Wolf Schneider: der liebe, böse Sprach-Onkel

Mit "Speak Schneider!" schaffte er es sogar ins Internet, und allein der Titel der Videokolumne zeigt, wie sich die Zeiten für Wolf Schneider geändert haben: Dem Mann, der heute Abend bei der Henri Nannen Preis-Gala in seinen 86. Geburtstag hineinfeiert, hätte es bei solchem Denglisch früher gegraust. Nun kann er weise zu den, sorry!, Standing Ovations lächeln, die er bei der Überreichung der Lebenswerk-Büste einheimsen wird. Laudatio, Trophäe und Applaus hat er verdient - ebenso eine ungehaltene Gegenrede.

Anzeige

Etlichen Journalisten ist Schneider als Zuchtmeister mit Stil- und Grammatik-Knute bekannt. Man musste ihn nicht getroffen haben, um ihm doch nicht entgehen zu können. Sein Bestseller "Deutsch für Profis" war über Jahrzehnte Standardfibel für Generationen von angehenden Schreibtischtätern. Die Journalistenschule von Gruner + Jahr, die er aufbaute und prägte wie bis heute kein Anderer, führte er im Stile einer elitären Kaderschmiede. Viele seiner teils überaus erfolgreichen Schüler sind ihm bis heute dankbar, obwohl nicht feststeht, ob sie wegen oder trotz Schneider Karriere machten. Denn wer bei Schneider lernte, hatte sich schon unter Hunderten und Tausenden durchgesetzt. Der Chefcoach drillte die jungen Talente und war dabei nicht frei von Eitelkeiten, was auf manche Schüler abfärbte, deren schon stark entwickeltes Selbstbewusstsein fortan bedrohlich ins Arrogante pendelte.

So jovial und unterhaltsam, wie Schneider im persönlichen Umgang gilt, so sehr erwies er sich in fachlichen Belangen als sturer Kommisskopp. Ein Oberlehrer, der nicht nur die kleinen und großen Stilsünden geißelte, sondern seinen Schülern sogar vorschrieb, wie viele Menschen sie täglich neu kennenlernen müssten, um sich als richtige Journalisten fühlen zu können. Wer es in die Jahrgänge von Schneiders Henri Nannen Schule schaffte, war priviligiert und hatte ein beispielloses Aussiebungsverfahren hinter sich. Schneiders "flotte Schreibe" war ein Kriterium, aber kein hinreichendes. Mehr oder weniger schikanöse Wissenstests, bei denen selbst hohe Funktionsträger der Branche wohl reihenweise durchgefallen wären, waren ebenso Standard wie die Erwartung, dass die Kandidaten ein im Bedarfsfall schneidiges Auftreten mitbringen. Wer diese Qualitäten aufwies, konnte auf die ungeteilte Aufmerksamkeit des Meisters hoffen und fuhr gewiss nicht schlecht dabei.

Doch weit mehr Redakteure in spe lernten Schneiders Lektionen im Fernstudiengang und erlagen dabei möglicherweise einem großen Irrtum: Nicht der rigide Ästhetizismus des Ausbilders würde sie zu guten Journalisten machen, sondern Eigenschaften, die der populäre Monothemat schon deshalb nicht predigte, weil sie nicht auf seiner persönlichen Agenda standen. Seine Schüler entwickelten nicht selten Schreibblockaden, weil sie schon beim ersten Satz verkrampften. Das scheint bisweilen auch für den Meister selbst zu gelten: Als Schreiber liefert Schneider abseits seiner Erfolgsbücher seltsam Sperriges und Blutarmes ab. Der große Didakt scheitert oft am eigenen hohen Anspruch.

So wundert es nicht, dass Wolf Schneider noch heute besessen scheint von allem, was sich ums Formulierte dreht. Dass er sich festbeißt in der Kritik an der Rechtschreibreform, der Abrechnung mit Anglizismen oder Feminismen im Deutschen, dass er einzelne Ausdrucksweisen anklagend seziert, während der Journalismus doch so viele große und oft ungelöste Fragen aufwirft. Seine Themen wirken bisweilen so antiquiert wie die mit Brockhaus-Bänden vollgepackten Bücherwände im Büro des Altmeisters, vor denen er derzeit hochbetagt seine Video-Vorlesungen hält.

In seinem aktuellen Beitrag mokiert sich Schneider über die Redewendung, dass Steuerzahler "zur Kasse gebeten" werden. Tatsächlich handele es sich, so Schneider, doch keineswegs um eine freundliche Aufforderung, sondern um Befehl, Zwang oder Nötigung. Damit hat er recht und ahnt vielleicht nicht, wie sehr diese Diskrepanz auch das eigene Spracherziehungssystem beschreibt. Autor kommt nicht von autoritär und, nein, Herr Schneider, Qualität nicht von Qual: Nur wer dies begriffen hat, kann von Wolf Schneider lernen. Aber dann auch heute noch.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige