„Das lineare Fernsehen stirbt nicht“

Sky gehört in Deutschland derzeit zu den TV-Anbietern, die technische Innovationen vorantreiben - nicht zuletzt mit dem Start von Sky Go und entsprechenden Apps. MEEDIA hat Euan Smith, Senior Vice President Product & Operations bei Sky Deutschland, befragt, wie er die Zukunft des Fernsehens sieht, ob das traditionelle TV-Gerät abgelöst wird und die Rolle des linearen Fernsehens abnimmt. Smith spricht zudem über die Quotenmessung und wagt einen Blick in das TV-Jahr 2021.

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Mister Smith, am 12. Mai sitzen sie beim NewTV-Kongress in Hamburg in  einem Panel zum Thema "Linear ist tot, was nun?". Wie ist ihre Meinung, stirbt lineares Fernsehen tatsächlich? Die Nutzerzahlen sehen ja – selbst in den USA – eigentlich nicht danach aus.

Nein, wir glauben nicht, dass das lineare Fernsehen stirbt. Was wir glauben, ist vielmehr dass sich die Nutzung weg vom senderseitig gesetzten Programmschema hin zu individuelleren Strukturen verschiebt. Das Sehverhalten des Einzelnen bleibt dabei aber stark von Gewohnheiten geprägt. Anders ausgedrückt: Wenn Sie schon immer am Sonntagabend den Tatort und am Dienstag Ihre Lieblingsserie geschaut haben, werden Sie diese liebgewonnene, fast schon ritualisierte Gewohnheit nicht ändern wollen. Warum auch, wenn es so in Ihr Leben passt.

Wie muss sich lineares Fernsehen denn ändern oder weiterentwickeln, um nicht doch irgendwann zu einem weniger relevanten Medium zu werden. Werden Live-Sport-Events und Live-Shows Spielfilme und Serien komplett ablösen, da es dort bei diesen Fiction-Inhalten nicht auf das Live-Erlebnis ankommt?

Nach unserer Erfahrung wünschen sich die Zuschauer Services und Funktionen, die es Ihnen erlauben, innerhalb eines vielfältigen Angebotes mit exklusiven Live-Events, aber auch Filmen, Serien und Dokumentationen ihren persönlichen Vorlieben und Gewohnheiten sehr einfach und komfortabel zu folgen. Dazu zählen Funktionen wie zeitversetztes Fernsehen, die Möglichkeit, ein laufendes Programm kurz anzuhalten und beliebig fortzusetzen, einfache Aufnahmemöglichkeiten, aber auch mobile Applikationen. Die sind natürlich besonders für das Live-Erlebnis unverzichtbar.

Was bedeutet die Entwicklung hin zu mehr individuellem Fernsehen für einen Pay-TV-Anbieter wie Sky? Werden Sportrechte in Zukunft beispielsweise noch wichtiger – und Film- oder Serienrechte unwichtiger?

Unsere Zuschauer erwarten sowohl spannende Live-Übertragungen aus dem Sport als auch ein attraktives Film- und Serienprogramm. Unser Angebot muss ent­sprechend umfassend sein und dem Anspruch gerecht werden, jedem einzelnen Zuschauer großartige Programminhalte für seinen individuellen Geschmack zu bieten. Unsere Herausforderung ist es also, die Rechte zu erwerben, die unseren Kunden das beste Fernseherlebnis bieten. Außerdem müssen wir natürlich über die notwendigen Rechte verfügen, um diese Inhalte auf all unseren verschiedenen Plattformen auszustrahlen.

Und werden Sie in Zukunft noch mehr auf Eigenproduktionen (Shows, Magazine, etc.) setzen, da eigene Inhalte, die es nicht auf anderen, fremden Plattformen gibt, wichtiger werden?

Wir haben bereits im vergangenen Jahr damit begonnen, unser Angebot an selbstentwickelten und –produzierten Formaten auszubauen. Denken Sie nur an unser neues Live-Sport-Format "Mein Stadion" oder das "Sky Magazin" auf Sky Cinema HD. Das stärkt natürlich die Unverwechselbarkeit unseres Angebots. Eine ganz neue Qualität erreicht das Thema Eigenproduktion für uns dann noch mal im Winter. Dann starten wir mit Sky Sport News HD den ersten Sender in Deutschland und Österreich mit täglich 24-Stunden live Sport News. Etwas Vergleichbares hat es in der deutschsprachigen TV-Landschaft noch nie gegeben. Parallel zu unseren eigenen Formaten müssen wir aber natürlich immer auch die besten, auf dem Markt verfügbaren Inhalte einkaufen.

Wenn im Netz neue Plattformen wie z.B. Hulu entstehen, auf denen Inhalte verschiedenster Produzenten gebündelt werden – verlieren herkömmliche TV-Sender-Marken dann nicht an Stärke? Und wie können die Sender gegensteuern?

Mag sein, aber wir verstehen uns ja nicht als herkömmlicher Sender. Wir sind selbst eine Entertainment-Plattform und zu unseren Stärken zählt es gerade, dass wir eine herausragende Sendervielfalt aus allen Genres mit qualitativ hochwertigen Programmen bekannter und eigener TV-Marken bündeln. Zusätzlich arbeiten wir konsequent daran, neben dem klassischen Fernsehschirm auf möglichst vielen verschiedenen Plattformen empfangbar zu sein. Und zwar wann immer und wo immer der Zuschauer es wünscht. Wenn Sie großartige Inhalte einfach, komfortabel und zuverlässig bereitstellen, werden die Kunden auch eher bei Ihnen bleiben, als die verschiedenen neuen Plattformen zu nutzen.

Sie haben mit Sky Go vor Kurzem ein Produkt gestartet, das die verschiedenen Sky Empfangsmöglichkeiten bündelt. Wie sehen die Erfahrungen bei Ihnen im Haus aus? Welche Rolle spielen iPad, iPhone und das Web bereits bei Ihren Abonnenten?

Der Fernseher ist und bleibt auch sicher das meistgenutzte Gerät zum Fernsehen. Aber so flexibel und mobil wie unsere Zuschauer heute selbst sein müssen, erwarten sie es auch von einem Dienstleister. Und als solcher verstehen wir uns für unsere Abonnenten. Das heißt, sie sollen selbst entscheiden können, wann und wo sie ihre Lieblingsprogramme sehen wollen. Ob im Garten, im Zug oder im Café – mit unseren Angeboten für iPad, iPhone und im Web geben wir unseren Kunden neben der absoluten Auswahl auch die volle Kontrolle.

Derzeit bieten Sie im Netz vor allem Sport und Filme live und auf Abruf an, auf iPhone und iPad sogar nur Sport. Sollen nach und nach auch die anderen Sky-Inhalte Teil von Sky Go werden?

Über Sky Go im Web können Sie heute bereits unser gesamtes Sport- und Filmangebot sehen. Das sind mehr als 10.000 Programmstunden im Jahr. Unsere Sportapplikation auf dem iPad und iPhone ist hauptsächlich für Leute gedacht, die auch unterwegs kein Live-Spiel verpassen oder Wiederholungen und Zusammen­fassungen für ihre Freunde verlinken wollen. Das Angebot wird im Laufe des Jahres auch noch weiter ausgebaut. Die nächsten Schritte werden die Erweiterung der Sky Go App für das iPad um Sky Film Angebote und die Integration des neuen 24-Stunden Sportnachrichtensenders "Sky Sport News HD" sein. Außerdem wollen wir auch die Empfangsbasis um weitere Geräte ausbauen. Unter den Schlagworten "Smart", "Social" und "Seamless" wird Sky Go ein Fernseherlebnis, das alle modernen Kommunikationswege miteinander verbindet.

Als Pay-TV-Anbieter, bei dem die Werbeumsätze nur eine kleinere Rolle spielen, haben Sie den Vorteil, dass Sie dem Abonnenten alternative Empfangsmöglichkeiten anbieten können, obwohl diese Zuschauer dann nicht bei den normalen Einschaltquoten mitgerechnet werden. Doch für Free-TV-Sender ist das ein Problem. Schaut jemand eine Sendung im Netz, taucht er in den Quoten nicht auf. Ist es daher nicht dringend nötig, die Quotenmessung zu modernisieren, um das Netz, iPad, etc. als TV-Empfangsmöglichkeit nicht auszubremsen?

Wir können gut nachvollziehen, welche große technische Herausforderung eine Integration zusätzlicher Empfangsgeräte in die Messung bedeuten würde und haben deshalb auch Verständnis, dass die AGF sich bislang auf die klassische Fernsehnutzung beschränkt. Im Sinne einer optimalen Kapitalisierung unserer Werbeflächen wäre es aber natürlich zu begrüßen, wenn wir die Nutzer mobiler Plattformen – übrigens genauso wie die vielen Sky Zuschauer in Bars und Hotels – über die offiziellen Ratings ausweisen könnten. Ich bin auch ganz zuversichtlich, dass es eine solche Entwicklung geben wird. Die Hitparaden haben sich im Laufe der Zeit ja auch von einer Auswertung, die ausschließlich auf den Verkäufen im Ladengeschäfte basiert, weiterentwickelt. Mittlerweile werden hier Musik-Downloads aus dem Internet schon in die Auswertung miteinbezogen.

Für Sie als Pay-TV-Anbieter kann es gerade wegen der untergeordneten Werbeumsätze theoretisch egal sein, auf welchen Plattformen Ihre Kunden das Programm sehen. Planen Sie daher in Zukunft auch Angebote, bei denen Abonnenten gar kein herkömmliches TV-Paket mehr buchen müssen, sondern Sky nur auf dem iPad oder im Web sehen können?

Unser Geschäftsmodell ist grundsätzlich nicht an eine bestimmte Basis von Empfangsgeräten gebunden, sondern fußt auf der Idee, attraktive und exklusive Fernsehinhalte im Abonnement zu vermarkten. Hauptmedium in der Nutzung dieser Inhalte ist aber nun mal noch der Fernseher, deshalb liegt dort auch unser Kern­geschäft. IPTV- und Mobilfunkrechte werden aber in Zukunft mit Blick auf ergän­zende hybride und mobile Verbreitungswege beim Einkauf eine größere Rolle spielen.

Wagen Sie doch mal einen Blick in die Zukunft? Wie wird das Sky Angebot in zehn Jahren aussehen? Sowohl bei den Inhalten, als auch bei der Technik und den Empfangswegen.

Wenn ich eine Kristallkugel hätte, mit der ich zehn Jahre in die Zukunft blicken könnte, würde ich wahrscheinlich nicht mehr arbeiten! Aber im Ernst: Vor zehn Jahren waren die Konzepte hinter Tablet-PCs und Smartphones auch noch pure Science Fiction. Ich denke, es ist  also vor allem wichtig, sich auf den Kunden der Zukunft zu konzentrieren. Was will er? Wie kann man ihn besser unterhalten? Wie können wir Lösungen bieten, die seinen Lifestyle tatsächlich verbessern – sei es durch ganz neue oder die Verbesserung bereits existierender Produkte und Services. Ich bin davon überzeugt, dass in 10 Jahren die Firmen noch erfolgreich am Markt sein werden, die am besten verstanden haben, was die Kunden im Jahr 2021 erwarten. Deshalb probieren wir bei Sky auch viele neue Ideen aus. Nicht alle funktionieren oder werden auf den Markt gebracht, aber die Angebote, die wir launchen, erzielen Wirkung. Und Einfachheit, Komfort, geteilte Erfahrungen, Mehrwert – die Aspekte, die wir heute schon dabei fokussieren, werden auch in Zukunft "in" sein!

Euan Smith ist zu Gast beim newTV-Kongress, der am 12. Mai in Hamburg stattfindet. MEEDIA ist Medienpartner des Kongresses.

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