DSDS-Finale: das musikalische Waterloo

“Du hast die Herzfrequenz in Deutschland verändert!“, säuselte Quotenfrau Fernanda Brandao gestern zu DSDS-Sieger Pietro Lombardi. Brandao muss die radikale Absenkung von Vitalfunktionen jener Zuschauer gemeint haben, die mit der diesjährigen Superstar-Staffel seit Jahren das erste Format im deutschen TV gefunden haben mochten, bei welchem sie im laufenden Betrieb sorglos eingeschlafen konnten. DSDS 2011 bot eine Lehrstunde darüber, wie man Mangel und Langeweile konsequent bis zum Ende fortführt.

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Geht es nach Dieter Bohlen, hat der 107-jährige Johannes Heesters bei DSDS 2012 Perspektive. Meister Bohlen muss unterhalb der Ebene des gesprochenen Wortes selbst entsetzlich unter der lausigen Qualität der diesjährigen Staffel gelitten haben. Anders sind die verzweifelten Werbesprüche Bohlens für die DSDS-Staffel im nächsten Jahr nicht zu erklären. Bohlen versprach dem Sieger der nächsten Staffel verlockende Mindesteinnahmen und löste schnell mal sämtliche bestehenden Altersgrenzen für Bewerber auf. Aus einem Maximalalter von 30 Jahren wurden “gefühlte 30 Jahre“ – unabhängig vom biologischen Alter. Und: Für den Sieger gibt es zwischen € 500.000 und 1,5 Mio. obendrauf.
Ein Wunder, dass Bohlen nicht noch seinen Fahrzeugpark als Zugabe anbot. Der Umfang von Zusicherungen und Änderungen der Eingangsvoraussetzungen war sichtbarer Beleg für die tiefe Sorge des DSDS-Monarchen. Sorge darum, dass sich auch in 2012 das musikalische Waterloo auf Schulchor- und Butterfahrt-Niveau von DSDS 2011 wiederholen könnte. So, wie Dieter Bohlen gestern die Staffel des kommenden Jahres anpries, sprechen tief Verzweifelte auf der Suche nach Strohhalmen.
Bohlens Sorge ist begründet. Selten hat es ein erfolgreiches Casting-Format im Deutschen Fernsehen so konsequent geschafft, die Strategie des Mangels bis zum Ende durchzuhalten. Mit dem außerordentlich sympathischen Pietro Lombardi gewann am späten Abend die noch ein Stück schlechtere zweier Schulchor-Stimmen und darf sich nun “Superstar“ nennen. Kein Zufall, dass Lombardi in der Kategorie “beste Leistung in der Staffel“ mit dem verstaubten 1957er Ray-Evans-Gassenhauer „Qué será, Será“ einen Drittliga-Song der Säusel-Nudel Doris Day sang: ein Titel ohne jede musikalische Herausforderung, der dennoch auch gestern die vokalen Grenzen Lombardis offenbarte.
Das alles war gerade deshalb fürchterlich traurig, weil Lombardi als netter, sympathischer Typ mit Minderheiten-Bonus Welpenschutz-Impulse auslöst. Dem Jungen, der im Verlauf des Wettbewerbs kaum einen Satz  geradeaus sprechen konnte und dem Bohlen in Staffel-Kommentaren “zwei graue Zellen“ bescheinigte, wünscht man in der Tat alles Gute im Leben, und man gönnt ihm das Geld. In einem Wettsingen mit dem ambitionierten Ziel, “Superstar“ eines ganzen Landes zu werden, hat er ebenso wenig zu suchen, wie die Abziehbilder Fernanda Brandao oder Partrick Nuo in einer Jury.
“Wir sind nicht Bohlens Schäfchen“ titelte noch am Freitag der Branchendienst DWDL ein Interview mit Jury-Mitglied Patrick Nuo. Das stimmt. Brandao und Nuo waren in der Tat nicht Schäfchen des Monarchen. Sie waren deutlich weniger. Schäfchen neigen zum Widerspruch und haben zumindest ansatzweise die Fähigkeit zur Bockigkeit. So trennte sich  der Monarch noch vor dem Finale öffentlich von seinen beiden Kollegen und nutzte im Stile eines guten Chefs für diese vertrauliche Restrukturierungs-Info den Verteiler der Bild-Zeitung.
Lombardis Konkurrentin Sarah Engels sang übrigens auch gestern: technisch annähernd sauber, stimmlich um Längen dünner als etwa ihre Halbfinal-Kollegin der fünften Staffel Linda Teodosiu und dennoch eine ganze Klasse besser als der Sieger Pietro Lombardi. Die junge Frau mit den leise getriebenen Karriere-Eltern war mit einer durchschnittlichen Leistung die bessere zweier musikalisch völlig überflüssiger Final – Sänger.
DSDS als Format bot in diesem Jahr Jugendfreizeit statt Stimme: Scripted Reality auf Thomas-Sonnenburg-Niveau: “Die Ausreißer – der Weg zurück.“ Die verkrampfte Suche nach herausragenden Sängern beamte Randgruppen auf die Mattscheibe: Sie zwang belanglose Pseudo-Künstler in Jury-Rollen. Sie zwang junge nette Kandidaten, die in ihrem Leben vom Glück nicht bevorzugt wurden, auf eine Bühne, die sie in Wahrheit niemals füllen werden. Vielleicht ist ja Sonnenburg im Parka und mit Umhängetäschchen einer der Kandidaten für die Jury in 2012. Dürftiger, als Brandao und Nuo in diesem Jahr, könnte auch ein Sonnenburg diese Rolle kaum wahrnehmen.
DSDS als Format muss sich auf die Suche nach Lösungen für eine ganze Reihe grundsätzlich qualitativer Themen begeben. Das Erfolgsformat hat seinen Hunger verlernt und ist angestrengt, bemüht und unlebendig  geworden. Ein sichtlich gequälter, satter und zunehmend lebloser Bohlen mit immer müderen Sprüchen und eine wirklich erstklassige Produktion von Grundy LE genügen nicht für künftigen Erfolg. Qualitativ war die diesjährige Staffel armselig.
Mit einer eigenen Position innerhalb einer Jury urteilen zu können, könnte als Innovation bei der Suche nach künftiger Veränderung Berücksichtigung finden. Und: Nach den Erfahrungen von 2011 schienen gute Stimmen für künftige “Superstars“ eines Gesangswettbewerbes zumindest ansatzweise auch überlegenswert.

Mehr über den Autor: leadership-academy.de

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