Nannen-Eklat: „Die Aberkennung ist bigott“

Die Aberkennung des Henri-Nannen-Preises in der Kategorie Reportage bewegt die Branche. Ein Spiegel-Autor hatte eine beschriebene Szene in einem Horst-Seehofer-Porträt nicht selbst erlebt. Hat die Henri-Jury richtig gehandelt oder nicht? MEEDIA sprach mit dem ehemaligen Spiegel-Mitarbeiter und Autor des Buchs "Der Spiegel-Komplex", Oliver Gehrs, über den aktuellen Aufreger, die Inflation der Reportage sowie Sinn und Zweck von Medien-Preisverleihungen.

Anzeige

War es Ihrer Meinung nach richtig, dass die Jury des Henri-Nannen-Preises René Pfister die Auszeichnung für die beste Reportage aberkannt hat?

Ich finde das ehrlich gesagt bigott. Die Maßstäbe, die da nun plötzlich angelegt werden, sind ja eher zufällig und der ganze Eklat kam nur zustande, weil René Pfister auf der Bühne die Wahrheit ausgesprochen hat. Wenn man die ganzen preisgekrönten Reportagen der vergangenen Jahre anschaut, wird man womöglich viele Passagen finden, die ähnlich zustande gekommen sind. Jetzt so eine dogmatische Reinheitslehre zu verbreiten, dass alles, was in einer Reportage steht, auch selbst erlebt sein muss, finde ich nicht angemessen. Es ist durchaus erlaubt, dass auch nicht selbst Erlebtes in einer Reportage steht. Es gehört doch zum journalistischen Handwerkszeug, dass man sich Sachen erzählen lässt und diese dann verifiziert. Und in diesem Fall war es ja wohl so, dass die Informationen teilweise aus Seehofers Mund kamen und von Kollegen verifiziert wurden, die selbst in seinem Modelleisenbahn-Keller waren. Da hat der Autor seiner Reporterpflicht durchaus genüge getan.

Warum glauben Sie dann, gab es diese harte Reaktion der Jury, wenn das gar nicht so schlimm ist?

In dieser Jury regieren sicher auch Neid und Missgunst. Diese ganzen Chefredakteure gönnen sich gegenseitig die Preise nicht. Der Preis wurde von Gruner + Jahr gestiftet und da wird natürlich mit Argusaugen geschaut, wer welchen Preis für was bekommt. Der Henri-Nannen-Preis wurde ja auch immer sehr dafür kritisiert, dass dort immer dieselben Leute und Magazine prämiert werden. Da sitzt ein kleiner Klüngel von renommierten Magazin-Redakteuren beisammen und schiebt sich gegenseitig Preise zu. Es sind immer wieder dieselben, immer wieder Geo, immer wieder der Spiegel, oft die Süddeutsche. Andere kommen gar nicht zum Zuge. Da hat man jetzt vielleicht versucht, einen latent ruinierten Ruf zu retten, indem man sich plötzlich zum Hüter des Heiligen Grals aufschwingt. Ich finde schade, dass das auf dem Rücken eines jungen Kollegen ausgetragen wird, der völlig blauäugig auf der Bühne stand und einfach mal die Wahrheit sagte.

Es ist also normal, dass in renommierten Magazinen nicht nur “Selbst-Erlebtes” steht?

Ich war auf einer Journalistenschule hier in Berlin. Da gab es einen hochmögenden Journalisten als Referenten, dessen Namen ich nicht nenne, der ging gerade zum Stern und war auch vielfach ausgezeichnet. Der erzählte uns frank und frei von einer Reportage, die er über Neonazis in Frankfurt an der Oder gemacht hatte. Weil die drei Skinheads, die er dort getroffen hatte, nicht knackig genug waren, hat er sie zu einem ideellen Gesamt-Skinhead amalgamiert, den er Kevin getauft hat. Das sind Dinge, die man anprangern kann, aber doch nicht Pfisters Einstieg.

Ist das ein bisschen wie die Doping-Diskussion beim Sport – alle machen mit aber keiner darf was sagen und wenn einer erwischt wird, ist der der Sündenbock?

Nein, ich finde Doping ist tatsächlich schlimm und unfair. Ich finde es aber nicht unfair, wenn jemand Szenerien aufschreibt, die von Leuten erzählt wurden und die nach allen Regeln der Plausibilität und Nachrecherche auch so stimmen. Fakt ist: Seehofer hat eine Modelleisenbahn, die steht im Keller, er stellt die Weichen, er hat wohl auch eine Dampflok auf der Angela Merkel als Miniaturmännchen mitfährt. Das ist alles wohl so, wie es in der Spiegel-Reportage beschrieben wurde. So what!? Selbst Egon Erwin Kisch war ein wesentlich größerer Fabulierer als viele Reporter von heute.

Man hat aber manchmal schon den Eindruck, wenn man Reportagen liest oder Artikel in überregionalen Politik-Teilen, dass die Reporter quasi in die Köpfe der Politiker oder Personen hineinschauen können. Da wird jedes Mienenspiel und Detail so beschrieben, als habe der Reporter unterm Tisch gesessen. Ist das OK, dass dieser Eindruck beim Leser vermittelt wird?

Das stimmt. Vor allem der Spiegel hat diesen Investigativ-Bluff in Deutschland eingeführt. Anstelle der ordentlichen politischen Berichterstattung ist in die Ressorts etwas getreten, das man nur als Recherche-Surrogat bezeichnen kann. Immer wieder gibt es Artikel, in denen erwähnt wird, welche Weinflasche bei einem Politiker auf dem Nachttisch steht. Das soll suggerieren: Ich bin überall. Das ist ein gängiges Geschäft, mit solchen kleinen Finessen dem Leser zu bedeuten: Ich bin als Reporter allgegenwärtig. Das Schlimme ist, dass diese Form der Berichterstattung epidemisch geworden ist und eine vernünftige politische Berichterstattung verdrängt hat. Daran hat sich auch der Spiegel versündigt.

Sie meinen, die Reportage hat andere journalistische Stilformen verdrängt?

Mir scheint manchmal, dass die Reportage als Genre-Form etwas zu hoch geschätzt wird. Das liegt auch an den ganzen Preisverleihungen heutzutage.  Beim Spiegel sitzen heute ganz viele Leute, die alle super schreiben können, aber keine politische Meinung mehr haben. Das ist natürlich für ein Nachrichtenmagazin vom Schlage des Spiegel erbärmlich. Da würde ich als Leser sagen: Lasst ein paar Reportagen sein und entwickelt eine Form von politischer Haltung außerhalb der Reportage.

Wird das Image vom Spiegel oder vom Henri Nannen Preis unter dem Eklat leiden?

Beim gemeinen Bürger gibt es da, glaube ich, gar kein Image, das leiden könnte. Und in der Medienbranche hat der Henri-Nannen-Preis ungefähr das Image vom ADC (Art Directors Club, Anm.d.Red.) in der Werbung. Die deutsche Werbung wird immer schlechter, aber jedes Jahr wird das Gewese um den Kongress, bei dem sich die Werber gegenseitig die Preise verleihen, immer größer. So ähnlich ist das auch beim Henri Nannen Preis. Ich finde den ganzen Auszeichnungsbetrieb überflüssig. Am schlimmsten wird es aber, wenn Politiker bei Preisverleihungen auch noch die Laudatio auf Journalisten halten. Das war neulich so beim Herbert-Riehl-Heyse-Preis. Das ist doch eine Branche, der viel daran gelegen sein sollte, sich nicht mit Politikern gemein zu machen. Daran sieht man, dass solche Preisverleihungen gar kein gutes Image verdient haben.

Glauben Sie, der Fall jetzt wird Folgen haben?

Ich finde es schade, dass das passiert ist. Das könnte dazu führen, dass jüngere Kollegen nur noch mit einer Schere im Kopf schreiben und denken: Jetzt hat mir ein Politiker etwas erzählt und zwei Kollegen haben mir das bestätigt, aber ich war nicht selbst dabei und darf das jetzt nicht schreiben. Schlimmstenfalls werden die Stücke dadurch langweiliger. Bestenfalls könnte das dazu führen, dass man von dieser Inflation der Reportagen und der unterhaltsamen Schreibe als einzig wahren Gradmesser im Journalismus ein bisschen wegkommt. Das wäre schön.
Oliver Gehrs ist Herausgeber des unabhängigen Gesellschaftsmagazins DUMMY und produziert für die Bundeszentrale für politische Bildung das Jugendmagazin fluter

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige