Jury entzieht Spiegel-Autor Nannen-Preis

Am Montagmorgen hatte das Hamburger Abendblatt es einen "Skandal" genannt, am Nachmittag reagierte die Jury des renommierten Henri Nannen Preises: Dem Hauptpreisträger der Gruner + Jahr-Veranstaltung, Spiegel-Redakteur René Pfister, wird die Auszeichnung aberkannt. Der 37-Jährige hatte die Büste für eine Reportage erhalten, die streng genommen keine ist. Die Entscheidung fiel am späten Nachmittag während einer einstündigen Krisenkonferenz per Telefonschalte. Einen "Nachrücker" soll es nicht geben.

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An der Telefonkonferenz hatten nach MEEDIA-Informationen zehn der insgesamt elf Juroren für den Egon Erwin Kisch-Preis, die Königskategorie Reportage, teilgenommen und die Vorwürfe gegen den Redakteur kontrovers diskutiert. Danach war klar: Bei der Entscheidung würde es nicht bleiben. Der Versuch, die News bis zum Dienstagmorgen und einer bis dahin formulierten einvernehmlichen Erklärung zurückzuhalten, scheiterte. Um 19:03 Uhr ging das über die Interna bestens orientierte Abendblatt mit einem Artikel zum Jury-Entscheid online.
Darin hieß es: "Die elfköpfige Jury hatte sich um 16.15 Uhr zu einer Telefonkonferenz zusammengeschaltet. Nur der Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, Kurt Kister, fehlte. Er hatte zuvor seinen Mitjuroren eine schriftliche Erklärung zukommen lassen, in der er sich gegen eine Aberkennung des Preises aussprach. Außer ihm votierten auch Geo-Chefredakteur Peter-Matthias Gaede, FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher und Spiegel-Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron gegen eine Aberkennung."
Doch damit konnten sich die renommierten Köpfe offenbar nicht durchsetzen. Zu hoch wäre die Gefahr erschienen, dass mit der Duldung der Arbeitspraktiken des Preisträgers auch der Preis selbst Schaden genommen hätte. Spiegel-Redakeur René Pfister hatte bei der Übergabe der Büste für den Reportage-Henri freimütig eingeräumt, dass er den Keller der Ferienwohnung von Horst Seehofer, dessen Modelleisenbahnanlage er so elegisch beschrieb, nie betreten hat. Stattdessen berief er sich auf Aussagen des Politikers sowie zweier Spiegel-Kollegen – sicher höchst ungewöhnlich für den Einstieg in eine Reportage.
Neben den "Verteidigern" des Spiegel-Redakteurs gehören Zeit-Chef Giovanni di Lorenzo, Ines Pohl (taz), Jan-Eric Peters (Welt), Andreas Petzold (stern), Ulrich Reitz (WAZ), Focus-Herausgeber Helmut Markwort sowie die Autorin Elke Heidenreich zur Jury.
Dass im Abendblatt mit Stephanie Nannen ausgerechnet die Enkelin des Namensgebers und erstem Stifter des Preises von einem "Betrug an der Wahrheit" schrieb, gab der Diskussion zusätzlichen Zündstoff. Mit dem raschen und konsequenten Jury-Entscheid wurde die Debatte in Sachen Henri Nannen Preis nun beendet, dem Spiegel steht eine solche womöglich noch bevor. Denn es verwundert schon, dass führende Mitarbeiter die Bedenken gegen den Arbeitsstil geradezu vom Tisch wischen wollten, obwohl die Recherche-Grundsätze bei einer Reportage in diesem Fall doch offenkundig missachtet wurden.
Das Abendblatt berichtet zudem, dass keine der beiden anderen nominierten Reportagen (Christian Schüle: "Kein Bock", Die Zeit sowie Malte Henk: "Im Herz der Finsternis", GEOkompakt) nachträglich zum Sieger gekürt wird. Damit endet eine Nannen-Gala erstmals in der Geschichte letztlich ohne Preisträger in der Königsdisziplin. Für das Jahr 2010 bleibt das Feld in der Chronik leer – und erinnert damit an einen zumindest mittelschweren Betriebsunfall.
Um kurz vor 21 Uhr verbreitete die Jury eine Erklärung. Darin hieß es: "Die Glaubwürdigkeit einer Reportage erfordert, dass erkennbar ist, ob Schilderungen durch die eigene Beobachtung des Verfassers zustande gekommen sind, oder sich auf eine andere Quelle stützen, die dann benannt werden muss." Dies hatte Pfister in seinem Text unterlassen.
 
Zugleich hob die Jury in der Erklärung hervor, dass sie an die Korrektheit von Pfisters Fakten nicht in Zweifel ziehe: "Von einer ‚Fälschung‘ kann keine Rede sein." Aber: "Wenn aber eine Reportage als die beste des Jahres ausgezeichnet und damit als vorbildlich hervorgehoben werden soll, muss sie besondere Anforderungen erfüllen. Pfisters Text erfüllt diese Anforderung nach Ansicht der Jury-Mehrheit nicht."
Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur war Pfister vor dem Entscheid keine Möglichkeit eingeräumt worden, in der Sache Stellung zu nehmen. Wie der Redakteur auf die Aberkennung des Preises reagiert, ist offen.

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