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Osama Bin Laden – die Karikatur des Bösen

Der von den USA getötete Osama Bin Laden war nicht nur Terrorist und Drahtzieher der furchtbaren Anschläge auf das World Trade Center in New York vom 11. September 2001. Osama Bin Laden war und ist auch eine Medienfigur. Über die Jahre ist der Mann aus Saudi-Arabien wie ein Viral-Video in die westliche Pop-Kultur eingesickert. Den Menschen Bin Laden haben die USA nun getötet. Das Symbol Bin Laden wird vermutlich weiterleben, auch wenn US-Militärs mit einer eiligen Seebestattung alle physischen Spuren tilgten.

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Jedes Schulkind der USA weiß, wie Osama Bin Laden aussah und könnte ihn wahrscheinlich mit nur ein paar Bleistiftstrichen erkennbar zeichnen: grauer Bart mit weißem Streifen in der Mitte, Turban auf dem Kopf, Kalaschnikow auf den Knien – fertig. Genau wie man Adolf Hitler mit wenigen Strichen, Charlie-Chaplin-Schnäuzer und Seitenscheitel, weltweit erkennbar in Sekundenschnelle aufs Papier bringen kann. Hitler war die Ikone des Bösen des vergangenen Jahrhunderts. Osama Bin Laden spielt eine ähnliche Rolle für das 21. Jahrhundert. Ob er für strategische Vorbereitung oder gar die operative Ausübung tatsächlicher terroristischer Verbrechen zuletzt überhaupt noch maßgeblich verantwortlich war (was viele Terrorexperten eher in Zweifel ziehen), spielt im Prinzip keine Rolle. Er war und ist ein Symbol. 

Bin Laden bediente sich dabei geschickt der modernen Medien, die genauso vernetzt und dezentral organisiert sind, wie seine Terrorzellen. Im vergangenen Jahrtausend nutzten Hitler und seine Propaganda-Experten erstmals das Radio als Massenmedium und setzten bewusst die suggestive Kraft von Bewegtbildern in Wochenschauen und den Filmen von Leni Riefenstahl ein.

Osama Bin Laden und seine Terror-Truppe führt einen ganz anderen Krieg – nicht umsonst war von Al-Qaida immer als einem “Terror-Netzwerk” die Rede. Seine berühmt-berüchtigten Video-Botschaften verbreiteten sich vor allem über das Internet. Seine Parolen und Aufrufe zum “Heiligen Krieg” wurden und werden ebenfalls vor allem im Netz verbreitet.

Bei Bin Laden gab es keine ausgefeilten, pompösen Inszenierungen. Sein Propaganda-Werkzeug war das vermeintlich Authentische: das grobkörnige Amateur-Video im Kampfanzug, der angeblich asketische Lebensstil, die Mythen und Legenden um seine Zeit als Widerstandskämpfer gegen russische Besatzer in Afghanistan.

Wie ein Viral-Video im Internet sickerte die Figur Osama Bin Laden im Laufe der Jahre in die westliche Popkultur hinein. Es gab Osama-Bin-Laden-T-Shirts, Osama-Kaffeetassen, im Internet kann man geschmacklose Osama-Killerspiele zocken. Immer wieder machten neue, absonderliche Info-Schnippsel zu Bin Laden die Runde. So soll er u.a. in seiner Jugend Fan der Cowboy-Serie “Bonanza” gewesen sein.

Einmal glaubten Medien, Osamas Gesicht in einer Rauchwolke zu erkennen. Sogar die deutschen Comedians von “Switch Reloaded” hatten eine Osama-Verarsche in ihrem Programm. In Thrillern, wie Frederick Forsyths “Der Afghane” von 2006 tauchte ein fiktiver Osama Bin Laden als geheimnisvoller Dunkelmann auf. Es gab Legenden umrankte Geschichten über seine Felsenfestung Tora-Bora im afghanischen Bergland, zwischendurch erklärte der US-Geheimdienst CIA ihn für tot, bis die nächste Videobotschaft auftauchte. Osama Bin Laden war schon vor seinem Tod zu einer Melange zwischen Witzfigur, Buhmann und Terror-Gespenst geworden.

Noch Ende April kursierte im Netz ein Video mit einem “Mini-Osama” – einem offenbar kleinwüchsigen Terroristen, der in Bin-Laden-Manier vor der Kamera posiert. Ob das echt war oder nicht – irrelevant. Die westliche Medienmaschine hatte Osama Bin Laden vereinnahmt, in der Medienwahrnehmung ist er längst zu einer Art Karikatur des Bösen verkommen.

Sein Tod ist für die USA ein symbolischer Sieg. Dass die USA damit nur den Menschen Bin Laden getroffen haben, aber nicht das Symbol Osama – das ist die bittere Ironie dieser Nachricht.

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