ESC: Lena, das pampige Frollein Wunder

Kurz vor dem Finale des Eurovision Song Contests in Düsseldorf erreicht der Hype um das deutsche Frollein Wunder, Lena Meyer-Landrut, wieder einmal einen Höhepunkt. Aber die ungebremste, unschuldige Begeisterung für die junge Sängerin will sich dieses Mal nicht so recht einstellen. Es hat sich etwas verändert seit Lenas Triumph beim Song Contest in Oslo. Festmachen lässt sich das neue Unwohlsein in Sachen Lena an ihrem ganz und gar missratenen Gesprächsversuch mit TV-Dino Frank Elstner.

Anzeige

Es ist nun schon ein paar Tage her, dass die ARD die erste Folge der vorabendlichen Warm-up-Show “Show für Deutschland – Countdown für Lena” gesendet hat. Viele TV-Kritiker waren sich hinterher einig, dass die Sendung ziemlich schlecht, Lena aber ganz schön gut war. Der Song-Contest-Fan und Medienjournalist Stefan Niggemeier schrieb von einem “Vorabendgrauen”. Bei Spiegel Online wurde jubiliert: “Das war allerdings herrlich anzusehen: Wie der alte Hase Elstner sich mit seinen ‘Wetten dass..?’-Showmaster-Gesten an der 50 Jahre jüngeren Göre abarbeitete, die ihm, von dem Freundlichkeitsgetue sichtlich genervt, ständig in die Parade fuhr.”

TV-Opa Frank Elstner hatte also die undankbare Aufgabe, Lena Meyer-Landrut zu interviewen. Elstner tat, was er immer tut. Er stellte harmlose Fragen, war freundlich und machte eifrig Werbung für Lena und ihre Produkte.

Der jungen Sängerin aber gefiel das Geplänkel nicht. Und wenn ihr etwas nicht passt, dann zeigt sie einen sehr uncharmanten Wesenszug: Sie wird richtig pampig. Man kann es nicht anders beschreiben. Elstner redete davon, dass sie beim Auftritt in der Mitte der Bühne stehen werde. Nein, sie stehe ein “bisschen vor der Mitte”, fiel ihm Lena ins Wort. Elstner merkte an, dass die ESC-Arena “früher” ein Fußballstadion gewesen sei. Ungefragt kräht Lena dazwischen, dass es das immer noch sei. So viel kleinkarierte Korinthenkackerei steht jedem schlecht – auch Lena Meyer-Landrut.

Es gab fast keine Frage, die Elstner ungestraft beantwortet bekam. Ihm wurde über den Mund gefahren, er wurde zurechtgewiesen oder ignoriert. Lena verdrehte die Augen, äffte ihn beim Fragestellen mimisch nach, wackelte gelangweilt mit ihrem Mikrofon. Ihre ganze Art und Körpersprache sagt: “Guckt mal her, mit was für einem Doofmann ich da rumlabern muss.” Oder so ähnlich. Später im Studio auf einem Sofa wurde es nicht besser. Lena schaute ihren Gesprächspartner nicht an, unterbrach ihn, gab sich vorlaut und besserwisserisch. Dass man eine vielleicht unangenehme oder langweilige Situation auch mal erdulden kann, scheint nicht in ihrem Set an eingeübten Verhaltensmustern abgespeichert zu sein.

Sie hat diese pampige Seite schon früher gezeigt. Bei Pressekonferenzen beispielsweise, wenn sie Fragen arrogant abbügelte, die sie als zu doof befand. Bei ihren Fans, zu denen offenbar zahlreiche Journalisten zählen, die den Song Contest begleiten, kommt diese Art an. Denn Lena, das ist “ihre” Lena. Wer die “richtigen” Fragen stellt, wer genauso “ironisch” daherkommt wie sie, der wird belohnt. Mit ordentlichen Antworten, mit zuckersüßem Lächeln. Lena kann nicht nur zickig. Sie kann auch umwerfend charmant und natürlich wirken. Wenn Sie will. Und so werfen sich die meisten Reporter beim Eurovision Song Contest bereitwillig und betört vor ihr in den Staub und wedeln mit dem Mikrofon in einem absurden Wettkampf, wer der liebste, der “dollste” (Lena-Sprech), der ironischste, einfach der witzigste Fragesteller ist. Bei Lena wollen die Reporter Kumpel sein.

Bei ihrem ersten Auftritt beim Eurovision Song Contest war Lena ein Nobody und eine Außenseiterin. Es war eine klassische Story von ganz unten nach ganz oben. Auch darum flogen ihr die Herzen und die Punkte zu. Diesmal ist alles anders. Bereits in der Vor-Auswahl gab es eine deutliche Überdosis Lena. Die Entscheidung, nochmals anzutreten wirkt wie die ausgelebte Hybris ihres Machers Stefan Raab. Er und sein Schützling haben sich dabei in ihr eigenes, in sich geschlossenes Selbstbild eingeigelt. Wer in ihr Raster vom witzig, jovialen und natürlich tiptop informierten Reporter passt, wird eingelassen. Doofmänner müssen draußen bleiben und werden angepampt oder bestenfalls ignoriert. Wer Kritik äußert an Lenas Benehmen vor laufenden Kameras oder der Entscheidung, ein zweites Mal anzutreten, ist dann eben ein Spielverderber.

Hier kommen wir der Ursache von Lena Meyer-Landruts Teilzeit-Zickentum vielleicht ein wenig näher: Stefan Raab. Es ist bekannt, dass er sein Privatleben konsequent vor Medien abschottet. Wir erinnern uns an die “Mettbrötchen”-Gegendarstellung, die er im Focus platziert hat. Das ist sein gutes Recht. Aber Raab ist womöglich über die langen Jahre im Showgeschäft reichlich desillusioniert und vielleicht auch ein bisschen zynisch geworden. Diese Geisteshaltung des abgezockten alten Medienhasen hat er offenbar auch seiner jungen Entdeckung eingeimpft.

Lenas ganzes Auftreten wirkt so, als versuche sie in Habitus und Coolness ihrem Chef nachzueifern. Genauso mit den Medienfuzzis zu spielen, wie er. Über so banalen Dingen wie blöde Interviewfragen einfach drüberstehen. Immer eine freche Antwort auf den Lippen. Schlagfertig sein. Ihren Marktwert genauso “professionell” ausspielen wie er.

Aber diese Über-Professionalität steht ihr so gar nicht. Dabei kann Lena Meyer-Landrut auch ganz anders sein. Ungeschminkt, freundlich, bescheiden. Das hat sie zum Beispiel im eher intimen Rahmen der Radio-Talksendung SWR1 Leute gezeigt. Dort schien sie nicht den Drang zu verspüren, auf Teufel komm raus ironisch, frech und überwitzig sein zu müssen. Sie war schlicht: normal.

Man kann ihr nur wünschen, dass sie sich und ihrem Publikum nach dem Song Contest eine Pause gönnt, dass sie sich von Stefan Raab emanzipiert und dann vielleicht ein kleines bisschen gereift, irgendwann auf die Bühne zurückkehrt. Aber da die Dinge in der Medienbranche nun einmal so sind wie sie sind, werden das wohl fromme Wünsche bleiben.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige