Gaming-Presse: Kommerz oder Kultur?

Computerspiele sind gesetzlich gesehen ein Kulturgut wie Filme oder Literatur. In der Öffentlichkeit hat sich diese Wahrnehmung aber nicht durchgesetzt. "Viele klassische Medien berichten kaum oder, wenn doch, dann abwertend über Games", beklagt Thomas Lindemann von der Welt auf den Deutschen Gamestagen 2011 in Berlin. Obwohl Videospiele mittlerweile in der Gesellschaft angekommen sind, öffne sich die Gamespresse kaum für die neuen Zielgruppen. "Sie suhlt sich in ihrer Nische."

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Computerspiele sind gesetzlich gesehen ein Kulturgut wie Filme oder Literatur. In der Öffentlichkeit hat sich diese Wahrnehmung aber nicht durchgesetzt. "Viele klassische Medien berichten kaum oder, wenn doch, dann abwertend über Games", beklagt Thomas Lindemann von der Welt auf den Deutschen Gamestagen 2011 in Berlin. Obwohl Videospiele mittlerweile in der Gesellschaft angekommen sind, öffne sich die Gamespresse kaum für die neuen Zielgruppen. "Sie suhlt sich in ihrer Nische."
Lindemann schreibt für Welt, Welt kompakt und Welt Online über Videospiele und Entwicklungen in der Branche. Sein Ansatz ist die kritische, feuilletonistische Berichterstattung – Spiele müssen genauso behandelt werden wie Kinofilme oder Bücher, findet er. Deshalb ärgert er sich darüber, wenn "Tageszeitungen wie die Süddeutsche herablassend darüber schreiben". Gleichzeitig stellte er auf der Diskussion in Berlin fest, dass sich die Gaming-Presse kaum für neue Themen geöffnet habe. Wenn man neue Zielgruppen erschließen wolle, müsse man breitgefächerter berichten.
Diesen Vorwurf wollten sich die Fachpresse-Vertreter Michael Graf (Gamestar) und Philipp Senkbeil (Onlinewelten.com) nicht gefallen lassen. Graf konterte, es gebe deutliche Veränderungen in der Berichterstattung der Gamestar. "Früher hat man ein Spiel auf den Tisch bekommen und es dann getestet. Heute ähnelt Gamesjournalismus viel mehr dem klassischen Journalismus, indem man Entwicklungen beobachtet und Prozesse verfolgt." Onlinewelten-Mann Senkbeil ergänzte, dass seine Redaktion dies schon lange tue, da Web-Spiele sich ständig veränderten. "Online- und Browsergames kann man nicht einmalig mit einer Zahl bewerten. Man muss deren ständig fortschreitende Entwicklung berücksichtigen."
###YOUTUBEVIDEO### Die Diskussion leitete Peter Steinlechner von Golem.de.
Graf und Senkbeil stellten klar, dass die Art, wie über Games berichtet wird, stark vom Medium abhängt. "Teste ich ein Spiel für eine Zeitung, muss ich anders schreiben als für Onlinewelten", kommentierte Senkbeil. Denn Leser der Fachpresse hätten ein größeres Vorwissen als Zeitungsleser. "Würde ich die Texte für beide Medien gleich schreiben, fragen sich die Leser doch: ‚Hat der ’nen Schuss?!’" Welt-Redakteur Lindemann hielt dagegen, dass Artikel über Kinofilme in Fach- und Massenmedien sich kaum unterscheiden würden.
Auf den Punkt brachte es der Games-Blogger Konrad Huber. Seiner Auffassung nach ist die Fachpresse in erster Linie dazu da, um als Kaufberater einen Überblick über die besten Spiele zu geben. In dem Zusammenhang kritisierte Lindemann dann die "Angst vor Meinung in der Fachpresse". Er würde selten wirklich kritische Texte lesen. "Stehen wir unter der Knute der Industrie?", fragte er. Tatsächlich sei es so, dass manche Hersteller von Videospielen nach negativen Kritiken vorübergehend die Zusammenarbeit mit Magazinen stoppten. Das bestätigten alle Diskussionsteilnehmer, auch wenn es so etwas bei Gamestar und Onlinewelten noch nie gegeben habe, wie Graf und Senkbeil sagten. "Wir halten mit unserer Meinung nicht hinter dem Berg", so der Gamestar-Autor.
Aus diesem Zwiespalt zwischen kritischer Berichterstattung und den nötigen guten Kontakten zu Herstellern ergab sich zwangsläufig die Frage, wie es mit Schleichwerbung oder gekauften Artikeln in der Fachpresse aussieht. Graf sagte, dass Redaktion und Werbung in der Gamestar unabhängig voneinander seien. Nur weil ein Publisher eine Anzeige schaltet, bekomme das Produkt keine positive Bewertung. Dennoch gibt es Deals zwischen Medien und Herstellern. Darf ein Magazin exklusiv über ein Spiel berichten, bekommt das Produkt eine besonders prominente Platzierung, beispielsweise auf dem Cover, oder eine umfangreichere Berichterstattung.
So lange es genug Fachmedien gibt, hängen sie so am Tropf der großen Publisher wie Electronic Arts, Ubisoft oder Activision Blizzard. Um zu überleben müssen sie mehr auf Kommerz als Kultur setzen. Vielleicht ist das der Grund, weshalb sich die Gaming-Presse immer noch in ihrer Nische suhlt.

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