Der schnelle und unnötige Tod der Flip Cam

Der US-Netzwerk-Ausrüster Cisco Systems hat die Produktion der Flip Videokameras eingestellt. Die Mini-Kamera verkauft sich nach wie vor hervorragend, ein neues Modell mit Live-Funktion stand kurz vor der Veröffentlichung. Der plötzliche Tod der Flip kommt also überraschend. Nun wird allenthalben gemutmaßt, dass eine reine Videokamera keine Chance hätte gegen iPhone und Co. Aber dieser Erklärungsversuch greift zu kurz.

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Smartphones wie das iPhone oder das Samsung Galaxy sind ohne Zweifel mächtige Apparate, die eine Vielzahl von Funktionen in sich vereinen können. Bild.de hat gerade aufgezählt, welche Geräte durch Smartphones ersetzt werden oder bereits wurden. Das sind u.a. die Wasserwaage, der Terminkalender, Foto-Alben, Musikspieler und natürlich Video- und Fotokameras. Dazu passt, dass das iPhone 4 dabei ist, die meist benutzte Kamera beim Foto-Dienst Flickr zu werden.

Hatte die Flip Cam also schlicht keine Chance, gegen die allmächtigen Alleskönner der Smartphones? Diese Erklärung wäre zu simpel. Für spezialisierte Geräte, die zwar nur eine Sache können, die dafür aber besonders gut, gab und gibt es immer einen Markt. Niemand käme zum Beispiel auf die Idee, seine Küchenmesser wegzuschmeißen, weil er ein Schweizer Taschenmesser in der Hose hat. Die Flip Cam war, man muss nun ja wohl die Vergangenheitsform benutzen, ein ausgereiftes und ausgezeichnetes Produkt. Sie war vor allem simpel zu benutzen, denn die Kamera hatte im wesentlichen nur einen roten Knopf. Mit dem konnte man Aufnahmen starten und stoppen. Das klappte mit einem Handgriff und ging superschnell. Mit einem Smartphone muss man erst einmal swischen und wischen, bevor man in der Fülle der Apps die Kamera-App gefunden und auf Videofunktion eingestellt hat.

Die Flip Cam hatte ihre Software und ihren USB-Anschluss eingebaut. Es gab keine Kompatibilitätsprobleme und keine Sucherei nach dem Kabel. Und, das vor allem, die Ergebnisse waren einfach bestechend gut für eine so kleine Kamera. Bei Amazon USA ist die Flip nach wie vor die bestverkaufte kompakte Videokamera, auch im deutschen Amazon-Store steht die Flip ganz weit oben in der Verkaufs-Hitliste. Zahlreiche Kamera-Anbieter haben Kopien der Flip auf den Markt gebracht, um dem Erfolgsmodell nachzueifern.

Am 14. April sollte eigentlich in den USA das neuste Flip Modell auf den Markt kommen, die Flip Live. Eine Kamera, die Live-Video-Übertragungen ins Internet ermöglicht hätte. Mit ziemlicher Sicherheit wäre das wieder ein Verkaufserfolg geworden. Die Flip wurde erstmals im Jahr 2007 verkauft und hat heute in den USA einen Marktanteil von 35 Prozent bei den Camcordern. Ein Misserfolg sieht anders aus. Die Flip-Gründerfirma Pure Digital verkaufte die kleinem Kameras 2009 für 590 Mio. US-Dollar an den Netzwerk-Riesen Cisco, der jetzt kurzen Prozess machte und die 550 Flip-Mitarbeiter rausschmeißt. Der Tech-Kolumnist der New York Times, David Pogue, stellt mit Recht die Frage, warum Cisco die Flip nicht wenigstens wieder verkauft hat, wenn die Firma mit dem Kamera-Geschäft schon nichts anfangen konnte.

Eine gute Frage, auf die es eigentlich nur zwei mögliche Antworten gibt. Entweder, man weiß bei Cisco nicht genau, was man da tut. Oder man war lediglich scharf auf die Technik der Flip-Cams, um sie für das angestammte Geschäft mit Video-Konferenzen zu nutzen, was auch Pogue vermutet. So oder so – die Konkurrenten der Flip dürften sich freuen. Dass Kodak, Samsung und Co. ihre Flip-Nachahmer vom Markt nehmen würden, weil sie Angst vor dem iPhone haben, davon ist jedenfalls nichts bekannt.

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