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„Forderung nach Jury-Rücktritt ist albern“

Die Jury des Henri Nannen-Preises ist in der Debatte um die Aberkennung der Auszeichnung des Spiegel-Redakteurs René Pfister im Kreuzfeuer der Kritik. Diese konzentriert sich den schnellgefassten Beschluss, den Kisch-Preis wieder einzukassieren und die Begründung dafür. Jetzt stellt sich Helmut Markwort, Juror der ersten Stunde, der Kritik: "Ich finde die Aberkennung des Preises notwendig." Es sei "vernünftiger, eine Fehlentscheidung zu korrigieren als so zu tun, als wäre nichts passiert".

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Der Focus-Gründer ist der Meinung, dass der Jury keine Wahl blieb. Nach dem Bekenntnis Pfisters auf der Bühne und dem massiven Angriff der Enkelin von Henri Nannen in der Öffentlichkeit, so der 74-Jährige, "durfte die Jury sich nicht wegducken und feig schweigen." In einem Interview mit Focus Online argumentiert der Herausgeber, dass alle elf Juroren, einschließlich des Spiegel-Chefredakteurs Mathias Müller von Blumencron der Überzeugung waren: "Pfister war im Keller. Diese Szene ist der Aufhänger, der Kern und der rote Faden der Geschichte – und führt zum Titel ‚Am Stellpult‘."

Markwort betont, dass er nicht für die Spiegel-Reportage votierte, sondern für das Zeit-Stück "Kein Bock" von Christian Schüle. In dem Pfister Text fehlte ihm die atmosphärische Erzählung. "Dass Pfister sich auf Seehofer selbst beruft, legt den Verdacht nahe, dass er Seehofers PR auf den Leim gegangen ist." Der ehemalige Chefredakteur findet die Geschichte "qualitativ schwach".

Die Forderung Hans Leyendeckers in der Süddeutschen Zeitung, dass nun die gesamte Jury zurücktreten müsse, hält Marktwort allerdings für einen "abwegigen Vorschlag". "Die Jury entscheidet nicht nach Hören, sondern nach Lesen. Die erste Mehrheitsbewertung war unter falschen Voraussetzungen erfolgt. Außerdem hat der Spiegel-Chefredakteur eine Anhörung in der Telefonkonferenz gar nicht angeregt. Und welcher Teil der Jury sollte denn zurücktreten? Nur die, die für Pfister gestimmt haben, oder alle?" Markwort über den Vorschlag Leyendeckers: "Das ist eine alberne Forderung."

Den Vorwurf, er als Focus-Erfinder würde dem Spiegel die Auszeichnung nicht gönnen, kontert er mit dem Hinweis, dass er in der Kategorie "Dokumentation" sehr wohl für die Arbeit der Hamburger Kollegen "Ein deutsches Verbrechen" gestimmt hätte und bei der Verleihung auch als Laudator aufgetreten sei.

Auch wenn sich der Münchner für die Aberkennung des Preises stark gemacht hat, glaubt Markwort nicht, dass der Autor und Journalist Pfister durch die Vorgänge beschädigt oder gar zerstört worden sei. "Natürlich hat er einen Kratzer bekommen. Aber er ist fest angestellter Redakteur beim Spiegel, und man kann überall nachlesen, wie felsenfest seine Chefs hinter ihm stehen. Ich bin sicher: Ihm passiert überhaupt nichts."

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