monat) geht. "Kronzeuge" ist der sonst im Spiegel nicht allzu oft auftauchende Deutsche Journalisten-Verband, und auch der Hinweis des Spiegel auf den gerade "kräftig gestiegenen Quartalsgewinn" bei der Axel Springer AG fehlt nicht.

Das ist alles richtig, und wenn man so will, journalistisch korrekt, aber man fragt sich, ob das künftig die Ebene des Miteinanders von Spiegel und Springer sein wird. Und wo es gerade um Recherche geht, hätte man beim Spiegel ja auch darauf hinweisen können, dass ein großer TV-Sender (mit dem der Spiegel gesellschaftlich mittelbar verbunden ist) seinen Volontären um die 800 Euro im Monat zahlt. Und dass für Volontäre letztlich die Qualität der Ausbildung und die Perspektive, die ihnen ein Abschluss verschafft, vielleicht entscheidender sein könnte als das Ausbildungsentgelt.

Wie immer man in der Sache zu diesem Nebenschauplatz steht: Die Debatte um den Kurzzeit-Kisch-Preis gehört nicht auf dieses Niveau. Einen klugen Beitrag zur Versachlichung der Debatte lieferte am Wochenende FAZ-Feuilletonchef Claudius Seidl, der das eigentliche qualitative Manko abseits der Pfister-Debatte ausmacht. Noch unter dem Eindruck des frühen Todes des Ausnahmejournalisten Michael Althen schreibt Seidl in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: "Es hat auch im Jahr 2010 eine ganze Menge von Zeitungsartikeln gegeben (…), welche die Leser berührt oder erschüttert haben, aufgewühlt, angeregt oder bezaubert, Artikel also, die eine Wirkung hatten und über die man, kaum dass man sie gelesen hatte, sofort mit anderen sprechen musste. Solche Artikel, darauf kann man wetten, schaffen es so gut wie nie in die Endausscheidung des Henri-Nannen-Preises."

Seidl hat Recht, zumindest war es in diesem Jahr so, dass sich etliche Juroren unter der Hand über das insgesamt mäßige Niveau der Arbeiten beklagten, über die sie nach Auswahl der Vor-Jury final zu entscheiden hatten. Und der FAZ-Journalist sagt auch, woran das liegen könnte: Stücke, die beim Leser Wirkung zeigen, seien oft "zu schnell oder zu langsam geschrieben, mit zu viel Risiko, zu großer Lust oder einem Temperament, welches die amtlich festgesetzten Normen des Journalismus sprengt." Beim Nannen-Preis, so Seidl, sorge schon die Vor-Jury dafür, dass Texte in die Endauswahl kommen, "die ein wenig nach Schweiß riechen und das Elend der Welt in konsumgerechten Portionen servieren". Damit sei eine Art "DIN-Norm für Reportagen" entstanden; Abweichungen davon würden wie im Fall Pfister geahndet.

Dass Seidl, wie auch FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, den Preisentzug für unverhältnismäßig erachtet, ist dabei nicht entscheidend. Vielmehr weist seine Kritik einen Weg, welche Arbeiten es künftig in die engere Auswahl schaffen sollten, die viel eher eine Revision nötig zu haben scheint als die kontroverse Jury-Entscheidung gegen Pfister, die die ganze Debatte erzeugt hat. Und was Seidl in seinem Groll über ignorante Juroren schlussfolgert, zeigt, wie dringend eine Neubewertung und auch die Hinterfragung der Jury-Arbeit ist: "Von Leuten …, die den Kollegen Pfister für ihre eigene Inkompetenz bestrafen, darf man nie wieder einen Preis annehmen." Wem wäre mit einem Boykott gedient? Am Ende keinem, außer der wachsenden Gruppe der Nicht-Leser.

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