Jury-Mann Gaede über “Hetzer und Hechler”

Der Eklat beim Henri Nannen Preis beschäftigt nach wie vor die Medienbranche. Zur Erinnerung: Die Jury des Nannen-Preises hat dem Spiegel-Reporter den Preis für die beste Reportage aberkannt, weil dieser im Einstieg seines Porträts über Horst Seehofer dessen Modellbahn beschrieb, die er aber nie gesehen hat. Jury-Mitglied und Geo-Chef Peter Matthias Gaede meldet sich nun mit einer Entgegnung auf einen MEEDIA-Beitrag von vergangener Woche zu Wort, in dem er den Preis gegen Kritiker verteidigt.  

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Peter-Matthias Gaede bezieht sich auf den MEEDIA-Artikel "Nannen-Eklat: Was wir daraus lernen können". Hier seine Entgegnung:
Die beschriebenen Ereignisse rings um die Vergabe eines Journalistenpreises als den “Medienskandal des Jahres” zu bezeichnen, von “Märklin-Gate” und “Desaster” zu schreiben, von Fälschung und Betrug, auch auf zu Guttenberg und Tom Kummer zu verweisen – ist nichts anderes als die Wortwahl der Hetzer und Hechler, die durch wiederholtes Zitieren nicht appetitlicher wird.

In der Schnappatmung, im Hyperventilieren jener, die sich hier mit Lust an einem vermeintlichen “Skandal” weiden, sind in den vergangenen Tagen so gut wie alle Ressentiments aufgewärmt worden, die dem Nannen-Preis seit geraumer Zeit begegnen. Aber wie klug sind diese jetzt wieder massiv, halbversteckt, mindestens in Spurenelementen durchschimmernden Ressentiments?

Vorbehalt eins: Der Nannen-Preis ist zu pompös inszeniert.

Der Ansicht darf man sein, obwohl er hunderte Gäste alljährlich erfreut. Aber wer es nötig hat, immer und immer wieder auf die Kleiderordnung zu verweisen, sollte sich fragen, ob er selber die Form nicht wichtiger nimmt, als es der Veranstalter tut. Beim Nannen-Preis ist, mit und ohne Smoking, in den vergangenen Jahren außer einer Reihe herausragender Journalisten aus deutschen Medien auch die wahrlich nicht vergnügungssteuerpflichtige Arbeit von Hrant Dink und Irina Chalip ausgezeichnet worden, von der Nowaja Gazeta und Zainab Ahmad, von iranischen Untergrundjournalisten und Jim Amoss. Nicht nur das, aber auch das unterscheidet den Nannen-Preis von jenen glamourösen Veranstaltungen anderer Häuser, in denen vielleicht der Lieblings-Gastronom des Verlegers mit einem Medien-Preis verwöhnt wird – oder jemand dafür, dass er älter als hundert Jahre geworden ist.

Und nebenbei: Noch hat keine Fliege am Hals, hat kein blanker Schuh je dazu geführt, dass auf der Bühne nicht Texte über Afghanistan oder Jugendgewalt, über Sterbehilfe oder Geldwäsche prämiert worden sind. Und ist und bleibt das nicht das Allerwichtigste, das man über den Nannen-Preis sagen sollte?

Vorbehalt zwei: In der Nannen-Jury schiebt sich ein kleiner Kreis von Hamburger Chefredakteuren untereinander die Preise zu.

Wer dies meint, degradiert die Chefredakteure von FAZ, taz, WAZ, von Focus, Welt und SZ, überdies eine gänzlich Unabhängige wie Elke Heidenreich, also insgesamt sieben Jury-Mitglieder, zu Erfüllungsgehilfen von vier Chefredakteuren aus Hamburg. Ein durch nichts gerechtfertigter Verdacht, wie jedem Vernünftigen klar sein müsste.

Vorbehalt drei: Chefredakteure sind sowieso nicht geeignet, über Textqualitäten zu urteilen.

Und statt dessen sollte es also wer tun? Gewiss haben Chefredakteure kein Privileg auf das sicherste Urteil. Aber haben es Ressortleiter, Autoren, Chefs vom Dienst, Feuilletonisten oder Medienjournalisten mit größerer Trefferquote? Der von der Nannen-Jury mit dem diesjährigen Sonderpreis ausgezeichnete Text von Susanne Leinemann – nach Ansicht des Medienjournalisten Renner falsch kategorisiert und sowieso der allerbeste Text des Jahres – wurde fast zeitgleich von einer anderen honorigen Jury, der gänzlich ohne Chefredakteure tagenden Hansel-Mieth-Preis-Jury, lediglich unter den Top-Ten des Jahres eingereiht, Sieger aber wurde ein anderer Text. Ein Skandal?

Und sollten in einer ordentlichen Reporterpreis-Jury nicht besser ein TV-Moderator, ein elder statesman, ein Theaterintendant, eine Schriftstellerin, eine Kunstbuchverlegerin, ein Ex-ZDF-Chefredakteur und ein Spaßmacher sitzen? Der Reporter-Preis des Reporter-Forums, 2009 auch ein bisschen gegen den Nannen-Preis angetreten und sich als Journalisten-Preis in Reinkultur verstehend, setzt seine Jury wie beschrieben zusammen. Ergebnis bei bisher zweimaliger Jurierung: Preise für großteils dieselben Medien, gar für dieselben Autoren, wie sie auch beim Nannen-Preis gewürdigt werden.

Was hinführt zu

Vorbehalt vier: Immer gewinnen dieselben.

Mal abgesehen von den seit Beginn des Kischs- bzw. Nannen-Preises gewürdigten FR, Tagesanzeiger, NZZ, Berliner Zeitung, Sozialmagazin, Tempo, Transatlantik, Weltwoche, Wochenpost, Das Magazin, Tagesspiegel, Focus, 11 Freunde, Weserkurier gewinnen,  ja, sehr oft dieselben: Spiegel, SZ und SZ Magazin, Geo, Zeit und Zeit Magazin, Stern, FAZ. Aber liegt das an einer chronischen Bevorzugung durch wenige selbstverliebte Chefredakteure – oder liegt es einfach daran, dass die Sieger-Medien ihren Redakteurinnen und Redakteuren, ihren Autorinnen und Autoren, ihren Fotografen sehr oft einfach die besten Bedingungen zu bieten in der Lage sind für Recherche, Dokumentation, Investigation, Fotografie? Und dass jene Journalisten, die diese Bedingungen haben, dann eben häufiger auch jene sein können, die diese Bedingungen für herausragende Stücke nutzen?

Was also tun? Es mag langweilig sein, auch nervend, auch traurig stimmen, Bayern München immer wieder an der Spitze der Bundesliga zu sehen, einen Verein, der sich und seinen Spielern nun einmal gute Bedingungen schaffen konnte. Aber weil das langweilig ist, gar nervend, gar traurig für die anderen, stattdessen den SC Freiburg oder 1899 Hoffenheim zu Tabellen-Dritten erklären?

Es sind, auch darauf sei hingewiesen, wiederum nicht die Götter der Nannen-Jury, denen nichts anderes einfällt als aus Spiegel & Co. zu wählen: Es ist vielmehr eine breitgefächerte Gruppe von Vor-Juroren ohne Thronsessel, noch mehr Medien vertretend als die Endjury, die dieser Endjury eben kaum je einen Text aus Flensburg, Bottrop oder Garmisch-Partenkirchen zur Entscheidung vorlegt. Und woran mag das wohl liegen?

Vorbehalt fünf: Nun haben die auch noch ein Kriterien-Chaos und überhaupt…

Mindestens zweimal war nun zu lesen, der umstrittene Text von René Pfister habe doch wenigstens in einer anderen Kategorie beurteilt werden müssen: dem Portrait. Nun gibt es diese Kategorie aber bislang gar nicht beim Nannen-Preis; und es gab sie auch nicht, als er noch Kisch-Preis war. Bei Gerd Krönckes 1985 ausgezeichnetem SZ-Portrait eines Straßenmusikers angefangen, waren Portraits immer eine Form der – auf eine Person konzentrierten – Reportage. Es mag, der aktuelle Fall zeigt es, durchaus Anlass geben, die Kriterien für die verschiedenen Genres noch einmal klar zu deklinieren und zu kommunizieren. Aber nicht mehr und nicht weniger. Und vor allem nicht ohne jegliches Geschichtsbewusstsein für die bisherige Praxis der Jury.

Vorbehalt sechs: Es gibt zu viele Journalisten-Preise.

Kann sein. Aber wär’s nicht bizarr, dies – ob seiner vermeintlich großen Verführungskraft –  ausgerechnet einem seit 1977 bestehenden Preis vorzuhalten, den Rückzug ausgerechnet von ihm zu erwarten? Oder sollten der Springer-Preis für junge Journalisten, der Hansel-Mieth-Preis, der Reporter-Preis, weil allesamt jünger, wieder abtreten? Oder sollten sich die Kritiker vielleicht fragen, ob sie nicht sowieso übertreiben, wenn sie meinen, solche Preise machten Journalisten zu schlechteren Menschen. Selbst der größte Trubel um einen Preis dauert nur ein paar Tage. Davor und danach liegen die Mühen der Ebene. Und an mindestens 360 von 365 Tagen urteilen die Leser. Selbst die höchstdekorierten Autoren machen sich das, wenn sie cool sind, bewusst.

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