RTL II-„Medium“: im Jenseits nichts Neues

Die Schweiz gerät zu einem Mekka für Medien: Kim-Ann-Jannes (“Das Medium“) baggerte für RTL nach Uwe Barschel in der Zwischenwelt. Auch RTL II bediente sich nun am Medien-Markt der Eidgenossen. Gestern durfte Martin Zoller, 41, ran. Schweizer natürlich. Und Aura-Leser. Und weil Aura im übertragenen Sinne nicht nur Schimmer, sondern auch Lufthauch bedeutet, hat Zoller als Referenz die Ortung eines im bolivianischen Urwald abgestürzten Flugzeuges aufzuweisen. Ganz so erfolgreich war Zoller gestern nicht.

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Auch ein Medium braucht medialen Auftritt: Auf der Website des in Paris geborenen Schweizers erfährt man nicht nur, dass Genetiv und Sprache nur begrenzt die Freunde des Mediums sind und darüber hinaus, dass er die Ortung des verschwundenen Flugzeugs in Bolivien “dank seinem sechsten Sinn“ bewerkstelligte, dass er “Entführungen analysiere und staatliche Sicherheitsdienste dabei unterstütze, terroristische Aktivitäten vorherzusehen“. Viele “seiner Visionen wurden in der internationalen Presse veröffentlicht“.
Ein Hans Dampf in allen Gassen! So mochte man denken, wenn man innerhalb eines minutenkurzen, aber überaus ausführlichen Studiums der Website Zollers erfährt, dass er “2005 und 2006 in Südamerika eine eigene, erfolgreiche Fernsehsendung moderierte“. Doch damit nicht genug mit dem Leistungsportfolio des – somit doppelten – Medienprofis:  
Zoller kann eigenen Angaben nach “Menschen durchleuchten“ und sichert sich so intelligent Zielgruppen, welche die radioaktive Belastung von Radiologen scheuen mögen. Weiter im Portfolio des Schweizers: “Lokalisierung von Rohöl, Mineralien und Edelmetallen“. Und jenen nichtswürdig Ungläubigen, die überflüssigerweise in grenzenloser Ignoranz an ihren Zweifeln gegenüber dem Medium festhalten mögen, oder gerade einfach kein Rohöl suchen möchten, bietet Zoller zur Beruhigung mit historisch-wissenschaftlicher Begründung für den Mehrwert schnell mal eben noch zwei sogenannte “Segelseminare“ an, die es Teilnehmern ermöglichen, “schneller und energiesparender an ihre Ziele zu kommen. Schon vor Jahrhunderten haben sich die Visionen und Intuitionen unserer Seefahrer bestätigt und das nur, weil sie fest an sich und ihre Bilder glaubten. Ferdinand Magellan erbrachte mit der ersten Weltumsegelung den endgültigen Beweis für die Kugelform der Erde.“ 
Trotz bahnbrechender Publikationen, wie etwa seinem publizistischen Meisterwerk “Wenn die Dämonen rufen“, oder dem Werk “Hellsichtig“, in welchem Zoller seine Beratertätigkeit “für ehemalige (!!!) Diktatoren und Geheimdienstler“ beschreibt, trotz mehrerer Interviews und Berichte bei “ultrafeel.tv“ blieb Zoller bislang – zurecht – unterschätzt. Das wird nun anders.
Ein deutscher Fernsehsender aus Grünwald beging diesen Fehler nicht. Gestern nun durfte “der mediale Profiler“, der sich selbst in aller spirituellen Bescheidenheit als “weltbekannt“ beschreibt, das Füllhorn globaler Zwischenwelt-Expertise auch für den Wissenschaftssender RTLII öffnen. Titel der wahrscheinlich mehrteiligen Veranstaltung: “Verschwunden. Ein Medium sucht Spuren“.
Das Format selbst ist handwerklich übrigens gut produziert. Spannungsbogen, Bilder, Musik und Sprecher aus dem Off passen und sind allesamt von höherer Qualität, als die Ergebnisse des Meisters selbst. Zwei Fälle sollten gelöst werden: Ein nach Streit mit dem Freund vor annähernd zehn Jahren verschwundenes Mädchen. Und ein Handwerker, der nach dem “Ich-bin-dann-mal-weg-Prinzip“ in der Pause von Arbeit und Heim wortlos verschwand und nach vielen Jahren der Ehe Frau und Bastelschuppen zurückließ.
Zoller werden Fotos vorgelegt und die spirituelle Fachkraft liest die Aura. Nach wenigen Sekunden dann die für Angehörige, Polizei und Zuschauer nicht ganz unwichtige Diagnose: Zoller entscheidet, ob die gesuchten Personen tot oder lebendig sind. Endlich einmal jemand, die die wahre Kraft von Photographie zu schätzen weiß, mochte man vorschnell denken.
Dann die Vorbereitung des Outdoor-Teils des Formates. Es geht ans Aufspüren der Verschwundenen. Nun endlich kann die bolivianische Flugzeugsabsturz-Kompetenz des Schweizers auch für niedersächsische Ordnungsbehörden nutzbar gemacht werden.
Konzentriert starrt das Medium auf Straßenkarten und den großen Flatscreen mit den geographischen Bildern der Gegenden. Manikürte Hände durchkreuzen die Luft über Schirm und Karte. Schnell wird klar: Der Meister arbeitet wireless. So also, denkt man, geht Aura-Lesen: nahtlos drahtlos. Und für alle, die nicht im Thema sind, erklärt Zoller – halb Hanussen, halb Google Street View – hinterher Methode und Prozess.
Danach geht’s ins platte Land und auf die Suche in Parks, Kanälen und Wäldern. Diagnostisches Element des Real-Life-Checks ist die Vision des Meisters.  Denn wie der Mensch seine Aura, ein Photograph sein Motiv, hat ein Medium seine Vision immer dabei. Das ist ohne Zweifel praktisch. Zoller grenzt den Fundort der angeblichen Leiche des verschwundenen Mädchens auf einen Sektor mit einem Durchmesser von 15 Kilometern ein. Durch eine Einblendung erfährt man, die Polizei nehme die Suche nach nunmehr zehn Jahren wieder auf, wenn “weitere Hinweise eingingen“. Das wirkt nur begrenzt wertschätzend und enttäuscht ein wenig. Wo sich Zoller und RTLII doch so viel Arbeit gemacht haben. Ex-Diktatoren, Ölsuchende oder Bolivianer hätten dem Schweizer Jean Pütz der Esoterik wahrscheinlich mehr Respekt gezollert als rückständige deutsche Ordnungsbehörden auf dem platten Land.
Der Protagonist des zweiten Falles ist laut Zoller erstens am Leben, zweitens wahrscheinlich in der Nähe von Budapest und drittens bei einer anderen Frau. Irgendwie habe es mit der Ehe nicht gestimmt. Und introvertiert sei er auch gewesen, der wortlos verschwundene Handwerker. Ohne Zweifel nicht nur eine präzise Diagnose, sondern ein eindrucksvoller Beleg für die Effizienz des Aura-Lesens. Sensibel auch von Sender und Produktion, dass man darauf verzichtet, Zuschauer und Angehörige mit überprüfbaren Ergebnissen zu überfordern.
Nichts Neues also in der Zwischenwelt. Wer an Formaten interessiert ist, die Gerichtsmediziner auf die Spurensuche nach Mördern schicken, ist bei “Verschwunden. Ein Medium sucht Spuren“ gut aufgehoben. Vernünftig produziert ist die Sendung allemal, und den kleinen Edgar-Wallace-Themse-Nebel-Effekt erhält man obendrauf.  Öl hat man nicht finden können, aber schmierig war´s trotzdem. Der Meister selbst sieht es anders: Zoller, ganz in schwarz, lümmelt sich gegen Ende der Sendung wie ein Stehgeiger im Café im Bild herum und resümiert:
„Es ist immer sehr schön, dass man anhand der Reaktion der Menschen, mit denen man gearbeitet hat, etwas ausgelöst hat.“
Na ja, so denkt man: wie angenehm, dass in unserer oberflächlichen, schnelllebigen  und atemlosen Zeit noch Medien und Menschen existieren, die den Kern des Wesentlichen nicht verloren haben und mit wirklich wenig zufrieden sein können.

Mehr über den Autor: http://www.leadership-academy.de

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