Plagiats-Verdacht: Koch-Mehrin wirft hin

Auf allen Nachrichtensites war Silvana Koch-Mehrin bereits Aufmacher, doch auf ihrer Homepage fand sich keine Zeile. Stattdessen empfing eine Diashow mit Leitsätzen Besucher des Webauftritts der FDP-Politikerin. "Frei ist, wer der Vernunft gehorcht", lautet einer, eine Erkenntnis des englischen Philosophen John Milton. Vielleicht hat die 40-Jährige den Rat befolgt, auf jeden Fall hat sie am Mittwoch überraschend alle wichtige Ämtern quittiert und damit die Konsequenz aus der Plagiatsaffäre gezogen.

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Zugleich beendete die einstige Hoffnungsträgerin der Liberalen ihre Sprachlosigkeit bezüglich der Spekulationen über ungekennzeichnete Übernahmen in ihrer Doktorarbeit, die neben Plagiatsjägern im Internet zuletzt auch die Universität Heidelberg beschäftigten. Koch-Mehrin verbreitete eine Erklärung, die hier im Wortlaut dokumentiert wird:
"Mit sofortiger Wirkung lege ich mein Amt als Vorsitzende der FDP im Europäischen Parlament nieder. In Folge dessen bin ich auch ab sofort nicht mehr Mitglied des Präsidiums der FDP. Ich hoffe, dadurch meiner Partei den Neuanfang mit einem neuen Führungsteam zu erleichtern. Mit sofortiger Wirkung trete ich auch von dem Amt der Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments zurück, um nicht in führender Position ein Ziel für Angriffe auf die einzige demokratisch legitimierte Institution der Europäischen Union zu bieten."
Über die Motive schreibt sie: "Ich möchte mit diesem Schritt auch verhindern, dass meine gesamte Familie durch die öffentliche Diskussion weiter belastet wird. Was meine Dissertation betrifft: an der Universität Heidelberg habe ich die Arbeit 1999 eingereicht, und dort wird sie jetzt überprüft."
Koch-Mehrins Sprecher, der frühere Springer-Journalist Georg Streiter, wies am Abend darauf hin, die Politikerin sei verärgert, dass Einzelheiten des förmlichen Prüfverfahrens der Universität Heidelberg an die Öffentlichkeit gelangt seien, bevor das Verfahren abgeschlossen ist. Der Tagesspiegel hatte berichtet, die Universität wolle Koch-Mehrin den Doktortitel aberkennen und habe sie zu einer Stellungnahme zu den Vorwürfen aufgefordert.
Für die Stellungnahme habe die Uni der Politikerin eine mehrwöchige Frist zugestanden, heißt es beim Tagesspiegel. Eine Sprecherin der Heidelberger Bildungsstätte sagte, eine Kommission prüfe derzeit "entlang eigener Bewertungsmaßstäbe, ob es zu gravierenden Verstößen gekommen ist". Noch sei jedoch weder eine Entscheidung gefallen noch ein "förmliches Entziehungsverfahren" begonnen worden. Eine Veröffentlichung des Kommissionsberichts wird Ende Mai oder Anfang Juni erwartet.
Die Plagiatsjäger von Vroniplag hatten Koch-Mehrin zuvor Verstöße gegen wissenschaftliche Zitier-Grundsätze auf 63 von 201 Seiten nachgewiesen. Das entspricht mehr als 31 Prozent der gesamten Arbeit. "Oftmals über mehrere Absätze hinweg", heißt es, habe die FDP-Politikerin Textstellen von anderen Autoren kopiert, ohne dies kenntlich zu machen. "In der untersuchten Dissertation wurden in erheblichem Ausmaß fremde Quellen verwendet, die nicht oder nicht hinreichend als Zitat gekennzeichnet wurden", schreiben die anonymen Sammler. Auf mehreren Seiten soll die FDP-Frau sogar mehr als 75 Prozent des Inhalts abgeschrieben haben. "Dies stellt eine eklatante Verletzung wissenschaftlicher Standards dar."
Weiter gehen die Web-Aktivisten davon aus, dass die Täuschungen "bewusst getätigt wurden", denn die Plagiate seien "über die gesamte Dissertation hinweg zu finden". Es stelle sich auch die Frage, "ob es durch die Förderung der Arbeit durch die Friedrich-Naumann-Stiftung mit Mitteln des Ministeriums für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie zu einer Zweckentfremdung von Steuergeldern gekommen ist".
Am Ende war der Druck offenbar zu groß, und auch die Unterstützung prominenter Fürsprecher aus der Medienszene konnten den Schritt nicht mehr abwenden – im Gegenteil muss sich mancher nun wohl umso mehr fragen lassen, mit welchen Motiven man für die Politikerin Partei ergriff.
Koch-Mehrin will dem Anschein nach weiter um ihren Titel kämpfen. Da die Diskussion nun nicht mehr dadurch belastet sei, dass sie herausgehobene Ämter innehabe, hoffe sie, das Verfahren werde nun "vertraulich, fair, nach rechtsstaatlichen Maßstäben und ohne Ansehen der Person durchgeführt".

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