Tim Mälzer – ein TV-Koch als Aufklärer

Kochsendungen gibt es im Fernsehen wie Sand am Meer - der Erkenntnisgewinn ist leider oft begrenzt. TV-Koch Tim Mälzer hat mit der zweiten Staffel von “Deutschland isst...” eine dreiteilige Doku-Reihe im Ersten Programm der ARD. Am gestrigen Montag lief die erste Folge zum Thema “Muss es immer Fleisch sein?” “Deutschland isst... mit Tim Mälzer” war lehrreich, unterhaltsam und professionell gemacht. Öffentlich-rechtliches Fernsehen, ganz wie es sein soll.

Anzeige

Der Film begann mit Tim Mälzer, wie er in einem Supermarktregal diverse Fleisch-”Produkte” beäugt. Warum kann ein Tiefkühlhähnchen billiger verkauft werden als eine Packung Mehlklöße? Eine berechtigte Frage. Mälzer schaute sich Verpackungen an, redete mit dem freundlichen Mann an der Fleischtheke und machte sich TV-öffentlich seine Gedanken. Warum muss in einer x-beliebigen Supermarkttheke so viel Fleisch angeboten werden, dass ein Viertel davon wieder weggeschmissen wird? Warum kann Fleisch so billig sein? Woraus bestehen eigentlich die Fertigfleischgerichte, die für wenig Geld in den Kühlregalen liegen?

Der Film gab auf diese und mehr Fragen seriöse und undogmatische Antworten. Ein weiterer Erzählstrang befasste sich mit einer Beispielfamilie typischer deutscher Fleischesser, die als Experiment vier Wochen lang ganz auf Fleisch und Wurst verzichten wollten. Zum Vorbild taugte die Familie aber gerade nicht, denn das Nachdenken über Massentierhaltung war ihre Sache nicht. Vielmehr kreisten die Gedanken von Vater, Mutter und Kindern ausschließlich darum, wann das doofe Experiment zu Ende sei und man in der Kantine und zu Hause wieder richtig Fleisch auf den Teller bekam. Zwischendurch wurden Entzugserscheinungen mit Shrimps und Lachshäppchen gedämpft.

Am Schluss stopfte sich die Mutter dann erleichtert den Serrano-Schinken in den Mund und die vierköpfige Familie vertilgte gleich mal einen Leerkäse, um sich vom Gemüse-Schock zu erholen. Als Zuschauer identifizierte man sich da schon eher mit dem nachdenklichen Mälzer, der eine Schweinemast und eine Hühnerfabrik besuchte.

Zwar waren die gezeigten Unternehmen Vorzeigebetriebe und es gab keine Horror-Bilder zu sehen – doch alleine die ganz normalen Vorgänge der durch und durch industrialisierten Massentierhaltung verfehlten ihre Wirkung nicht. Mälzer als ein Vertreter eines pragmatisch-bodenständigen Kochstils war genau der richtige Mann, um die Botschaft “Esst weniger Fleisch” überzeugend rüberzubringen.

Beeindruckend waren auch die Selbstversuche, denen sich Mälzer und sein Kochteam unterzogen. So schaffte es der TV-Koch ohne besondere Kenntnisse, mit einer Art Fleischkleber aus einem Stück billigen Schmorfleisch ein ansehnliches Fake-Filet zusammenzukleben. Das Klebe-Filet bestand anschließend sogar den Geschmackstest. Oder die Mälzer-Truppe stellte beim Blindtest fest, dass Biofleisch gar nicht immer besser schmeckt als Fleisch aus dem Supermarkt oder dem Discounter.

Geschmack, Qualität, Geldmacherei, das sind Themen, über die man sich bei Lebensmitteln zurecht aufregt. Dass es Mälzer und dem Film aber eigentlich um etwas ganz anderes ging, zeigte der Schluss, als er den vorbildlichen Ökohof Herrmannsdorfer Landwerkstätten in der Nähe von München besuchte. Dort werden Schweine tatsächlich artgerecht gehalten. Die Bilder der frei umherlaufenden Schweine sprachen für sich. Mälzer beschloss am Ende des Films telegen, seine eigenen Essgewohnheiten zu überdenken. Der Zuschauer tut es ihm womöglich gleich, denn dieser Film schaffte es ganz ohne Zeigefinger oder moralische Überheblichkeit, in Sachen Fleischkonsum aufzuklären. Das ist kein kleines Kunststück. In den zwei weiteren Folgen der kleinen Reihe befasst sich Mälzer mit dem Schlankheitswahn (Sendetermin: 9. Mai, 21 Uhr) und dem Zwang, dass alles immer “frisch” sein muss (16. Mai, 21 Uhr). Aufklärungs-TV in bestem Sinne.

Die Folgen “Deutschland isst… mit Tim Mälzer” kann man sich hier auch noch in der ARD-Mediathek anschauen.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige