„Die Wege hier raus: stehend oder liegend“

Im zweiten Teil des Gespräches mit Christopher Lesko beschreibt Aleksander Ruzicka sein Leben im Gefängnis: einer Welt, die sich für ihn von der Welt draußen ebenso unterscheidet, wie sie ihr gleicht. Ruzicka spricht über die Beziehung zu seinem Mann Thomas - der großen Liebe seines Lebens. Er erzählt vom Management seiner Tage, von Verzweiflung, Mut und warum sein Urteil zu Unrecht gesprochen sei. Ein “Deal“ mit der Justiz habe 2008 im Raum gestanden, sei für ihn jedoch nie in Frage gekommen.

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Wie genau überlebt man denn mit Ihrer Lebensgeschichte in den aktuellen Umständen?

Nochmal zu Ihrer Frage, ob dies hier ein schattiger Platz sei: Es gibt nur zwei Wege. Entweder man resigniert und macht irgendwelche Dummheiten, oder man kämpft. Die ersten Jahre hindurch habe ich überhaupt begreifen müssen, dass man mir diese Vorwürfe macht. Ich habe lange für vollkommen unvorstellbar gehalten, dass Richter Verträge ignorieren, und von 70 gestellten Beweisanträgen 35 ablehnen. Ich habe nicht verstanden, dass Staatsanwälte erst zwei Jahre kaum ermitteln und dann entlastende überprüfbar korrekte Beweise ignorieren. Dass man es offensichtlich schaffen kann, einen Staatsanwalt zu einer Anklage zu motivieren, ohne dass er auch nur einmal in die Verträge schaut, die die Rechtsgrundlagen regeln, habe ich gar nicht für möglich gehalten. Dass in unserem Rechtssystem möglich sein kann, dass  ein Richter sich einfach weigern darf, Verträge überhaupt zu prüfen und zur Kenntnis zu nehmen. Dass Vertreter einer stattlichen Instanz – statt wahrzunehmen, wofür sie bezahlt werden –, aus meiner subjektiven Sicht parteilich arbeiten,  kennt man aus US-Filmen. Aber man hält das für Fiktion, für schlechtes Kino und versteht es nicht. So aber war es hier.
Ich habe hier sehr viel Zuspruch: Mitarbeiter schreiben mir. Kunden, Kollegen, Wettbewerber machen mir Mut und teilen mir mit, wie toll sie meinen Mut des Umganges mit der Situation finden. Dieser Zuspruch ist kein bedauernder unter der Überschrift, dies sei ja alles so fürchterlich. Die Menschen  behandeln mich, als wenn ich in Wiesbaden an meinem Schreibtisch sitzen würde, oder sonstwo auf der Welt.  In gewisser Weise bin ich nach wie vor Teilnehmer des Marktes. Nur, dass ich hier natürlich das Handicap sehr begrenzter Gestaltungs-Möglichkeiten habe. Ich habe mir das hier nicht ausgesucht. Wie gesagt: entweder man resigniert, oder man kämpft.

Das klingt fokussiert. Überleben ist ja kein rein rationaler Prozess, in dem man eine Unternehmensstrategie festlegt.

Doch natürlich. Natürlich haben Sie Recht, es ist auch ein emotionaler Prozess. Aber: Die Ratio hilft, um die  emotionalen Bewegungen abzufedern. Ich führe von hier aus meine fünf Anwälte, habe jeden Donnerstag meinen Anwaltstermin und manage Strategien für die Zukunft. Das alles ist fokussiert und rational. Ich habe für jede Woche eine Job-Liste. Heute sind Sie der wichtigste Punkt auf dieser Liste.  Am Ende jedes Tages schreibe ich eine kurze Summary, und aktualisiere meine Job-Liste. Ich arbeite so jeden Tag acht Stunden. Natürlich habe ich emotionale Stunden und Wochen, bin traurig und heule. Ich war oft verzweifelt hier, und ich leide. Manche denken vielleicht über Selbstmord nach. Ich nie. Natürlich gibt es Leute, die wenn sie ein neues Gebäude betreten, für den Fall der Fälle registrieren, wo genau das Stromkabel liegt für ein mögliches Ende ihres Weges.  Man muss sich hier entscheiden: Entweder verbringt man seine Zeit vor Spiele-Konsolen und dröhnt sich zu, oder man rappelt sich hoch, nimmt die Verantwortung ernst, die man auch gegenüber den Freunden und der Familie hat und arbeitet an Wegen, um hier rauszukommen. Man muss sein Leben in die Hand nehmen und versuchen, seine Ziele zu erreichen. Viele haben ja gesagt, – Herr Bölte tat dies öffentlich –: “Der Ruzicka ist schwul, der hängt sich bald auf, dann sind wir das Problem los…“  Das allein war Ansporn genug für mich. Es gibt nur zwei Wege hier raus: entweder liegend oder stehend.

Sie haben ja in dem Verfahren vereinfacht gesagt argumentiert, Ihre professionellen Fähigkeiten hätten dem Kundenkontakt und dem Unternehmen gedient. Helfen Ihnen diese Fähigkeiten von Vernetzung und Gestaltung von Beziehungen hier in der JVA?

Es gibt hier sehr unterschiedliche Geschichten und Menschen.  Sie finden hier den Geschäftsführer  eines großen Unternehmens der Automobil-Industrie ebenso, wie einen Geschäftsführer einer Company im Co2-Zertifikate-Handel und darüber hinaus unterschiedlichste Vertreter des gesamten sozialen Spektrums.
Sie haben hier nur eine Möglichkeit: geradeaus zu sein. Nichts ist hier schlimmer als zu lügen, auch den Mitgefangenen gegenüber. Ich bin hier z.B. offen mit Informationen über meine Homosexualität umgegangen. Alle, die draußen ihr Leben in einem Gebäude von Lügen gestalten, würden damit hier gnadenlos scheitern. Das Gefängnis verdichtet vieles und unterscheidet sich in manchen Aspekten  nicht von der Welt draußen.

“Das eigentliche Gefängnis macht man sich immer selbst.“

Oberflächliche Betrachter würden da schon den einen oder anderen Unterschied vermuten.

Wenn Sie in einem Pitch sind, oder neue Kunden gewinnen müssen, bewegen Sie sich stundenlang  wieder und wieder im inneren Gefängnis des Themas oder sitzen im Büro, und Ihre  Familie ist auch ausgeschlossen. Auch dort sind Sie vergraben und nicht frei.

Manager draußen sind sicher auch Hamster in inneren Laufrädern. Sie haben jedoch  zumindest die Option auf eine freie Wahl. Sie nicht. Das ist ein Unterschied.

Ich will das auch nicht schön reden. Ich sage nur, so weit entfernt voneinander, wie Vorurteile es beschreiben, sind die Welten dann doch nicht. Im inneren Dialog ist das nicht einfach: “Rede ich es mir schön, oder nicht?“ Wissen Sie, es war fürchterlich, als ich zwei Tage nach meinem fünfzigsten Geburtstag die Nachricht bekam, die Revision sei nicht begründet, nachdem viele Monate daran von einem Bundesgerichtshof gearbeitet wurde. Und das direkt vor Weihnachten. Dann nicht loszugehen und zu heulen sondern zu verstehen: Wir haben eine Breitseite bekommen, sich dann zu bewegen und zu fragen, wie mit dieser Breitseite umzugehen ist. Das ist wie eine Schlacht im 17. Jahrhundert. Wie kämpfen denn die Menschen heute in Fukushima? Die sitzen genauso in einem Gefängnis. Um noch einmal auf Ihre Schattenfrage zurückzukommen: Ich habe physische Grenzen. Aber: hier drin ist eine in sich geschlossene Gemeinschaft, die in vielen Punkten ehrlicher und freundlicher ist, als in vielen Unternehmen draußen. Das eigentliche Gefängnis, in das man sich begibt, macht man sich immer selbst.

Das ist natürlich kein dummer Satz, und die Justiz ging sogar davon aus, dass Sie sich auch Ihr physisches Gefängnis “selbst gemacht“ hätten. Können Sie kurz beschreiben, wie Ihr Alltag aussieht?

Ich habe meine Zelle und ein Bad. Ich habe den ganzen Tag die Tür offen. Ich arbeite, gebe zusätzlich Schwimm-Unterricht als Co-Trainer in einer physiotherapeutischen Schwimmgruppe. Ich kann mich den ganzen Tag bewegen. Nachmittags um fünf mache ich meine Tür zu, die wird dann irgendwann abgeschlossen und geht um 06.00 morgens wieder auf. Ich bin übrigens hier von Anfang an freundlich behandelt worden. Ich habe die Beamten hier auch nie so behandelt, als seien sie dafür verantwortlich, dass ich hier bin. In vielen Fragen ist dies ein ganz normales Leben hier: Mit den Einschränkungen des Ortes  und einer Mauer drum herum.

 „Eine größere Liebeserklärung kann man nicht bekommen

Wie und in welchen Aspekten haben Sie sich in den Jahren ohne Freiheit verändert? Sind Sie roher, unempfindlicher, verzweifelter, stiller, mutloser geworden?

Nein. Vielleicht im Gegenteil. Ich leide. Mein Mann  Thomas leidet auch. Wir beide leiden unter der Trennung. (Aleksander Ruzicka hat Tränen in den Augen:) In 23 Jahren Lebenspartnerschaft  hat er mir hier geschrieben, es sei bedauerlich, dass erst solche Herausforderungen nötig waren, dass er mir so offen vor Publikum sagen könne, dass er mich liebe. Eine größere Liebeserklärung kann man nicht bekommen. Soviel Negatives ich hier erfahre, so viele positive emotionale Aspekte sind auf der anderen Seite auch im gemeinsamen Durchleben dieses Leids entstanden.

Sagen Sie doch noch ein wenig mehr über Ihre Beziehung zu Thomas. Das ist ja wahrscheinlich auch für ihn nicht nur leicht.

Thomas ist ein wunderbarer Mann. Für Angehörige draußen ist der Umgang mit dieser Trennungs-Situation noch schwieriger, als für mich hier drinnen. Wir haben eine Beziehung zweier gestandener Männer, also nicht diese Kombination einer  eher weiblichen und einer eher männlichen Rolle. Das ist nicht so ein “Tütü-Schwulentum“, sondern eine Lebens- und Liebesbeziehung zweier erwachsener Männer mit durchaus unterschiedlichen Meinungen und Positionen. Unser Leben war vorher so vermeintlich perfekt, dass ich vieles als selbstverständlich genommen habe, ohne dabei die Freude zu empfinden, Dinge so selbstverständlich zu haben. Das ist jetzt abgedroschen, aber: erst, wenn man etwas nicht mehr  frei verfügbar  hat, lernt man das Geschenk dieser Beziehung wirklich zu schätzen. Wenn es fehlt. Wenn Thomas fehlt. Die eine Stunde, die ich hier alle 14 Tage mit Thomas oder anderen hier verbringen darf, ist um vieles intensiver, als viele Stunden draußen in der Vergangenheit. Der innere Fokus – was einem wichtig ist im Leben – ändert sich. Die zweite Hälfte meines Lebens werde ich emotional nach dieser Erfahrung viel intensiver leben, als es mir früher in meiner Aegis-Rolle je möglich war. Ich fange hier jeden Tag bei “Null“ an, und ich habe über mich hier unendlich viel gelernt. Draußen ist mir alles gelungen: ich habe nie lernen müssen, aus Rückschlägen etwas Positives zu ziehen. Ohne diese Situation hier hätten weder Thomas noch ich das enorme Potenzial an Entwicklung aus unserer Beziehung nie so schöpfen können. Wir sind letztlich beide sehr daran gewachsen.

Haben Sie keine Sorge, dass sich dies im Laufe der Zeit verändern könnte? Dass Gefühle nicht mehr tragen und Sehnsucht zur Routine wird. Dass man sich abfindet und stumm voneinander entfernt?

Ach wissen Sie: Ich habe es eigentlich relativ einfach. Ich bin zwar momentan rechtskräftig auf dem Papier verurteilt. Ich weiß aber, dass ich nichts Unrechtes getan habe, und habe auch das schwarz auf weiß durch ein Urteil auf dem Papier. Die Staatsanwaltschaft und das OLG München haben exzessiv alle Vorgänge zivilrechtlich bewertet, Beschlüsse gefasst und bestätigen in völliger Klarheit meine Unschuld. Sie sagen: So, wie ich es vertragsrechtlich und gesetzlich zu verantworten hatte, habe ich richtig gehandelt. Das Strafurteil in Wiesbaden und auch der BGH hat diese Aspekte überhaupt nicht ergründet. Ich habe also keine Sorge, dass sich über lange Jahre negative Auswirkungen  auf mein Privatleben halten werden.

“Ich weiß, dass ich nichts Unrechtes getan habe.“

Ich verliere mich ein wenig in diesem Gemisch der Benutzeroberflächen unterschiedlicher Gerichte, Urteile, Begründungen und Interpretationen. Beschreiben Sie mir doch bitte Ihre Sichtweise und den Zusammenhang. Ihr Urteil ist rechtskräftig und der BGH hat die Revision abgelehnt.

Zivilrechtlich hat das OLG München mir recht gegeben. Wiesbaden hätte dies also im Strafprozess prüfen und berücksichtigen können. Als wir in der letzten Verhandlungswoche dem Richter das Münchener Urteil hinlegten, erstarrte er und fuhr den Staatsanwalt an:“Kennen Sie das?“ Er hat es wohl nicht berücksichtigt, weil das Münchner Urteil zwar gesprochen, aber nicht rechtskräftig war. Inzwischen ist es rechtskräftig. Es wurde also mit einem formalen Grund eine Realität bewusst ignoriert. Wiesbaden hat statt der Münchener Urteils-Realität eine sogenannte “ schadensbegründende Analogie“ getroffen. Die nun sagt inhaltlich: Es könnte so gewesen sein, oder genau andersherum. Eine Analogie gegenüber der Realität eines Unschuld-Urteils zu priorisieren, ist makaber. Hätte Wiesbaden im Strafprozess anders gehandelt, säße ich erstens nicht hier und zweitens hätte man eine ganze Reihe begangener Ermittlungsfehler selbstkritisch betrachtenden müssen.

Schadensbegründende Analogien  sind verfassungswidrig. Sie ermitteln nicht einen tatsächlichen Schaden, sondern beschreiben eine Wahrheit, die der tatsächlichen nicht entspricht.  Man darf in Deutschland nur dann verurteilt werden, wenn ein tatsächlicher Schaden entstanden ist. Deshalb ist der Vorgang aktuell anhängig beim Verfassungsgericht. Wie das Verfassungsgericht -als auch politische- Instanz entscheiden wird, weiß man nicht. Natürlich sind alle Instanzen daran interessiert, das Urteil eines Richters möglichst zu halten. Also; ich bin verurteilt worden, ohne dass der Schaden den Anforderungen entsprechend bestimmt wurde, weil er nur hypothetisch benannt wurde. Das kann nicht sein, ich habe also Hoffnung.

Und die Ablehnung der Revision durch den BGH?

Der BGH  hat im letzten Jahr über 1000 Rügen vom Europäischen Gerichtshof bekommen. Eine Revision befasst sich nur mit dem Urteil und dem Protokoll des Urteils. Der BGH prüft nur, ob der Richter an dieser Stelle diese Annahmen hat treffen dürfen. Ein Tatrichter schaut sich Beweise an. Der BGH prüft nur, ob der Tatrichter im Rahmen seiner Berechtigung gehandelt hat.

Bildet denn das Verfassungsgericht Ihre letzte Option?

Nein, es gibt auch noch den Weg eines Wiederaufnahme-Verfahrens. Ich stelle übrigens nicht das Rechtssystem in Frage, sehr wohl jedoch dessen Anwendung durch einzelne Menschen oder Gremien. Sicher würden viel in Gefängnissen Ähnliches sagen, vielleicht glauben Sie mir deshalb auch nicht: aber mir ist wirklich Unrecht getan worden. Die Anklage ist im Urteil selbst widerlegt worden, und ich bin unschuldig.

So seltsam es klingen mag: mich interessiert diese Frage gar nicht so. Ihre Haltung dazu schon. Man hört, dass es eine ganze Reihe gegenseitiger Klagen und weiterer Ermittlungen auch gegen Sie gibt. Sie selbst verklagen Aegis ja auch auf viel Geld.

In meinem Antrag auf Prozesskostenhilfe musste ich jede Forderung angeben. Aegis gegenüber habe ich insgesamt berechtigte Forderungen in dreistelliger Millionenhöhe.

Das ist viel Geld für einen jungen Menschen…

Aegis hat mir die fristlose Kündigung als Geschäftsführer viel zu spät zugestellt, formaljuristisch bin ich übrigens  immer noch Angestellter von Aegis. Dazu kommen Schadensersatzansprüche und eine ganze Reihe weiterer Aspekte.

Laufen denn noch andere Verfahren gegen Sie?

Angeblich gibt es zwischen 14 und 17 Ermittlungsverfahren gegen andere Personen, aber nirgendwo ist Anklage erhoben worden. Mich wundert das nicht: Im Gegensatz zum Zeitpunkt meines Strafverfahrens ist ja nun der Entscheid des OLG München rechtskräftig.  Wahrscheinlich gibt es deshalb keine Anklage gegen diese Personen. Es gibt übrigens ein weiteres Zivilverfahren, innerhalb dessen ich mich mit einer meiner Firmen gegen Ansprüche von Aegis wehre.

Es existiert kein Verfahren wegen Steuerhinterziehung gegen Sie?

Nein, das existiert nicht. Es gab drei Ermittlungsverfahren wegen Geldwäsche. Die sind allesamt eingestellt worden wegen erwiesener Unschuld. Es gab ein Verfahren wegen angeblichen Titel-Missbrauches. Dort haben wir meine Ernennungsurkunde als Gastprofessor bei der Uni in Prag und die Vorlesungsverzeichnisse meiner Seminare vorgelegt. Das ist dann auch eingestellt worden. Ich bin kein “Guttenberg-Zwei“, sondern habe diesen Titel tatsächlich bekommen. Wegen  Steuerhinterziehung hat man – vorgeschoben – gegen mich ermittelt, weil ich meinem Mann eine Wohnung von mir zu einer Zeit vermietet hatte, als ich noch nicht mit ihm verbunden war. Das war vollkommen regulär und keine Steuerhinterziehung, und auch da ist keine Anklage erhoben.

“Für einen Deal stand ich nie zur Verfügung“

Insgesamt argumentieren Sie ja auch als jemand, der sich schlecht behandelt fühlt von Staatsanwaltschaft und Gericht. So argumentieren Justizopfer.

Wenn zu Beginn einer Hausdurchsuchung in unserem Privathaus der Umstand, dass vier Personen fünf Autos haben mit den Worten kommentiert wird, “zwei Jungs“ (mein Mann und ich), so ein Haus, so viele Autos, das könne ja nur auf unlauteren Machenschaften beruhen. Es wurde übrigens deutlich bodenständiger ausgedrückt, als ich es hier wiedegebe. Wenn bei der ersten Haftprüfung, also bevor ich noch überhaupt eine Aussage machte, die Verträge nicht eingesehen wurden, weil “sowieso klar sei, dass ich schuldig wäre, und man würde dafür sorgen, dass ich in Haft käme“;  wenn jahrelang ermittelt und wesentliche Beweise bewusst ignoriert werden, dann taucht zumindest schnell die Idee auf, es ginge den Playern im  System nur darum, das eigeneVorgehen zu rechtfertigen, nachdem es jahrelang immense Kosten verursacht hat. Dazu kommt, dass dies für eine Kleinstadt wie Wiesbaden das größte Wirtschaftsverfahren aller Zeiten ist und es das erste große Verfahren des Richters war. Da liegt enormer Druck auch auf den Beteiligten. Sie haben Recht: Ich bin aus sehr unterschiedlichen Gründen nicht so behandelt worden, wie neutrale Funktionsträger, die objektiv nach der Wahrheit suchen, es hätten tun sollen. Und ich stand für einen Deal nie zur Verfügung.

Deal?

Es stand im Herbst 2008 ein ähnlicher Deal wie bei Herrn Linn (Geschäftsführer Aegis Media Central Services)  im Raum. Deals fordern generell, dass Personen, gegen die ermittelt wird, sich schuldig bekennen und im Gegenzug eine geringe Strafe erhalten. Je nach Dauer der absolvierten Untersuchungshaft hätte dies für mich sehr schnell physische Freiheit bedeuten können. Aber:  Ich bin unschuldig! Mein Mann hat gesagt, wenn ich jemals einer derartigen Verabredung zustimmte, obwohl ich unschuldig sei, könne er mir nicht mehr vertrauen. Und er hatte recht. Ich hätte nie wieder in den Spiegel schauen können.

Ein Deal hätte auch bedeutet, dass Ihre zivilrechtlichen Ansprüche gegen Aegis nicht mehr durchzusetzen wären.

Ja, diese Position wäre dann vollkommen weg gewesen. Aber das war nicht die Triebfeder: Ich hätte mich aus Gründen der Bequemlichkeit zu etwas bekennen müssen, dass ich nicht getan habe. Das ist ungeheuerlich. Wenn mein Mann gesagt hätte: “Mach das, sonst kann ich nicht!“, hätte ich es sofort getan. Schweren Herzens, aber er ist die Liebe meines Lebens. Ich hatte vor ihm keine Beziehung und werde in meinem Leben keine andere haben. Für ihn würde ich mein Leben geben.

„Ich bin weder abgehoben noch dekadent.“

Ruzicka mit Kunden auf Hochsitzen und Jagden: Das zeichnete ja Bilder aus Promi-Magazinen und der Welt von Reichen und Schönen. Sind Sie so ein Typ? Sind Sie dekadent und abgehoben?

Nein. Ich habe 26 Jahre Berufstätigkeit in verantwortlichen Positionen hinter mir. Ich verhehle nicht, wenn ich die Wahl zwischen einem Neuwagen und einem Gebrauchten habe, entscheide ich mich für den Neuwagen. Diese Jagden gibt es ja heute nicht mehr, aber sie hatten für das Unternehmen einen enormen Gewinn: 72 Stunden mit einem hochrangigen Kundenvertreter sprechen zu können und dafür 10.000,- für eine Jagd in Ungarn auszugeben ist übrigens für vertrauensbildende Maßnahmen viel billiger und nachhaltiger, als ihn für 15 Minuten gehetzt für 1.000,- Reiskosten einfliegen zu lassen. Nein, ich bin weder abgehoben noch dekadent.

Der Sektor Medien gilt ja für viele ohnehin insgesamt nicht als ein Muster an Transparenz. Vor dem Hintergrund dieses Bildes, wofür um Gotteswillen brauchte ein CEO wie Sie weitere Firmen? Sie hatten doch alles: Erfolg, Anerkennung, Geld.

Ich bin seit 1992 von Aegis nie weggegangen. Weil ich gerne gearbeitet habe und für das Unternehmen alles gegeben habe. Die Freiheit, vertraglich genehmigt privat Firmen betreiben zu können, wie eine B2B- oder Event-Agentur, ist nichts Ungewöhnliches und hat meine Bindung an Aegis nur noch unterstützt. Viele verfahren so im Medienbereich. Es gibt kaum eine effektivere Bindungsmaßnahme für Key-People in Unternehmen, als wenn man ihnen zusätzliche Felder unternehmerischer Gestaltung ermöglicht. Sich auch um die Zeit nach Aegis kümmern zu dürfen, nimmt dem Unternehmen nichts und bindet den Mitarbeiter, kann er seine Ideen doch ausleben, ohne das Unternehmen verlassen zu müssen.

Ich bin zwei Öltanks: Man kann doch in der Außenwirkung Ihre gleichzeitig unterschiedlich vorhandenen Rollen innerhalb der verschiedenen Unternehmen nicht trennen.

In der Außenwirkung gebe ich Ihnen recht. Innen und in den gültigen Vertragsverhältnissen war das deutlich getrennt. Ich bin bei keinem Kunden in Deutschland in den anderen Rollen aufgetreten. Und in der Außenwirkung sind von mir ganz andere Dinge behauptet worden Ich hätte Verbindungen zur Russen-Mafia, hätte einen südafrikanischen Pass und hätte gegen den Artenschutz verstoßen.

Immerhin haben Sie tatsächlich auch das Russland Geschäft verantwortet, und aus Sicht Einiger genießt der Sektor Medien ohnehin  in einigen Aspekten “Artenschutz“.  Was ist denn dran an diesen Bildern von Ihnen?

Natürlich überhaupt nichts. Jeder dieser Vorwürfe war völliger Unsinn. Wir haben dies alles belegt und bewiesen, und natürlich haben sich alle Behauptungen als haltlos erwiesen.

Mit Blick auf Ihr Leben: Gibt es Themen und Situationen, innerhalb derer Sie sagen würden, Sie trügen Schuld?

Ich habe alles, was ich tat, immer nach bestem Gewissen getan. Meine Mutter hat immer gesagt, wer eine Bühne betritt, müsse damit rechnen, dass Tomaten geworfen werden. Ich habe als Geschäftsführer eine Bühne betreten. Ich habe sicher Verantwortung dafür, nicht abgeschätzt zu haben, dass meine Gegner und Neider sich verbanden und hinter meinem Rücken Messer wetzten. Da habe ich Fehler gemacht. Schuld im Sinne Ihrer Frage habe ich vielleicht, weil ich meinen privaten Beziehungen manchmal mehr Raum hätte einräumen sollen als beruflichen Verpflichtungen. Zumindest diesen Fehler werde ich nicht wieder machen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zum "Making of" des Exklusivtermins und Teil eins des Interviews geht es hier.

Mehr über den Autor: http://www.leadership-academy.de

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