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Filmemacher testet neue Bezahlmodelle

Eine Web-Serie auf der Berlinale? Klingt ungewöhnlich, kommt mittlerweile aber durchaus vor. In diesem Jahr hat ein Team um den Produzenten Stefan Gieren sein Projekt "The ultimate Superhero Blog" vorgestellt. Die Web-Serie ist bereits abgedreht, soll als Dokumentation sogar in alternativen Kinos laufen. Eine DVD gibt es später auch zu kaufen. Bis dahin muss sich das Projekt über eine bezahlpflichtige iPhone-App finanzieren. Ob das am Ende reichen wird, um die Kosten zu decken, ist fraglich.

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Bei der Web-Serie "The ultimate Superhero Blog" verliert man schnell mal den Überblick. Denn die von Gieren erfundene Figur Robin W. Schrader (gespielt von Marcel Glauche) treibt sich bei Facebook, Twitter und Youtube herum, kann ihre Status-Updates aber natürlich nicht selbst online stellen. Hinter den Social-Media-Accounts stecken der Autor Tommy Draper, der Regisseur Sascha Zimmermann und Gieren selbst. Deshalb weiß man nie so genau, mit wem man es gerade zu tun hat. Ein Geheimnis machen sie daraus aber nicht. "Wir simulieren die Realität. Aber wenn uns jemand fragt, sagen wir ganz offen, dass Robin eine Kunstfigur ist." Deshalb nennen die Beteiligten ihr Projekt auch nicht "Web-Serie", sondern "Alternate Reality Game" Bei solch einem Spiel wird die Grenze zwischen fiktiven Ereignissen und realen Erlebnissen bewusst verwischt.
Robin liest in der Superhelden-Zeitung Superhero Today
Zur Story: Robin möchte Superheld werden und macht deshalb in New York ein Praktikum bei der Superhero-Legende Captain Impact (Jeff Caster). Seine Erlebnisse teilt er in Echtzeit per Facebook, Twitter, Youtube und Tumblr mit. Robin arbeitet hart daran, spezielle Kräfte zu entwickeln, ist ein braver Schüler und ignoriert tapfer, dass sein Vorbild Captain Impact inzwischen zu einem versoffenen Wrack mutiert ist. Viel lernen kann er von ihm nicht. Also bedarf es eines besonderen Ereignisses, um Superkräfte zu entwickeln. Robin bestrahlt deshalb Spinnen mit radioaktiven Substanzen in der Hoffnung, dass sie ihn beißen und er Superkräfte bekommt. Der Versuch ist aber genau so zum Scheitern verurteilt wie seine Bestrebungen reich zu werden und einen hoch technischen Kampfanzug zu bauen. Eines Tages karrt ihn ein Lieferwagen an – und das mit den Superkräften klappt doch noch.
Die Story wurde von Gieren und dem Regisseur Zimmermann mit der Produktionsfirma Fiction Zwei Null in Szene gesetzt. Offizieller Start des Alternate Reality Games soll im Juni oder Juli sein. Zuvor will Gieren 5.000 Facebook-Fans für das Projekt gewinnen. "Mit dieser kritischen Masse können wir schnell wachsen", erwartet der studierte Medientechniker. Dann stellen Gieren, Zimmermann und ihr Autorenkollege Tommy Draper in einem Zeitraum von drei Monaten regelmäßig neue Videos im Blog online, die die Geschichte von Robin in Echtzeit erzählen. "An manchen Tagen", erklärt der 31-Jährige, "werden mehrere Beiträge erscheinen, aber dann auch mal eine Woche gar keine." Es komme immer darauf an, was Robin gerade erlebt.
Die besten Zeiten von Captain Impacht sind längst Geschichte
Sämtliche Blogeinträge, Tweets und Statusmeldungen teilt Robin auf Englisch. Dadurch greifen sogar Menschen aus Uganda oder Namibia auf das Angebot zu. Den meisten Traffic verbuchen das Blog und die Facebook-Seite aber aus Deutschland sowie den USA. "Robin kann die Updates aber natürlich nicht persönlich online stellen", erklärt Gieren.
Die Idee zu "The ultimate Superhero Blog" entstand im Herbst 2010. Zwischen Oktober und November produzierte das Team alle Videos für das Blog. Erste Ausschnitte sind bereits auf der Webseite zu sehen. Zudem haben Gieren und seine Kollegen einen Dokumentarfilm über Robin nach seinem Praktikum bei Captain Impact gedreht. Dieser ist 65 Minuten lang. Eine ältere, zwei Stunden lange Version präsentierte das Team auf der Berlinale. "Für einen jungen Filmemacher ist das natürlich eine große Ehre", schwärmt der 31-Jährige. In der Doku begleitet ein Journalist den Nachwuchs-Superhelden, dessen Spitzname "Krautboy" lautet und der Hamburgs Bürger vor bösen Mächten beschützt. Er führt Interviews mit Robins Mutter, mit Captain Impact und weiteren Charakteren aus der Serie.
Robin W. Schrader in seiner Verkleidung als "Krautboy"
"The ultimate Superhero Blog" wird vom EU-Projekt First Motion der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein gefördert. Ohne die Zuschüsse wäre die Produktion womöglich schwierig gewesen, denn eine direkte Refinanzierung gibt es bisher nicht. Für Einnahmen sorgen soll das bezahlpflichtige iPhone-Programm, das alle Social-Media-Aktivitäten bündeln wird, aber auch erst in rund zwei Monaten zum Download zur Verfügung steht. Eine abgespeckte, kostenlose Version wird es auch geben. "Für mich ist das Superhero-Blog ein Experiment", sagt Gieren, der seit 2004 für Studio-Hamburg arbeitet. Bis 2008 verantwortete er als Streaming-Engineer die IPTV-Sendekette von sportdigital.tv. Zudem betreibt er als Mitgründer und zweiter Vorstand des "Förderkreises Herai-TV e.V." einen Sender für Bildungsfernsehen in Afghanistan. Sein Geld verdient er zurzeit also noch mit anderen Projekten.

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