Der Wiki-Club, vor dem Doktoren zittern

Ein Volltreffer nach dem anderen: Hatte man als Berliner Abgeordneter früher noch Angst davor, mit seiner heimlichen Affäre erwischt zu werden, dürften viele akademische Würdenträger in den Reihen der Bundestagsfraktionen mittlerweile vor den anonymen Plagiatsjägern zittern: zu Guttenberg und Koch-Mehrin traten zurück. Und sogar die Stoiber-Tochter Veronika Saß wurde überführt. MEEDIA sprach mit einem Mitglied über den Workflow in der Community und die Freude über die Grimme-Preis-Nominierung.

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Wenn man auf VroniPlag beobachtet, wie die Mitglieder der Community arbeiten, fühlt man sich ein wenig an “Hacker Republic” erinnert. Lisbeth Salander, Hauptfigur der beliebten Stieg-Larsson-Krimis, gehörte diesem exklusiven Kreis von Hackern an, die sich anonym in Chats dazu verabredeten, Personen zu stürzen. Hacker sind die Mitglieder der VroniPlag-Community nicht, allerdings legen sie viel Wert auf Anonymität. Bekannt sind nur wenige Namen. Denn es soll um die Sache gehen, nicht um Persönliches. Prominentestes Aushängeschild der Wikis ist: der Strichcode. Für die Community der Beweis für gelungene Arbeit, für die betroffenen Politiker der sichere Weg in den Rücktritt.

Nichtsdestotrotz ist die Arbeit der Plagiatsjäger ein Paradebeispiel für gelungenes Crowdsourcing. Eine Gruppe Anonymer verschreibt sich voll und ganz einer Sache und trägt die Ergebnisse im Web zusammen. Doch die “Crowd” ist keine riesige, undefinierbare Masse. Maximal 20 Personen haben in den vergangenen Wochen die Doktorarbeit von Silvana Koch-Mehrin durchforstet.

Bisher haben die Plagiatsjäger vier Disserationen nach unlauter Zitiertem durchsucht. Jedes Mal ein Volltreffer. Ex-Verteidigungsminister zu Guttenberg ging aus dem Amt. Die Europapolitikerin Silvana Koch-Mehrin trat gestern von allen politischen Ämtern zurück. Veronika Saß, Tochter von Edmund Stoiber, wurde die Disseration aberkannt. Weniger bekannt ist der Plagiatsvorwurf gegen Matthias Christoph Pröfrock. 50 Prozent der Doktorarbeit des CDU-Politikers sollen abgeschrieben worden sein. Pröfrock zog daraus die Konsequenz und informierte das verantwortliche Dekanat und seinen Doktorvater. Seitdem trägt er seinen Doktortitel nicht mehr.

Dass VroniPlag mittlerweile in aller Munde ist, ist kein Zufall, sondern durchaus kalkuliert. Denn die erlesene Community will, dass man über ihre Arbeit berichtet. Links zu neuen Artikeln werden in einer Presseschau zusammengetragen, man gibt sogar Pressemitteilungen heraus. Und obwohl die Universitäten eigene Kommissionen für die Überprüfung der Doktorarbeiten einsetzen, informierte das VroniPlag in der vergangenen Zeit die Fakultäten regelmäßig über neue Funde. Man arbeitet schnörkellos, effizient und hochprofessionell.

Diese Professionalität hat auch innerhalb kürzester Zeit dafür gesorgt, dass man GuttenPlag und VroniPlag in der Berichterstattung als seriöse Quelle nannte. “Die Vorgehensweise von GuttenPlag schien mir so professionell und zuverlässig zu sein, dass ich keine Bauchschmerzen hatte, das mit Nennung der Referenz in unseren Sendungen zu verwenden”, sagte ARD-aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke dem journalist.

Weiter berichtet der journalist von einer Umfrage in der Community des GuttenPlags vom Februar, die die Arbeitsweise des Wikis beleuchtet. Von damals über 1000 Mitgliedern gehörten demnach nur 143 zum harten Kern, von denen ein Drittel Aufgaben verteilt und die Funde kategorisiert, während 114 rund um die Uhr nach weiteren Plagiaten Ausschau hielt.

Für Wikis ist das kein ungewöhnliches Verhältnis zwischen “Silent Readern” und aktiven Nutzern. Dieser harte Kern scheint auch größtenteils ins VroniPlag gewechselt zu sein. Der wiederum scheint sich größtenteils aus Akademikern zusammenzusetzen. Aus Menschen wie Dr. Martin Klicken, der ebenfalls ein Pseudonym benutzt. Klicken ist nach eigenen Angaben promovierter Ingenieur aus Norddeutschland und in der industrienahen Forschung tätig. Der Erfinder des bunten Plagiats-Barcodes gab der Rems-Murr Rundschau ein Interview. Klicken sei selbst lange Jahre Doktorand gewesen und möchte die Werte dieser mitunter harten Zeit – Ehrlichkeit und genaues Arbeiten – verteidigen und verhindern, dass „sie von überheblichen Menschen mit Füßen getreten werden“, erklärte er im Interview.

So viel Anonymität und die Tatsache, dass drei der vier prominenten Plagiatoren aus dem CDU/CSU-Umfeld stammen, ließen viele Kritiker darauf schließen, dass sich die Mitglieder dem linken Milieu zugehörig fühlen. Auf der Seite heißt es: "Die in diesem Wiki geleistete Arbeit hat nichts mit politischer Ausrichtung, persönlicher Schmutzkampagne oder ähnlichem zu tun." Und die wenigen bekannten Mitglieder kokettieren mit dem Klischee. "Wir suchen händeringend nach einem norddeutschen SPD-Politiker, der plagiiert hat", sagt Debora Weber-Wulff gegenüber Spiegel Online. Die Professorin an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin ist eine der wenigen bekannten Mitglieder von VroniPlag. “Ich selbst lese zwar auch neue Funde gegen, habe mich aber auf die Rolle des Interpreters eingeschossen und trete als Pressesprecher auf”, sagt sie auf Anfrage von MEEDIA.

Die Frage, die sich jetzt wohl auch das politische Berlin stellen dürfte, ist: Wer ist der Nächste? "So wie bei Guttenberg wird es nie wieder", lassen Organisatoren von VroniPlag verlauten. Sofern es einen begründeten Anfangsverdacht gebe, werde man sich weiteren Fällen widmen. Die würden aber längst nicht so prominent sein. Trotz des Erfolges der vergangenen Monate kam die Nominierung zum Grimme Online Award überraschend: “Gestern Abend war Online-Party angesagt. Wir haben uns sehr gefreut über die Nominierung zum Grimme-Online-Award. Es ist schön, dass man unsere Arbeit schätzt”, sagt Weber-Wulff gegenüber MEEDIA.

Viel wichtiger als die mediale Resonanz sind ihr die Auswirkungen auf die akademische Arbeit ihrer Studenten: “Gerade die Sache mit Guttenberg scheint offenbar ein gutes Lehrbeispiel für Studenten zu sein. Jedes Jahr gebe ich auch ein Pro-Seminar, indem geklärt werden soll, wann es sich bei einem Text um ein Plagiat handelt. Und wann nicht. Letztes Jahr konnten nur rund zwanzig Prozent erklären, was das ist. Dieses Jahr waren es über 70 Prozent. Das ist doch ein Erfolg.”

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