Münster-„Tatort“: viel Comedy, wenig Krimi

Der "Tatort" aus Münster hat viele Fans und tolle Quoten. Das Ermittlerduo Axel Prahl und Jan Josef Liefers alias Kommissar Thiel und Professor Boerne ist die Speerspitze der Krimireihe. Was ist das Erfolgsgeheimnis? Mit Thiel/Boerne hat das deutsche Fernsehen ein originelles Duo im Sinne klassischer Buddy-Movies erfunden. Über den Dialog-Späßen der beiden wurde aber leider auch beim "Herrenabend" vergessen, dass eigentlich ein Krimi erzählt werden sollte.

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Von Anfang an fällt es schwer, der eigentlichen Handlung von “Herrenabend” zu folgen. Da ist der vor der Steuerfahndung geflüchtete Provinzpolitiker, der örtliche Agrar-Bonze, der “Kartoffel-Kaiser” genannt wird, eine sexy Steuerfahnderin auf den Spuren von Prof. Boerne, Thiels crazy Vater auf Charity-Tour in Osteuropa, der in einer ungeheuerlichen Drehbuch-Kapriole via Webcam zur Lösung des Falles beiträgt und und und. Alles mehr oder weniger egal. Ebenso egal, warum man als Titel für den Film “Herrenabend” gewählt hat.

Die Handlung ist Wurst, Hauptsache es gibt genügend Vorlagen für Prahl und Liefers, ihre Charaktere aufeinander loszulassen. Der ganze Hype um den Münster-”Tatort” lebt vom Charisma der beiden Hauptdarsteller, den Dialogen, plus einigen gut besetzten Nebenrollen. Die kleinwüchsige Christine Urspruch als Boernes Assistentin mit Spitznamen “Alberich” zu besetzen, ist schon ein sehr gelungener Wurf. Ihre Beziehung zu ihrem schnöseligen Chef dürfte ruhig noch ein wenig mehr ausgeleuchtet werden.

Und Mechthild Großmann als Staatsanwältin Klemm schrammt in ihrer Rolle zwar immer haarscharf am Over-Acting vorbei, aber allein ihre knarzige Stimme ist ein Hit. Die Dialoge zwischen Boerne und Thiel sind gut geschrieben, ebenso die zwischen Boerne und Alberich. Und so freut sich der “Tatort”-Münster-Fan, wenn Thiel dem Boerne das Bier verweigert und Boerne mal wieder Witze über Alberichs Kleinheit macht. Die Autoren haben an der Comedy-Schraube mittlerweile aber schon arg gedreht. Prahl und Liefers können teils kaum noch laufen vor lauter dick aufgetragener Ironie im Mienenspiel. Und dass die Zwei auch noch Haustür an Haustür wohnen müssen – das ginge auch eine Spur subtiler.

Man kann beim Münster-”Tatort” ruhig mal zwischendurch aufs Klo gehen, wenn Boerne und Thiel gerade nicht im Bild sind und ein neurotisches Mitglied des restlichen “Tatort”-Ensembles einen der üblichen Krimi-Nervenzusammenbrüche hinlegt. Hauptsache Thiel darf gleich wieder den kauzigen Kommissar im schmuddeligen St. Pauli-T-Shirt rauslassen, und Schnösel Boerne ist am Ende der dumme August, weil er wertlose Aktien des Kartoffel-Kaisers gehütet hat wie einen Staatsschatz.

Wenn die Autoren nicht über der ganzen Gag-Schreiberei für Prahl und Liefers vergessen würden, einen halbwegs gescheiten Krimi zu erzählen, dann wäre der “Tatort” aus Münster tatsächlich in jeder Beziehung richtig gut. So bleiben eineinhalb Stunden lustige Dialoge mit zwei Charakterköpfen und eine Handlung, um die sich niemand so Recht kümmern wollte.

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