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Nannen-Enkelin schämt sich für Preisträger

Eigentlich kann bei der Vergabe der Henri Nannen Preise soviel nicht schiefgehen. Schließlich ist man unter sich, und die Masse der Awards werden stets von Journalisten abgeräumt, die dem Verlagshaus G+J als Angestellte oder Mitarbeiter von Unternehmensbeteiligungen eng verbunden sind. Doch ausgerechnet der mit dem Hauptpreis ausgezeichnete Spiegel-Redakteur steht mit seiner Sieger-Reportage nun im Kreuzfeuer der Kritik. Die Enkelin von Henri Nannen spricht sogar von "Betrug an der Wahrheit".

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Am Montag rechnet Stephanie Nannen im Hamburger Abendblatt mit der Arbeitsweise des Preisträgers ab und bezeichnet den Jury-Entscheid als einen "handfesten Skandal". Spiegel-Redakteur René Pfister hatte den inzwischen Egon Erwin Kisch-Preis genannten "Haupt-Henri" für einen von der Jury als Reportage gewerteten Text aus dem August vergangenen Jahres erhalten. Unter dem Titel "Am Stellpult" entwickelte Pfister ein Psychogramm des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer, dessen Einstieg eine detaillierte Beschreibung einer Modelleisenbahn-Anlage im Keller des Ferienhauses des Politikers ist.
Problem nur: Der Mann vom Spiegel hat diesen Keller nie betreten, er hat buchstäblich keine Ahnung aus eigener Anschauung, wie es dort aussieht, weil er sich bei allem, was er schreibt, auf Hörensagen beruft. Und: Das gab er am Freitagabend auf der Bühne des Schauspielhauses auf Frage der Moderatorin Katrin Bauerfeind auch unumwunden zu. Solche Recherche-Praktiken sind bei einem Artikel in der Kategorie Reportage eigentlich inakzeptabel, und zumindest hätte der Autor im Text darauf hinweisen können, dass die geschilderten Passagen nicht auf eigener Anschauung beruhen.
Stephanie Nannen sieht damit den Preis beschädigt, den ihr Großvater und stern-Gründer Henri Nannen vor mehr als drei Jahrzehnten ins Leben rief. Über die Reportage urteilt sie im Abendblatt: "Sie ist nicht echt. Weil der Autor nicht das aufgeschrieben hat, was er gesehen hat. Eben weil er nichts gesehen hat." Man frage sich, "ob er überhaupt sicher weiß, dass es diese Eisenbahn mit ihren Abstellgleisen und Talfahrten gibt". Die Nannen-Enkelin spricht dem Text die Genre-Qualität ab: "Pfisters Text ist in wichtigen Teilen keine Reportage, und er hat diesen Umstand nicht kenntlich gemacht." Für sie bedeutet das: "Pfisters Text ist ein Betrug an der Wahrheit, ist Verrat dessen, woran Journalisten mindestens zu glauben vorgeben." Stephanie Nannen ("Man fühlt sich getäuscht") spricht sogar von einer "Schande" für den Spiegel.
Spiegel-Redakteur Pfister, Jahrgang 1974, beschrieb seinen Wissensstand gegenüber dem Abendblatt so: "Die Recherche für den Einstieg mit Seehofers Eisenbahn basiert auf zahlreichen Gesprächen mit Seehofer selbst und engen Mitarbeitern." Zudem habe er vor Erscheinen des Artikels mit "einem Spiegel-Kollegen geredet, der sich die Eisenbahn hat zeigen lassen". Jury-Mitglied Peter-Matthias Gaede, der den Preisträger auf der Bühne ehrte, sagte dem Abendblatt, er sei von der Aussage Pfisters "überrascht" gewesen, dass dieser nicht in Seehofers Keller gewesen sei. Er gehe aber "nach wie vor" davon aus, dass der Redakteur "authentische Quellen" hatte und "die Wahrheit" schrieb. Gegenüber dem Berliner Tagesspiegel verteidigte auch Spiegel-Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron den Preisträger: Es gebe "insgesamt keine Zweifel an der Richtigkeit seiner Schilderung".
Der ebenfalls vom Tagespiegel zitierte Leiter der Evangelischen Journalistenschule Berlin, Oscar Tiefenthal, sieht das anders: "Eine Reportage lebt vom Selbsterlebtem, nicht vom Hörensagen." Seine Einschätzung: Pfister habe "ein schönes und sprachlich überzeugendes Stück geschrieben, nicht aber eine preiswürdige Reportage".
Laut Hamburger Abendblatt rumort es im Entscheidungsgremium. Mehrere Juroren bestünden auf einer Aussprache, die an diesem Montag im Rahmen einer Telefonkonferenz stattfinden solle. Eine Korrektur der Entscheidung ist zumindest für den Preisträger kein Thema. Dem Tagesspiegel sagte er: "Ich beobachte ihn (Seehofer, die Red.) seit 2004 für den Spiegel, und in all den Jahren hat er immer wieder von der Bahn in seinem Ferienhaus berichtet." Er sehe "keinen Grund, den Preis zurückzugeben".
Pfisters Sieger-Reportage "Am Stellpult" zum Nachlesen finden Sie hier.

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