Spiegel gegen Nannen-Jury: Wer liegt falsch?

Es ist ein Fall wie aus dem Journalisten-Lehrbuch: Redakteur eines Nachrichtenmagazins erhält einen Reportage-Preis von einer Jury, die diesen tags darauf wieder einkassiert, weil der Schreiber offen eingesteht, dass er szenische Beschreibungen von Dritten übernommen hat. Das Magazin stellt sich hinter seinen Autor und argumentiert, alle Reportagen würden "Erfragtes und Gelesenes" enthalten. Begründen Sie, wer hier Recht hat. Eine Grundsatzdebatte über dieses Thema hat der Spiegel am Abend losgetreten.

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Dabei ist das Risiko für das Nachrichtenmagazin nicht ganz ohne. Sicher: Der Spiegel hat einen ausgezeichneten Ruf, seine Reporter gelten insgesamt als die besten und hartnäckigsten des Landes. Dazu gehört, dass die Redaktion sich ganz besonders strengen Regeln verpflichtet; der Grundsatz Gesehenes geht vor Gelesenem sollte ohne Wenn und Aber dazu gehören. Aber genau in diesem Punkt weicht der Spiegel seinen eigenen hohen Anspruch zumindest zwischen den Zeilen seiner Erklärung zum Jury-Entscheid auf und führt den nebulösen Terminus der "szenische Rekonstruktion" ins Feld.

Viele über jeden Zweifel der Parteilichkeit in dieser Angelegenheit erhabene Journalisten von Ruf werden hier widersprechen, ebenso Ausbilder wichtiger Journalistenschulen – Oscar Tiefenthal hat dies bereits als Erster im Vorfeld getan. Und nicht wenige werden fragen, wie der Spiegel sich als moralische Instanz rechtfertigen will, die einem zu Guttenberg die Leviten liest, wenn man nicht selbst unmissverständlich deutlich macht, aus welchen Quellen das Berichtete entlehnt ist und zumindest jeglichen Eindruck vermeidet, dass ein Reportage-Autor mit nicht Erlebtem glänzt.
Schon von daher wirkt die postwendend nach der Nachricht der Jury-Maßnahme veröffentlichte Kritik des Spiegels wie ein Schnellschuss, dessen Folgen noch unabsehbar sind. Sicherlich ist es die auch Aufgabe einer Chefredaktion und eines Verlags, sich schützend vor seine Redakteure zu stellen, wenn diese in der Kritik stehen. Aber der Spiegel verteidigt seinen Preisträger dabei gegen Vorwürfe, die von der Jury gar nicht erhoben werden. Im Gegenteil: Das Gremium gibt ja – und nicht nur floskelhaft im Nebensatz – geradezu eine Ehrenerklärung für den Redakteur ab.

Die liest sich so: "Die Jury betont aber, dass sie keinen Zweifel an der Korrektheit von Pfisters Fakten hat. Von einer ‚Fälschung‘ kann keine Rede sein. Zudem besteht der weitaus größte Teil der Reportage aus eigenen Beobachtungen Pfisters, die er bei wiederholten Begegnungen mit Seehofer und bei dessen Begleitung auf Reisen gewonnen und zu einem sprachlich wie dramaturgisch gelungenen Text verarbeitet hat." Dass sie dem Redakteur den verliehenen Preis dennoch wieder aberkennt, wird ebenfalls klar begründet: "Wenn aber eine Reportage als die beste des Jahres ausgezeichnet und damit als vorbildlich hervorgehoben werden soll, muss sie besondere Anforderungen erfüllen. Pfisters Text erfüllt diese Anforderung nach Ansicht der Jury-Mehrheit nicht." Das klingt transparent und nachvollziehbar.

Dass der Spiegel dies mit dem Vorwurf kontert, der "Umgang" der Jury "mit einem untadeligen Kollegen" widerspreche "den Regeln der Fairness", wirkt überzogen und lässt erahnen, wie blank die Nerven bei den Blattmachern an der Brandstwiete liegen, die gerade einen weiteren der vielen Preise in ihrer Paradedisziplin eingefahren hatten. Im Ernst zweifelt ja niemand die Qualitäten des Redakteurs René Pfister an. Niemand erhebt einen Plagiatsvorwurf. Jury wie auch viele im Publikum haben nur den Anspruch unterstrichen, dass die Verwendung von unüberprüfbaren Informationen, die nicht auf eigener Anschauung beruhen, vor allem dann kenntlich gemacht werden muss, wenn dies an derart exponierter Stelle erfolgt (Warum lautet der Titel des Beitrags schließlich "Am Stellpult"?).

Der Schaden für Magazin wie Preisträger wäre sicher dann am geringsten, wenn man die Entscheidung der Jury-Mehrheit akzeptiert und als Ansporn begriffen hätte. Selbst Mitglied des Gremiums, hat sich Mathias Müller von Blumencron als Chefredakteur massiv gegen eine Aberkennung des Kisch-Preises ausgesprochen. Das ist sein gutes Recht, aber es wäre auch seine Pflicht gewesen, einen Mehrheitsentscheid hinzunehmen und mitzutragen. Schon die Entscheidung für die Reportage fiel in der Jury wie man hört nicht glatt, sondern angeblich mit 7 zu 4 Stimmen. Auch da wurde erwartet, dass die unterlegenen Juroren die Würdigung mittrugen und nach außen vertraten. Die Konsequenz für jeden Teilnehmer der Beratung, der eine Mehrheitsabstimmung in der Sache im Nachhinein öffentlich "mit Unverständnis zur Kenntnis nimmt", kann eigentlich nur lauten, dass er seinen Platz in der Jury wegen unüberbrückbarer Differenzen räumt. Aber wem wäre damit gedient?

Dieser Gedanke führt zu einem weiteren Problem. Denn auch das Prozedere, mit dem die Jury auf die in mehreren Medien geäußerte Kritik an der Preisvergabe reagierte, wirkte seltsam gehetzt. Eine eilig einberufene Telefonkonferenz am folgenden Werktag sollte es richten, für die Abfassung einer Erklärung in eigener Sache blieb kaum Zeit. Den Autor noch einmal zu den genauen Umständen befragen? Tut nichts zur Sache. Die vom Gremium selbstauferlegte Geheimhaltung? Fehlanzeige. Was da besprochen und beschlossen worden war, machte schnell die Runde und zeigte, wie unüberbrückbar die unterschiedlichen Auffassungen waren. Man muss kein Prophet sein, um zu ahnen, dass die Jury in dieser Besetzung im Wortsinn nicht mehr zusammenkommen wird.

Und das ist wohl gut so. Denn beim "Henri", wie der Nannen-Preis intern genannt wird, stimmt so Einiges nicht, was die aufwändige Gala und die jährlich zur Schau getragene Einmütigkeit im Hamburger Schauspielhaus immer weniger überspielen kann: Man schmort im eigenen Saft und feiert sich selbst. Kein Preis riecht so sehr nach Inzucht wie der Henri Nannen Preis, bei keiner Auszeichnung ist die Spannung auf den Jury-Entscheid so gering und die Erwartung so hoch, dass am Ende die Wahl ohnehin auf die üblichen Verdächtigen fällt. Nirgendwo spielen neue Medienformen wie Online, für die Verlage längst Teil des (wenn auch noch wenig profitablen) Kernbusiness, eine so untergeordnete Rolle.
Zu den Merkwürdigkeiten des Auszeichnungs-Prozederes gehört auch, dass der Artikel von René Pfister überhaupt im Genre Reportage ausgewählt wurde, wie die Süddeutsche Zeitung am Dienstag anmerkt, die den Text als "analytisches Politikerporträt" einstuft. Die Aura und der Glanz, die der einst im Baumwall-Foyer verliehene Kisch-Preis ausstrahlten, verblasst beim Nannen-Preis zusehends. Veranstaltungen wie der (aus vielen Gründen umstrittene) Lead Award wirken dagegen frisch und kreativ unverbraucht. Das hat der Gründer und Namensgeber nicht verdient, und hier muss die Jury 2012 ansetzen.

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