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Die entlarvende E-Mail der Zeit-Autorin

In dieser Woche machte die Zeit die Selbstbespiegelung der Medienbranche zum Titelthema. "Was Journalisten anrichten" lautet die Headline. Unter derselben Überschrift hätte man auch eine Polemik von Zeit-Autorin Sabine Rückert zum Fall Kachelmann stellen können - als Lehrstück in Sachen dubioser Kampagnenberichterstattung. Eine E-Mail, die MEEDIA vorliegt, offenbart nun, wie getrieben Rückert agiert und wie sehr sie hier jegliche journalistische Distanz aufgibt.

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MEEDIA hatte bereits am Dienstag über den "medialen Missbrauch" beim Vergewaltigungsprozess gegen den ehemaligen ARD-Moderator berichtet. Dabei ging es vor allem um die Abrechnung Rückerts mit Belastungszeuginnen und ehemaligen Partnerinnen Kachelmanns, denen die Autorin "die weibliche Bereitschaft zum Selbstbetrug" attestierte und deren Glaubwürdigkeit sie offen in Frage stellte: "Wer will solche Frauen ernst nehmen?"
Warum Rückert gerade mit mit denen so hart ins Gericht geht, die im Zeugenstand und / oder in den Medien Kritisches über den Angeklagten äußern, ist für Prozessbeobachter kein Geheimnis: Die 50-Jährige ist über ein Buchprojekt mit Kachelmanns Wahlverteidiger Johann Schwenn verbandelt und hat wohl maßgeblich mit dafür gesorgt, dass der Hamburger mitten im Verfahren den Platz des Kölner Rechtsanwaltes Reinhard Birkenstock einnahm.
Das alles ist durchaus bekannt. Doch wie die Autorin dabei vorging, ist ebenso bemerkenswert wie – zumindest nach journalistischer Ethik – bedenklich. In einer am 21. Mai vorigen Jahres an den damaligen Prozessvertreter Kachelmanns vom offiziellen Zeit-Redaktionsaccount versandten Mail (Betreff: "Rechtsanwalt Birkenstock persönlich") schreibt Rückert darüber, wie sie sich die "Zusammenarbeit" mit ihm vorstellt und kanzelt den Juristen dabei ab. Wörtlich heißt es:
"Was Sie mir bisher berichtet haben, zwingt zu dem Schluss, dass Sie der Ansicht sind, ein Strafverfahren dieses Kalibers sei durch das Erzeugen medialen Drucks im Sinne Ihres Mandanten zu beeinflussen. In diesem Zusammenhang finde ich es – gelinde gesagt – Besorgnis erregend, dass Sie für diese Strategie auch noch den Segen des Gerichts erbitten wollen."
Rückert tritt hier nicht als Berichterstatterin, sondern eher als Coach des Anwalts auf, und sie macht auch klar, was sie von einer solchen "medialen Gegenoffensive" hält: nichts. Sie klärt ihn geradezu herablassend auf:
"Erforderlich wäre eine hochprofessionelle Verteidigung, die – wie ich Ihnen nicht zu erläutern brauche – bis zum Beginn der … Hauptverhandlung vor allem eine schriftliche sein muss."
Nicht der einzige Vorwurf Rückerts gegen den Verteidiger:
"Sie halten es offenbar anders, sprechen mit diesem und jenem und meinen, es komme mehr auf das Drumherum als auf das Stück selber an. (…) Die von Ihnen gesammelten Gutachten haben Sie … nicht in effektive Verteidigung umgesetzt. Dass unter solchen Umständen ‚die Enthaftung etwas länger dauert‘, wie Sie zitiert werden, kann Sie doch nicht ernstlich wundern."
Nichts spricht grundsätzlich dagegen, dass Rückert diese Ansicht hat, sie öffentlich vertritt oder auch gegenüber dem betroffenen Anwalt Birkenstock äußert. Man mag einwenden, dass es angeblich Birkenstock war, der sich zunächst mit der Bitte um Unterstützung an die Zeit-Autorin gewandt haben soll. Aber das ändert im Kern nichts. Denn die Autorin verfolgt bei der "Zusammenarbeit" ein Ziel, das in keiner Weise von einem journalistischen Auftrag gedeckt ist. Sie bietet die Komplizenschaft bei der Verteidigung an, natürlich nicht ohne Bedingungen zu stellen:
"Wir können nur zusammen kommen, wenn Ihre Verteidigung in dem angedeuteten Sinne professionalisiert wird, dazu sollten Sie sich überlegen, einen Kollegen einzubinden, der Verfahren dieser Art auch gewachsen ist. Wenn Sie mein Buch gelesen haben, wissen Sie, wen ich in einem solchen Fall wählen würde."
Rückert erwähnt nicht nur ihr Buch über ein Wiederaufnahmeverfahren in einem Vergewaltigungs-Fall, der schließlich zum Freispruch des Verurteilten führte; sie fordert vom damaligen Kachelmann-Verteidiger auch, dass er einen bestimmten, von ihr geschätzten Anwalt ins Team nimmt: den Hamburger Johann Schwenn. Wer so agiert, hat mehr im Sinn, als einen Gerichtsprozess zu begleiten, und Rückert scheut nicht davor zurück, dies unter der Absender-Mailadresse ihres Verlages auch deutlich zu benennen:
"Engagieren würde ich mich auch dann nur, wenn ich den Eindruck habe, dass die Verteidigung richtig liegt. Dies vorausgeschickt interessiert Sie vielleicht, wie die Zusammenarbeit zwischen Verteidigung und ZEIT in der ersten der beiden (im Buch beschriebenen) Wiederaufnahme ausgesehen hat: Am Tage des Erscheinens der ZEIT lag den Richtern des Landgerichts Osnabrück der dreihundert Seiten starke Wiederaufnahme-Antrag Ihres Kollegen Schwenn vor. Das hat dafür gesorgt, dass sich die Richter des Landgerichts Osnabrück und die Nebenklage gehütet haben, presserechtliche Schritte zu ergreifen. Denken Sie darüber nach."
Birkenstock dachte nach und lehnte das Ersuchen ab. Für ihn bedeutete dies in der Konsequenz das Aus als Prozessanwalt. Die Süddeutsche Zeitung über die Folgen: "In einem ‚Dossier‘ rügte Rückert daraufhin Birkenstocks ‚Schmusekurs‘ und ‚Durchsetzungsschwäche‘. Es sei zu befürchten, dass Birkenstock ’nicht das gesamte der Verteidigung zu Gebote stehende Instrumentarium der Strafprozessordnung gleichermaßen virtuos (beherrsche)‘, schrieb die Journalistin." Man mag sich ausmalen, wie ihr Urteil über Birkenstock ausgefallen wäre, wenn dieser dem Engagement Schwenns zugestimmt hätte. Dass sie den Wechsel in der Verteidigung bewirkt habe, bestritt Rückert seinerzeit gegenüber der SZ.
Auch der Kölner Stadtanzeiger hatte die Autorin unter Bezugnahme auf die Korrespondenz mit dem Anwalt mit der Frage nach der Verantwortbarkeit eines solchen Handelns konfrontiert. Rückert hatte dies damit begründet, dass sie sich "Fälle und Anwälte" sehr genau aussuche.
Wo immer die Grenze verläuft, in der ein Berichterstatter sich und sein Medium zum Instrument macht: Hier wurde sie weit überschritten. Kein Leser der Zeit wurde bei den Dossiers Rückerts über den Prozess über deren sehr spezielle Rolle in diesem Fall aufgeklärt. Und es wäre nicht verwunderlich, wenn auch darüber noch verhandelt wird: nicht vor Gericht, sondern vorm Presserat.

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