Bild, Express & Co. verlieren 35% Auflage

Im zweiten Teil unserer Serie zur Zeitungskrise beschäftigen wir uns mit den acht Boulevardzeitungen des Landes. Und damit mit dem Teilsegment, das in den vergangenen Jahren besonders stark unter dem Medienwandel gelitten hat. Sage und schreibe 51,6% der Abos und Kioskkäufer gingen beispielsweise der Münchner Abendzeitung in den vergangenen zehn Jahren verloren. Bei der B.Z. in Berlin beträgt das Minus bei der harten Auflage 47,8% und Marktführer Bild büßte 34,0% oder 1,45 Mio. Käufer ein.

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Mehr als 5,5 Mio. Zeitungen setzten die acht deutschen Kauf- bzw. Boulevardzeitungen im ersten Quartal 2001 per Abo und vor allem am Kiosk noch ab. Nur zehn Jahre später sind diese Verkaufszahlen um 1,9 Mio. auf 3,6 Mio. gesunken – ein extremes Minus von fast 35%, das den Rückgang bei den 50 großen regionalen Abozeitungen (ca. minus 23%) deutlich toppt. Prozentual gesehen verloren Abendzeitung (-51,6%), B.Z. (-47,8%) und Express (-40,2%) besonders dramatisch.

Wie schon im ersten Teil unserer Artikelserie zur Zeitungskrise konzentrieren wir uns auch bei den Boulevardzeitungen auf die beiden wichtigsten IVW-Auflagenkategorien, die Abonnenten und den Einzelverkauf. Ohne Auflagenkosmetik durch sonstige Verkäufe, Bordexemplare, etc. zeigt sich wesentlich besser, wie sich die Verkaufszahlen entwickeln. Im Gegensatz zu den regionalen Abozeitungen verkaufen sich die Kauf- bzw. Boulevardzeitungen vor allem am Kiosk. Abonnenten sind bei den meisten Titeln zwar vorhanden, spielen aber meist nur eine untergeordnete Rolle.

Besonders heftig sehen die absoluten Rückgänge beim Springer-Flaggschiff Bild aus. Unglaubliche 1,45 Mio. Käufer hat das Blatt in nur zehn Jahren verloren. Zum Vergleich: Das sind mehr verlorene Käufer als die drittgrößte deutsche Stadt München Einwohner hat. Dennoch bleibt die Bild ein großer Umsatz- und Gewinnbringer für Springer. Warum? Kostete das Blatt vor zehn Jahren noch 45 Cent, steigt der Preis in Großstädten derzeit auf 70 Cent. Ob die Preiserhöhungen aber eine Grund für die Auflagenentwicklung oder aber ihre Folge sind, lässt sich natürlich nur mutmaßen.

Ein wichtigerer Grund für die extremen Rückgänge bei Bild und den anderen Kaufzeitungen dürfte eher der viel leichtere Zugang zu bunten Themen sein. Im Privatfernsehen entstand nach und nach eine Vielzahl von Promi- und anderen Boulevardmaagzinen – selbst bei ARD und ZDF – und im Internet kommt kaum eine Nachrichtenwebsite ohne bunte Themen aus, von den zahlreichen Promi-Blogs und Klatsch-und-Tratsch-Portalen ganz zu schweigen. Gedruckte Kleinigkeiten aus der bunten Welt haben es da offenbar viel schwerer als noch vor zehn Jahren. Hinzu kommt die Tatsache, dass Zeitungsauflagen in Metropolen, wo die meisten der Kaufzeitungen erscheinen, ohnehin überdurchschnittlich stark sinken.

Neben Bild, Express, B.Z. und Abendzeitung verlor auch der Berliner Kurier mit einem Minus von 36,9% deutlich. Zur Hamburger Morgenpost und der Morgenpost für Sachsen können wir leider keinen direkten Vergleich bieten. Die beiden Blätter haben im Laufe der Jahre eine Sonntags-Ausgabe bekommen, Seitdem wird von der IVW nicht wie vorher die Auflage Montag-Samstag veröffentlicht, sondern Montag-Freitag. Eine Betrachtung der Entwicklungen vor und nach der Umstellung zeigt aber, dass die Hamburger Morgenpost etwa 30% ihrer harten Auflage verloren hat, die Morgenpost für Sachsen hingegen nur ca. 18%. Damit wäre sie der Titel mit dem zweitbesten Ergebnis.

Gewinner, bzw. geringster Verlierer ist allerdings die Münchner TZ. Ihr gelang es gegen den Trend, nur 13,6% der Abos und Kioskkäufer zu verlieren. Mit einer Verkaufszahl von 126.415 in diesen beiden IVW-Kategorien hat sie den lokalen Konkurrenten Abendzeitung mittlerweile meilenweit hinter sich gelassen und könnte in den kommenden Jahren auch an der B.Z. vorbei auf Platz 3 des Kaufzeitungs-Rankings vorstoßen.

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