Flipboard & Co: das programmierte Scheitern

Das Gespenst von der personalisierten Tageszeitung (Daily me) geht weiter um. Aktuell geistert die Idee des Daily me in Form von iPad-Apps wie Flipboard oder dem angekündigten News.me durch die Medienszene. Einige Beobachter sehen in solchen Anwendungen, die Internet-Inhalte sammeln und hübsch aufbereiten, gar die Zukunft der Medien. Dabei ist die neue Generation der Daily mes genauso zum Scheitern verurteilt wie alle vorherigen.

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In der Theorie klingen die Vorzüge eines personalisierten Mediums immer bestechend: Nutzer wählen genau die Inhalte, die sie am meisten interessieren. Der beste Sportteil, internationale Artikel aus der New York Times, und die persönlichen Lieblings-Blogs werden Tag für Tag oder gar Minute für Minute ganz individuell neu zusammengestellt. Frühere Versuche, eine personalisierte Tageszeitung auf Papier herzustellen, scheiterten stets mehr oder weniger spektakulär. Zuletzt ging hierzulande eine Berliner Firma mit der personalisierten Print-Zeitung Niuu baden.

Nun ruht die Hoffnung auf Apps wie Flipboard. Hier fällt die Personalisierung leichter, Vertriebs- und Herstellungskosten fallen weg. Und kommen dann sogar noch die Mitteilungen von Freunden und Bekannten bei Facebook und Twitter dazu – ein vermeintlich geniales Konzept. Wer zum ersten mal Flipboard nutzt, ist tatsächlich auf Anhieb begeistert. Die bisher dröge Listen-Darstellung von RSS-Feeds wird in ein beeindruckendes Magazin-Layout verwandelt. Auf dem Titel kann eine Story eines Profi-Mediums genauso stehen wie ein Schnappschuss eines Freundes, der bei Facebook veröffentlicht wurde. Verlinkte Fotos werden direkt angezeigt, alles wirkt optisch viel ansprechender, und man kann mit dem Finger durch die Seiten blättern. Der erste Eindruck von Flipboard ist so überzeugend, dass es die junge Firma aus Palo Alto gerade geschafft hat, weitere 50 Millionen US-Dollar an Kapital einzusammeln.

Matthew Ingram läutet im Blog GigaOM angesichts von Flipboard und ähnlichen Apps, wie Zite, bereits das Totenglöcklein für traditionelle Medienhäuser: “Die Aggregation, Personalisierung und Anpassung, die solche Apps ermöglichen, ist die Art, wie Inhalte künftig konsumiert werden. Traditionelle Medienhäuser lernen besser, mit dieser Welle zu schwimmen oder sie werden untergehen.” Sollte diese gewagte Prognose zutreffen und traditionelle Medienhäuser tatsächlich angesichts von Flipboard und Co. kollektiv die Segel streichen, dann hätten die schicken Inhalte-Umverpacker freilich nur noch private Blogs, Twitter und Facebook-Nachrichten zur Hand. Und die beziehen sich ja auch in sehr vielen Fällen auf die angeblich so verzichtbaren klassischen Medien. Nachrichten vom bevorstehenden Tod klassischer Medien sind also wieder einmal reichlich übertrieben.

Zieht man das hübsche Layout und die angenehme Bedienung ab, dann bleibt von Flipboard (und seinen Nachahmern) nicht mehr als ein weiterer Inhalte-Sammler, der schlicht zu viel bietet. Regelmäßige Nutzer des Internet haben einen Twitter-Account, sind bei Facebook aktiv und haben eine stattliche Anzahl an RSS-Feeds abonniert. Mindestens. Einiges davon doppelt sich. Twitter-Nachrichten laufen auch bei Facebook ein, Artikel, die via RSS versendet werden, landen auch bei Twitter usw. Wenn nun alle persönlichen Quellen in einer einzigen Anwendung zusammenlaufen, geht leicht die Übersicht verloren.

Hinzu kommt, dass ein Algorithmus bei Flipboard gewichtet, welche Artikel in welcher Größe an welcher Stelle angezeigt werden. So bleibt stets das Gefühl, dass man doch etwas “verpassen” könnte, dass einem der Flipboard-Algorithmus eine wichtige oder relevante Nachricht vorenthält. Am Ende des Tages schaut man neben Flipboard dann eben doch noch zusätzlich Facebook, Twitter und den üblichen RSS-Reader durch und hat die doppelte Arbeit. Das Grundproblem: Flipboard gaukelt optisch vor, ein in sich geschlossenes Medienprodukt zu sein – das ist es aber nicht. Bei jedem Aufruf sieht die Flipboard-Ausgabe wieder anders aus. Das erzeugt ein Gefühl permanenter Unsicherheit.

Zu diesen Aspekten kommt hinzu, dass noch völlig unklar ist, worin das Geschäftsmodell von Flipboard & Co. bestehen soll. Derzeit gibt es schlicht keines. Von Branchenbeobachtern, wie Frédéric Filloux, dem General Manager des französischen ePress Konsortiums, wird vage in den Raum gestellt, dass Flipboard auf Basis der Nutzerdaten wesentlich genauere, personalisierte und hochwertig gestaltete Anzeigen platzieren könnte, als dies bislang der Fall ist. Das sind freilich genau jene Heilsversprechen, die auch Facebook und Google der werbetreibenden Industrie geben. Außerdem wäre dann noch zu klären, wie eventuelle künftige Anzeigen-Erlöse zwischen Flipboard und den Inhalte-Produzenten aufzuteilen wären.
Einen anderen Weg versucht der angekündigte Flipboard-Epigone News.me. Dieser iPad-Aggregator setzt auf eine klassische Misch-Finanzierung aus Abo-Erlösen und Anzeigen. Bei News.me sind klassische Inhalte-Produzenten wie die New York Times oder die Nachrichtenagentur AP von vorneherein eingebunden. Tatsächlich ist News.me ein Gemeinschaftsprodukt des Link-Verkürzers Bit.ly mit dem Research & Development Lab der New York Times. Einmal gestartet, soll der Dienst 99 Cent pro Woche oder 34,99 US-Dollar pro Jahr kosten.

Es erscheint gewagt, für einen Inhalte-Aufbereiter, Abo-Gebühren zu verlangen. Außerdem gibt es auch ansonsten noch viele Fragezeichen bei News.me – zum Beispiel ob die Daten eines einzigen Link-Verkürzers wirklich ausreichend sind für die Auswahl und Gewichtung eines Inhalte-Stroms. Aber immerhin gibt es bei News.me bereits in Ansätzen ein Geschäftsmodell. Bei Flipboard gibt es noch gar nichts, außer dem hübschen Interface. Flipboard hat sogar einen Browser integriert, der die Werbung von den Ursprungs-Seiten ausblendet. Der Flipboard-Fan Filloux feiert dies als Wohltat für den Leser, der von hässlicher Web-Werbung verschont bleibt. Dass die ästhetisch aufbereiteten, werbefreien Inhalte aber auch Irgendjemand bezahlen muss – dieser Aspekt bleibt außen vor.

Das Tech-Blog des Wall Street Journal, “All Things D”, hat vorgerechnet, dass Flipboard derzeit mit rund 200 Millionen Dollar bewertet ist – ganz schön viel für ein Startup ohne Erlösmodell mit 32 Mitarbeitern. Filloux rechnet dagegen, dass die gesamte französische Le-Monde-Gruppe mit 644 Journalisten derzeit mit rund 100 Millionen Dollar bewertet wird. Für ihn ist das ein Beweis der Stärke des Modells Flipboard gegenüber den “alten” Medien. Man könnte aber auch die These vertreten, dass Startups wie Flipboard in der Jagd auf “das nächste Facebook” oder “das nächste Twitter” derzeit gnadenlos überbewertet und klassische Medienunternehmen wie Le Monde gnadenlos unterbewertet werden.

Wenn man darauf wetten müssten, welches Unternehmen in fünf Jahren noch da ist – Flipboard oder Le Monde – wäre man womöglich nicht schlecht beraten, auf die Zeitung zu setzen.

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