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Was die Zeit als Selbstbespiegelung anrichtet

Dass Journalisten über Journalismus schreiben, scheint sich zu einem neuen Trend zu entwickeln - und zwar nicht nur bei auf Medien spezialisierten Angeboten wie MEEDIA. Diese Woche widmete die Zeit fast ihr ganzes Magazin einer Selbstbespiegelung unter dem Titel “Was wir Journalisten anrichten”. Wir haben uns das Heft mal genauer angeschaut und hätten da noch die eine oder andere Anmerkung. Eine kleine Kritik an der Selbstkritik.

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Erster Gedanke beim Betrachten des Titels: Haben die Macher des Zeit Magazins eigentlich noch im Kopf gehabt, dass ihr Titel “Was Journalisten anrichten” eigentlich geklaut ist? Und zwar ausgerechnet von Hannelore Kohl! Die verfasste nämlich 1992 ein Kochbuch, das in der pfälzischen Verlagsanstalt unter genau diesem Titel erschien. Die Zeit meint den Titel aber weniger doppeldeutig als das alte Kohl-Kochbuch, sondern ganz ernst.

“Über uns selbst schreiben wir Journalisten eher selten – bitte keine Selbstbespiegelung, die will doch niemand lesen”, heißt es einigermaßen überraschend im Editorial dieses Zeit Magazins. Dass Journalisten selten über Journalisten schreiben, können wir nun nicht finden. Okay, wir bei MEEDIA machen das ohnehin andauernd, aber auch die Massenmedien wenden sich thematisch immer öfter anderen Medien als Thema zu. Augenfälligstes Beispiel war neulich die große Titelgeschichte des Spiegel über die Bild-Zeitung. Und erst kürzlich brachte auch die Zeit ein großes Interview mit Focus-Chefredakteur Wolfram Weimer, das so auch in jedem Branchen-Medium hätte stehen können. Der NDR unterhält mit “Zapp” ein eigenes Medienmagazin usw., Süddeutsche und FAZ und andere Zeitungen haben eine tägliche Medienseite usw.

Der erste Artikel in dem Zeit-Special über Journalisten befasst sich mit der Finanzkrise und warum, wieso, weshalb die Wirtschaftsjournalisten nichts haben kommen sehen. Das ist schön zusammengetragen, aber auch ein bisschen abgehangen. Das nächste Stück ist schon interessanter. “In eigener Sache” schreiben vier Zeit-Journalisten ihre persönlichen Gedanken über die eigene Profession auf. Der “normale” Leser mag hier schnell weiterblättern, als Medienfuzzi verweilt man dann doch etwas länger und schaut, was die Kollegen über den eigenen Berufstand so denken. Drei der vier kurzen Texte sind lesenswerte Reflexionen über die eigene Profession. Nur Zeit-Feuilleton-Chef Jens Jessen sticht negativ heraus mit einer beleidigten “Kleinen Rede an die Verächter des Feuilletons”. Jessen beklagt sich wortreich über die Verachtung, die Feuilletonisten wie ihm seit Jahrhunderten entgegenschlage. Dabei will er doch nur die Hochkultur verteidigen. Da ist entschieden zu viel Selbstmitleid in dieser Selbstbespiegelung.

Der aufsehenerregendste Artikel des Magazins, der auch via Pressemitteilung hinausposaunt wurde, ist natürlich das Stück zum Boulevard-Journalismus “Wer sticht wen”, in dem Bild und Bunte mal wieder stellvertretend für die ganzen Schmutzfinke der Branche herhalten müssen. Der Berliner Medienanwalt Christian Schertz äußert sich da reichlich gönnerhaft über die Spielregeln des Boulevards. Die Praktiken von Leuten wie Schertz, schon vor der Veröffentlichung von Artikeln Redaktionen mit möglichen teuren juristischen Folgen zu drohen, bleibt unkritisiert im Raum stehen. Und Schertz muss mit seiner bunten Mandantschaft auch als Beleg für die These herhalten, dass es da eine neue Generation von Prominenten gebe, die wisse, dass sie Bild und Bunte nicht brauche. Das seien Leute wie Heike Makatsch, Nora Tschirner oder Christian Ulmen. Na ja. Heike Makatsch wurde auch schon in großen Bunte-Interviews abgefeiert und erhielt 2007 sogar zwei Burda-Bambis, die sie brav entgegennahm. Und Christian Ulmen war gerade neulich mit seiner Verlobten Collien Fernandes in einer großen, mehrseitigen Bunte-Strecke unter der Überschrift “Ein total verrücktes (und verliebtes) Paar”, wo er heiter und auskunftfreudig über Privates plauderte. Es wirkte nicht, als habe man ihn gezwungen.

Den vernünftigsten Satz in dem Artikel sagt ausgerechnet Regie-Maniac Dieter Wedel. Der meint, man könne nicht in diesen Beruf gehen und mit Medien nix zu tun haben wollen: “Man teilt aus, man steckt ein, und dann redet man wieder miteinander.”

Eine interessante Teilnehmerin an dem großen Zeit-Selbstbespiegelung-Festival wäre die Zeit-Gerichtsreporterin Sabine Rückert gewesen. Sie schrieb bereits zahlreiche große Artikel in der Zeit zum aktuellen Prozess gegen den ehemaligen ARD-Wetterexperten Jörg Kachelmann wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung, “vergaß” aber jedesmal ihre eigene äußert aktive Rolle in der Geschichte zu erwähnen. Sie hatte Kachelmann nämlich seinen neuen Verteidiger Johann Schwenn besorgt, mit dem sie in der Vergangenheit auch schon für ein Buch zusammengearbeitet hat. Das wäre mal eine interessante Selbst-Reflexion gewesen.

A propos Johann Schwenn. Der hat es in dieser Woche auch mit einer eigenen Geschichte in die Boulevard-Medien geschafft, nämlich in Bild.de. Weil er mit einer Geschwindigkeitsübertretung von 41 km/h geblitzt wurde, droht ihm jetzt der Führerscheinentzug. Schwenn legte Widerspruch ein und lässt sich in der Sache vor dem Heidelberger Amtsgericht von seiner Kollegin im Kachelmann-Prozess, der Strafverteidigerin Andrea Combé, vertreten. Anwälte, Medien und Prominente: Wahrscheinlich können sie wirklich nicht ohne einander.

Wedel hat Recht!

Schönes Wochenende!

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